Wiedergeburt im nächsten Frühling: Nach dem Umzug innerhalb von Frauenfeld baut Architekt Gabriel Müller das fast 160 Jahre alte «Hexehüsli» wieder auf

Vor drei Jahren stand das historische Tiny-House noch hinter dem Schlosspark an der Murg. Nun hat kürzlich der Wiederaufbau des «Hexehüsli» in Althuben begonnen. Ingesamt 20'000 Teile gilt es zusammenzusetzen.

Mathias Frei
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Verregnetes Arbeiten am neuen alten «Hexehüsli»: Bauherr Gabriel Müller (auf der Leiter) studiert mit seinem Sohn Jonas den Plan, an der Schaltafel steht Remo Hafner, im Keller unten ist Beat Wyss zugange.

Verregnetes Arbeiten am neuen alten «Hexehüsli»: Bauherr Gabriel Müller (auf der Leiter) studiert mit seinem Sohn Jonas den Plan, an der Schaltafel steht Remo Hafner, im Keller unten ist Beat Wyss zugange.

(Bild: Donato Caspari)

Mit Religion hat dieses Projekt herzlich wenig zu tun, verrückt ist es aber alleweil. Einer zerlegt zusammen mit seinen Freunden ein fast 170 Jahre altes Häuschen in 20'000 Einzelteile und stellt es an einem ganz anderen Ort wieder. Dieser eine ist der Frauenfelder Architekt Gabriel Müller. Er hat sich auf historische Bausubstanz spezialisiert. Die Wiedergeburt des «Hexehüsli» setzt er auf nächsten Frühling an, dann sei das Drei-Zimmer-Haus bezugsbereit. Der Wiederaufbau hat kürzlich begonnen.

«Noch dieses Jahr soll Aufrichte sein. Der Dachdecker ist jedenfalls auf Dezember bestellt.»

Das meint Müller. Bis dahin liegt noch viel Arbeit vor dem Architekten und Familienvater. Arbeit, die nur Platz hat in seiner Freizeit.

Von der Bachstrasse an den Höhenweg

Im Jahr 1851 liess Andreas Wehrli, damals Mitglied der Frauenfelder Gemeindebehörde, das Rebhüsli mit dem speziellen Mansardendach errichten. Eine bauliche Erweiterung folgte 13 Jahre später.

An der Bachstrasse 7 musste der Bau Ende 2017 weichen. Die damaligen Besitzer wollten das «Hexehüsli» eigentlich erhalten. In ihrem Auftrag hatte der Architekt Gabriel Müller im Gebiet Zürcherstrasse/Bachstrasse mehrere Liegenschaften saniert. Doch dann machte eine Auflage betreffend Tiefgaragenzugang dem zweigeschossigen Bau, der einen Gewölbekeller hat, einen Strich durch die Rechnung. Dem «Hexehüsli» drohte der Abriss. Vor diesem rettete Müller es. Seine neue Heimat ist nun in Althuben am Höhenweg 4. Die Parzelle gehört Müller. Ebendort stehen auch eine Trotte und ein Speicher, der im Kern von 1507 datiert. (ma)

Da tut auch nichts zur Sache, dass es einen Vormittag lang regnet – wie vergangenen Samstag. Bauherr Müller ist auf der Baustelle. Sein Sohn Jonas (16) hilft mit, dazu zwei Kollegen: Beat Wyss, den man als langjährigen, mittlerweile pensionierten stellvertretenden Frauenfelder Werkhochchef kennt sowie der Ofenbauer Remo Hafner. Sie arbeiten an der Holzschalung für den Gewölbekeller. Der misslichen Umstände zum Trotz kommt Müller ins Schwärmen. Er spricht von seinem Recycling-Projekt. Und:

«Früher war es üblich, ganze Gebäude zu zügeln.»

Heutzutage dagegen seien Häuser nicht mehr für ein ganzes Lebensalter oder mehr ausgelegt, sondern vielleicht noch für 30 Jahre.

Im Juni 2019 beim symbolischen Startschuss, als das Hühnerhaus noch stand: vorne Gabriel Müller, hinten ein Teil der Handwerkerkollegen, die mithelfen.

Im Juni 2019 beim symbolischen Startschuss, als das Hühnerhaus noch stand: vorne Gabriel Müller, hinten ein Teil der Handwerkerkollegen, die mithelfen.

(Bild: Donato Caspari)

Handwerker helfen und Geld aus Crowdfunding

Müller kann auf die Unterstützung von 16 Handwerksunternehmen aus der Region zählen. Für diese Spezialisten ist das Projekt eine Herausforderung, der Umgang mit historischer Bausubstanz nicht alltäglich. Im Frühsommer 2019 hatten sie sich für den symbolischen Startschuss in Althuben versammelt. Damals stand gleichenorts noch ein Hühnerhaus. Das ist mittlerweile weg. Baubeginn hätte im gleichen Spätsommer sein sollen. Müller führte erfolgreich ein Crowdfunding durch. Ziel: 10'000 Franken; erreicht: 11'000 Franken. Für das ganze Projekt rechnet Müller mit einem hohen fünfstelligen Betrag, nebst dem Crowdfunding komplett eigenfinanziert.

Abbruch des Gewölbekellers an der Bachstrasse im Dezember 2017.

Abbruch des Gewölbekellers an der Bachstrasse im Dezember 2017.

(Bild: PD)

Verschiedene Umstände führten aber schliesslich zur Verzögerung von einem Jahr. Zum einen war Müller beruflich stark eingespannt. Die Sanierung des «Trompetenhüsli» an der Thundorferstrasse war aufwendiger als geplant. «Ich musste andere Prioritäten setzen.» Zum anderen wurden im Sommer 2019 auch Sondierungsbohrungen durchgeführt. Das Resultat: Der Untergrund war sehr feucht. Deshalb war der Plan, im Winter mit dem Aushub zu beginnen, da der Boden zu dieser Jahreszeit gefroren war. Dann kam die Coronapandemie dazwischen und legte den ganzen Baustellenbetrieb lahm.

Das «Hexehüsli» im Dezember 2017 kurz vor dem Abbau.

Das «Hexehüsli» im Dezember 2017 kurz vor dem Abbau.

(Bild: Andrea Stalder)
«Wir blieben in der Zwischenzeit aber nicht untätig.»
Blick ins Gebäude kurz vor dem Abbau im Dezember 2017.

Blick ins Gebäude kurz vor dem Abbau im Dezember 2017.

(Bild: Andrea Stalder)

Das sagt Gabriel Müller. So wurden die rund 500 Steine des Gewölbekellers geputzt und aufbereitet. Mit weiteren 100 Steinen aus Müllers Bauteilelager wird kommendes Wochenende das Gewölbe rekonstruiert. «Wir mauern traditionell mit Kalkmörtel», erklärt Müller. Der Aushub erfolgte nun diesen Sommer, das Wasser war nicht mehr so problematisch. Danach geht es ans Holz und die Holzwände. Mindestens 80 Prozent des Holzes sei noch in bestem Zustand. Für den Rest wird eingelagertes Altholz verwendet. Eine Zimmerei bringt das Holz auf Vordermann. Die Wände und die Decken werden in Elementbauweise vorbereitet und dann vor Ort zusammengesetzt. «Ziel wäre es, die Wände mit Sichtriegeln zu versehen.» So, wie das früher einmal war.

Blick ins Gebäude kurz vor dem Abbau im Dezember 2017.

Blick ins Gebäude kurz vor dem Abbau im Dezember 2017.

(Bild: Andrea Stalder)

Was die zukünftige Nutzung des «Hexehüsli» betrifft, bleibt Müller bei der Idee, die Räume für kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen zu nutzen. «Oder als temporäres Künstleratelier, etwa für ein Sabbatical.»

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