Wie der frühere SRF-Mann Martin Zinser zur helfenden Hand für Spitzensportler wurde

Jahrelang prägte und verantwortete Martin Zinser den Live-Sport im Schweizer Fernsehen. Nun startet der 57-Jährige aus Felben-Wellhausen mit «Sportlifeone» sein eigenes Business. Einer seiner Partner ist der frühere Präsident des FC Wil.

Matthias Hafen
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Der einstige WM-Radballer Martin Zinser ist dem Sport verbunden geblieben.

Der einstige WM-Radballer Martin Zinser ist dem Sport verbunden geblieben.

Matthias Scherrer/Sportlifeone

Hochhäuser sind eine Konstante in Martin Zinsers Leben. Ging er fast 25 Jahre lang im Fernsehturm in Zürich Leutschenbach ein und aus, ist nun der Business Tower in Frauenfeld sein neues berufliches Zuhause. Dort erfüllt sich der Zürcher Unterländer, der seit fast drei Jahrzehnten in Felben-Wellhausen wohnt, einen Lebenstraum – die berufliche Selbstständigkeit. Zusammen mit dem früheren FC-Wil-Präsidenten Roger Bigger sowie drei weiteren Partnern gründete Zinser im März Sportlifeone. Das Unternehmen bietet aktiven und ehemaligen Leistungssportlern Unterstützung in Sachen Vermögen, Steuern, Versicherung, Karriereberatung, Kommunikation und Marketing an. Wer die Aufnahmekriterien erfüllt, wird kostenlos Mitglied des Netzwerks. Die Mitglieder bezahlen nur für Leistungen, die sie in Anspruch nehmen.

Mit Fussballgoalie Diego Benaglio als offizieller Botschafter, Radprofi Stefan Küng sowie Tennisspielerin Alina Granwehr sind bereits ein paar Zugpferde an Bord. Neu ist die Idee nicht. Aber: «Unser Angebot deckt vor allem die Bedürfnisse, die beim Übertritt vom Profisport in den nächsten Lebensabschnitt entstehen», sagt Zinser. «Diesbezüglich werden Spitzensportler heute noch oft alleine gelassen.» Nicht zuletzt, weil sie von ihren Agenten fallengelassen werden, da man ab diesem Zeitpunkt kein Geld mehr mit ihnen verdienen kann.

Bei SRF für den ganzen Livesport verantwortlich

Zinsers berufliche Karriere ist eng mit dem Sport verbunden. Fünf Jahre lang war der ausgebildete Lehrer und frühere Sportredaktor des Winterthurer «Landboten» beim damaligen SF DRS Livekommentator, Sportreporter und Produzent. Dann stieg er zum Redaktionsleiter der Sportmagazine auf, bevor er schliesslich fast zwölf Jahre lang die sportliche Liveberichterstattung von SRF verantwortete. Besonders geprägt haben ihn die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi. «Als Verantwortlicher aller SRF-Livesendungen verbrachte ich fast vier Wochen in der russischen Stadt am Schwarzen Meer.» Dabei lernte Zinser auch die Schattenseiten des Sports hautnah kennen. Ein russischer Pensionär wurde seines Hauses enteignet, weil dort ein riesiger Parkplatz entstehen sollte. Und damit die Olympischen Sportstätten für drei Wochen während 24 Stunden beleuchtet werden konnten, wurde den Einwohnern von Sotschi der Strom zeitweise abgedreht. Zinser sagt:

«Ich liebe den Sport, aber er hat auch eine hässliche Seite.»

In all den Jahren begegnete der TV-Mann zahlreichen Schweizer Profisportlern und Funktionären. Immer wieder kamen die Gespräche auch auf die Zeit nach der Karriere. Und Zinser bemerkte, dass in dieser Thematik viele offene Fragen bestehen. «In der Schweiz ist alles auf das Pensionsalter 65 ausgerichtet», sagt Zinser. «Kaum einer denkt an die Sportler, die ihre berufliche Karriere mit 35 Jahren oder früher beenden müssen.» Hier wolle er mit Sportlifeone ansetzen, so der Geschäftsführer des neu gegründeten Unternehmens.

Zinser, Zülle und ein Zufall

Nationale Berühmtheit erlangte Martin Zinser 1998 mit einem Fernsehinterview. Es war dem damals 35-jährigen TV-Journalisten des Schweizer Fernsehens vorbehalten, den eben aus der Untersuchungshaft in Frankreich entlassenen Radprofi Alex Zülle zu seinem Dopinggeständnis im Rahmen der sogenannten «Festina-Affäre» zu befragen. «Wir kannten uns schon von früheren Rennen», sagt Zinser. «Und unsere Beziehung war geprägt vom gegenseitigen Respekt.» Journalist Zinser schaffte es, dem damals arg gescholtenen Schweizer Radprofi in dessen Garten in Zuckenriet emotionale Aussagen zu entlocken. «Mir war es wichtig, den Menschen Alex Zülle trotz dessen Dopingmissbrauchs nicht blosszustellen», sagt Zinser. Am Ende des etwa einstündigen Gesprächs brach der Profisportler in Tränen aus. Das ist auch im achtminütigen Zusammenschnitt aus dem damaligen «Sport aktuell» zu sehen.

Martin Zinser (links) 1998 im legendären Interview mit Alex Zülle.

Martin Zinser (links) 1998 im legendären Interview mit Alex Zülle.

Screenshot

Zinsers Interview schaffte es im Zuge des EPO-Skandals der Tour de France 1998 bis ins französische Fernsehen. Zinser und Zülle verbindet heute noch eine Kollegialität – und nicht nur das: Es war Alex Zülle, der die beiden Geschäftspartner Martin Zinser und Roger Bigger für das Projekt Sportlifeone zusammenbrachte. «Ich erzählte Zülle beiläufig von meinen Absichten und er wies mich darauf hin, dass der damalige FC-Wil-Präsident Bigger an einer ähnlichen Business-Idee herumstudiert», erzählt Zinser. Schliesslich habe Zülle die beiden zusammengebracht und Sportlifeone nahm über die vergangenen drei Jahre Form an.

Vom früheren Arbeitgeber aus dem Markt gedrängt

Das Netzwerk für Spitzensportler ist nicht die erste Idee, die Zinser für seine Selbstständigkeit hatte. Es gab auch gescheiterte Projekte. Etwa, als er sein TV-Wissen im Sinne des Sports einsetzen wollte. Gemeinsam mit einem früheren SRF-Weggefährten und einem TV-Privatsender wollte Zinser jährlich zehn Schwingfeste produzieren und live ausstrahlen. Die Idee kam so gut an, dass SRF dem neuen Player die Geschäftsidee zunichtemachte, bevor die Testphase mit dem eidgenössischen Schwingverband beendet war. Zinser sagt:

«Da lernte ich das Schweizer Fernsehen erstmals auch von einer anderen Seite kennen.»

Groll hegt er deswegen keinen auf seinen früheren Arbeitgeber. Die Geschichte sensibilisierte ihn aber. «Wir haben mit Sportlifeone keine Ambitionen, ins Geschäft der Spieleragenten einzusteigen», sagt Zinser, in früheren Jahren Spitzenradballer und WM-Medaillengewinner. «Dort gibt es schon genug Leute, die das hervorragend machen.» Mit seinem Netzwerk will das Frauenfelder Unternehmen die Sportler dort abholen, wo sie von ihren Managern zu wenig Unterstützung erhalten. «Wir werden keine Transfers tätigen oder ähnlich.» Vielmehr wolle man mit vertrauenswürdigen, unabhängigen Partnern den Sportlern ausserhalb des Sports zur Seite stehen. Drei Jahre lang habe es gedauert, um die richtigen Partner zu finden. Sechs Firmen sind nun an Bord – alle sportaffin aber mit eigener Kundschaft auch ausserhalb des Sports. Damit ist der wirtschaftliche Schnauf für eine mehrjährige Startphase gegeben.

Roger Bigger (links), ehemaliger Präsident des FC Wil, und Martin Zinser spannen zusammen.

Roger Bigger (links), ehemaliger Präsident des FC Wil, und Martin Zinser spannen zusammen.

Matthias Scherrer/Sportlifeone