Interview

«Wichtig ist: Jetzt ist es anders»: Nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen im Schloss Berg haben neue Verantwortliche das Team stabilisiert

Das Pflegezentrum Schloss Berg stand im Frühjahr 2017 in der Kritik. Eine kantonale Überprüfung und eine Angehörigenbefragung zeichnen jetzt ein positives Bild.

Larissa Flammer
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Im Schloss Berg, einem historischen Gebäude an idyllischer Lage, führt Tertianum ein Alters- und Pflegezentrum. (Bild: Donato Caspari)

Im Schloss Berg, einem historischen Gebäude an idyllischer Lage, führt Tertianum ein Alters- und Pflegezentrum. (Bild: Donato Caspari)

Im Sommer 2015 übernahm die Tertianum AG die Seniocare AG – und damit auch das Alters- und Pflegezentrum Schloss Berg. Im Frühjahr 2017 gelangten mehrere Angestellten an unsere Zeitung und berichteten über schlechte Arbeitsbedingungen. Daraufhin prüfte der Kanton das Pflegezentrum, machte Auflagen und bilanzierte nun diesen Sommer, dass es seither zahlreiche positive Entwicklungen gegeben habe. Auch die Geschäftsleitung ist nicht mehr dieselbe. Geschäftsführer Peter Krüsi übernahm im Mai 2018, seine Stellvertreterin Nicole Wolfframm kam im Juni 2017 nach Berg.

Frau Wolfframm, wie war damals die Stimmung im Schloss?

Nicole Wolfframm: Die Zeit war schon intensiv. Ich glaube, es hat sich viel verändert mit der Übernahme durch Tertianum. Es gab ein anderes Qualitätsdenken, andere Strukturen und ich glaube, es gab auch andere Erwartungen an die Mitarbeiter. Das hat man dann im Team gespürt.

Im Bericht des Kantons ist von «Vorkommnissen 2017» die Rede. Was ist damit gemeint?

Wolfframm: Das bezieht sich auf den Zeitungsartikel und auf die Aussagen, die darin gemacht wurden.

Peter Krüsi: Der Kanton hat damals ein ausserplanmässiges Audit gemacht und die Situation erfasst. Das bezieht sich auch auf die Mängel, die damals festgestellt worden sind.

Nicole Wolfframm, Leiterin Pflege und Betreuung, und Geschäftsführer Peter Krüsi. (Bild: Larissa Flammer)

Nicole Wolfframm, Leiterin Pflege und Betreuung, und Geschäftsführer Peter Krüsi. (Bild: Larissa Flammer)

Im Bericht des Kantons von diesem Sommer heisst es, seither gebe es eine positive Entwicklung, die Stimmung sei gut und die Rückmeldungen seien durchwegs positiv.

Krüsi: Das war unser primäres Ziel. Es ist natürlich schön, wenn das so bestätigt wird. Es war meine Aufgabe, das Team zu stabilisieren. Genau darin haben wir investiert, in die Stimmung des Hauses.

«Dass man wieder entspannt arbeiten, lachen und miteinander reden kann. Dass man die Gäste wieder in den Fokus nimmt.»

Wolfframm: Ich glaube, Qualität in der Pflege kann man nur erreichen, wenn die Mitarbeiter auch zufrieden sind.

Krüsi: Es ist manchmal auch eine Chance, wenn etwas zerbrochen ist. Die, die noch da sind, wollen wieder etwas Neues aufbauen. Die Energie hat man schon gespürt, als ich hier angefangen habe. Ich habe keine desolate Situation vorgefunden, sondern motiviertes Personal.

Bei der Angehörigen- und Gästebefragung dieses Jahr erzielte Schloss Berg unter anderem bei der Gesamtbeurteilung, aber auch bei den Aktivitäten sehr gute Werte.

Wolfframm: Das zeigt, wie wichtig uns die Gäste sind. Wir arbeiten intensiv daran, dass Lebensqualität und Lebensfreude da sein können. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, wenn meine Mitarbeiter bei Anlässen mitmachen können, dann sind auch sie zufrieden.

Krüsi: Das ist eine Philosophie, wie wir das Leben im Alter verstehen. Unsere Leute sollen im Rahmen ihrer Ressourcen und Fähigkeiten erleben können: Ich werde gebraucht, ich bin wertvoll, auch wenn ich nicht mehr die gleichen Leistungen erbringen kann wie früher.

Kommt durch die grösseren Anlässe auch die Berger Bevölkerung wieder öfter ins Schloss?

Krüsi: Da sind wir auf dem Weg. Früher hat es das viel stärker gegeben. Vor 10, 20 Jahren war das Schloss ein bisschen das Zentrum von Berg. Das ist aber stark abgeflacht. Wir haben jetzt versucht, das wieder zu aktivieren.

Wolfframm: Wir machen auch sehr viele generationenübergreifende Sachen, das Zirkusfest diesen Sommer zum Beispiel. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung zu uns kommt. Zum einen, damit wir unser Angebot zeigen können und zum andern, weil wir ja auch viele Gäste haben, die aus Berg kommen. Und die sollen ja auch noch in Kontakt bleiben können mit dem Dorf.

Tertianum gehört einer Aktiengesellschaft. Wie wichtig ist es da, dass Schloss Berg Gewinn erwirtschaftet?

Krüsi: Wir sind gewinnorientiert. Wir haben unsere Budgets, die wir einhalten müssen. Ich spüre diesen Druck im Alltag aber nicht.

«Wie jedes Unternehmen wollen wir natürlich nicht minus machen, das ist unser höchstes Ziel.»

Wenn wir Gewinne erwirtschaften, haben wir mehr Möglichkeiten, das Geld wieder in das Haus zu investieren: in die Aktivitäten, ins Personal. Genau durch das System Tertianum können wir auch Ressourcen sparen, weil wir nicht alles selber bieten müssen: keine eigene Personalabteilung oder Buchhaltung.

Wolfframm: Es ist nicht so, dass wir sparen müssen, um Gewinn zu erwirtschaften – im Gegenteil. Was uns 2018 an Hilfsmitteln genehmigt wurde, ist erfreulich.

Was meinen Sie mit Hilfsmitteln?

Wolfframm: Zum Beispiel den Stehlift, den wir kaufen konnten. Man investiert auch in Weiterbildungen und wird da gefördert. Das kommt alles den Gästen zugute. Und ich denke, die Befragung und der Audit zeigen das auch.

Wie schwierig ist es für Sie, Personal zu finden?

Krüsi: Jetzt sind wir in einer guten Situation, wir haben ein stabiles Team. Gerade wenn ein negativer Artikel in der Presse erscheint, ist es aber natürlich schwieriger, Leute zu finden. Sie haben das Gefühl, hier läuft es nicht gut, auch wenn es ein paar Jahre zurückliegt. Wir müssen in die Ausbildung investieren. Nächstes Jahr bilden wir zwei Leute auf Stufe Höhere Fachschule aus.

Dann ist es neu, dass in Schloss Berg nun Leute auf HF-Stufe, also diplomierte Pflegekräfte, ausgebildet werden?

Krüsi: Genau. Wir machen das jetzt sowieso, aber vom Kanton kommt bald ein Bonus-Malus-System. Wenn man nicht pro Anzahl Betten eine gewisse Anzahl Leute ausbildet, gibt es eine Busse. Wenn man mehr Leute ausbildet, als man muss, bekommt man dafür quasi einen Bonus. Ich persönlich befürworte das System.

Wolfframm: Für uns steht im Fokus: Die Qualität steigt dadurch, das merken wir.

Krüsi: Die Auszubildenden bringen die neusten theoretischen Inputs mit und es gibt eine neue Dynamik.

Wie viele Betten hat Schloss Berg?

Krüsi: 48.

Und wie ist die Auslastung?

Krüsi: Es gibt Schwankungen. Im Februar dieses Jahres zum Beispiel gab es mehrere Todesfälle. Das gibt jeweils ein Loch, indem es freie Betten gibt. Dann hat es im Mai aber wieder angezogen und wir mussten sogar Anfragen ablehnen, hatten zu wenige Betten. Die Auslastung ist gut. Sie ist nicht überragend, aber in dem Rahmen, den wir budgetiert haben. In den vergangenen zwei Jahren gab es im Thurgau eine Überkapazität an Betten. Nicht nur in Schloss Berg, sondern im ganzen Kanton gab es über 200 freie Betten. Aber man weiss, dass es wieder anzieht von der Demografie her.

Herr Krüsi, Sie treten nächsten Frühling aus familiären Gründen eine neue Stelle an. In was für einer Situation verlassen Sie Schloss Berg?

Krüsi: Natürlich ist in einem so komplexen Betrieb nie alles perfekt. Aber ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Mit allen Herausforderungen, die man in diesem Bereich hat. Es gibt vielleicht mal personelle Wechsel oder zwischenmenschliche Schwierigkeiten. Aber der Kern ist stabil. Und wenn man das hat, kann man etwas aufbauen, kann man eine Philosophie entwickeln. Das ist passiert und wird hoffentlich auch so weitergeführt. Da bin ich zuversichtlich.

Wolfframm: Wir haben eine negative Geschichte. Was damals genau war oder nicht, das können wir, die damals nicht dabei gewesen sind, wahrscheinlich gar nicht genau beurteilen.

«Wichtig ist: Jetzt ist es anders. Die Qualität hat sich verbessert.»

Wir sind sehr gut aufgestellt mit gut ausgebildeten Leuten. Und die Vernetzung im Tertianum kommt uns sehr zugute.

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