«Wir beantragen keinen Kredit»: Alt Stadtpräsident Roger Forrer hat das Gasthaus Weingarten in Steckborn gekauft – und muss nach drei Monaten wegen der Coronakrise schliessen

Die Idee, das Gasthaus zu übernehmen, kam ihm am Stammtisch. Nun hat die Coronakrise den Elan wenige Monate nach der Eröffnung gebremst.

Rahel Haag
Drucken
Teilen
Roger Forrer und Judith Kern vor dem Gasthaus Weingarten in Steckborn.

Roger Forrer und Judith Kern vor dem Gasthaus Weingarten in Steckborn.

(Bild: Rahel Haag)

Nur drei Monate nach der Neueröffnung Anfang Dezember musste das Gasthaus Weingarten in Steckborn schon wieder schliessen. «Gerade, als wir zum ersten Mal eine schwarze Null erreicht hatten», sagt Judith Kern. Sie sitzt gemeinsam mit Lebenspartner Roger Forrer im leeren Gasthaus Weingarten. Es ist aktuell komplett geschlossen. Auf ein Take-away-Angebot, wie es einige Restaurants in Zeiten von Corona anbieten, verzichtet man hier bewusst. «Das ist doch halblebig», sagt Forrer.

Der ehemalige Stadtpräsident und seine Partnerin verkehren regelmässig in den Steckborner Restaurants. «Häufige Pächterwechsel tun einem Gasthaus nicht gut», sagt Forrer. Am Stammtisch habe er Freunden gegenüber gesagt, dass man den «Weingarten» eigentlich selber kaufen sollte. «Die ehemalige Eigentümerin hat davon Wind bekommen und mich angerufen.» Er schmunzelt.

Von der Wirtin bereits Ende Januar wieder getrennt

Gestartet waren sie als vierköpfiges Team: Forrer als Eigentümer und Buchhalter, Kern als Vermieterin der sechs Zimmer, Martin Hagmüller als Koch und Carmen Marty als Wirtin. Die Zusammenarbeit mit Letzterer habe allerdings nicht geklappt. «Ende Januar haben wir uns einvernehmlich getrennt», sagt Kern. Seither ist sie die Geschäftsführerin.

Ihre Stelle als Sozialpädagogin im Gfellergut hat sie bereits im vergangenen Herbst auf kommenden Sommer gekündigt. Zum vermeintlich drastischen Wechsel sagt sie:

«Mir gefällt die Arbeit mit Menschen und der Stammtisch ist am Ende ja auch sehr sozial.»

Erfahrung in der Gastronomie bringt sie keine mit. Lediglich während ihres Studiums habe sie im «Dreiegg» in Frauenfeld gearbeitet. «Im Herbst will ich das Wirtepatent machen», sagt sie.

Nun hat die Coronakrise den Elan ausgebremst. Am Montag, 16. März, hätten sie noch mit Gästen am Stammtisch gesessen, dann kam die Nachricht, dass um Mitternacht sämtliche Restaurants schliessen müssen. «Wir haben anschliessend nicht alles ausgetrunken», sagt Kern, «obwohl uns danach zu Mute gewesen wäre.» Für den März hätten sie schon mehrere Saal-Reservationen für Geburtstagsfeste und Generalversammlungen von Vereinen gehabt. Das ist nun alles abgesagt.

Sich selber keinen Lohn ausbezahlt

Dennoch bereitet Forrer und Kern die aktuelle Krise keine schlaflosen Nächte. «Der grösste Posten sind aktuell die Löhne», sagt Forrer. Deshalb hätten sie unterdessen Kurzarbeit beantragt. Sich selber habe das Paar bisher keinen Lohn ausbezahlt. Darüber hinaus verfügten sie über einen «Notrappen». So ist für Forrer klar:

«Wir beantragen keinen Kredit vom Bund.»

Dies sei nicht nötig, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause ein «noch» hinzu.

Obwohl derzeit alles stillzustehen scheint, bleibt Judith Kern am Ball. Sie stehe mit dem Team in regem Austausch. Und sie hält fest: «Innert 48 Stunden wären wir parat und könnten das Gasthaus wieder aufmachen.» Der positive Abschluss im Februar habe sie beide zusätzlich beruhigt. Das Gasthaus Weingarten sei sozusagen ihr erstes Projekt als Paar. «Aktuell müssen wir schon schauen, dass wir nicht nur über den ‹Weingarten› reden», sagt Forrer und lächelt.