«who is who»

Wahlbetrug-Aufdecker Andreas Schelling ist «Thurgauer des Jahres 2020»

Der Präsident der GLP Bezirk Frauenfeld hat die Manipulation bei den Grossratswahlen in Frauenfeld aufgedeckt. Was anfänglich als Unregelmässigkeit galt, erwies sich später als Wahlbetrug. Die Hartnäckigkeit von Schelling hat sich ausgezeichnet.

Sabrina Manser
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Andreas Schelling hat durch seine Hartnäckigkeit den Wahlbetrug im März aufgedeckt.

Andreas Schelling hat durch seine Hartnäckigkeit den Wahlbetrug im März aufgedeckt.

Bild: Reto Martin

Sein Spitzname ist Sherlock und er hat den grössten politischen Skandal der jüngeren Thurgauer Geschichte aufgedeckt: Andreas Schelling. Bei den Grossratswahlen im März hat er einen Wahlbetrug auffliegen lassen. Er hat dabei Hartnäckigkeit und Zivil­courage bewiesen. Deshalb hat ihn die Redaktionsleitung der TZ zum «Thurgauer des Jahres» erkoren.

Was zuerst als kleine Unregelmässigkeit bei der Auszählung der Stimmzettel bei den Grossratswahlen am 15. März in der Stadt Frauenfeld galt, entpuppte sich später als vorsätzliche Fälschung.

«Da kann etwas nicht stimmen.»

Dies war der Eindruck, den der Präsident der GLP des Bezirks Frauenfeld schon am Wahltag hatte. Die GLP sei über die Resultate enttäuscht gewesen, sie hätten einen Grossratssitz weniger gemacht als erwartet, erinnert sich Schelling.

Lange Prozedur, die Beharrlichkeit verlangte

«Dann fanden wir, dass das noch genauer angeschaut werden muss.» Dem 67-Jährigen ist aufgefallen, dass das Verhältnis von den 283 veränderten und 27 unveränderten Wahllisten nicht stimmen konnte. Gleichzeitig hatte die SVP bei den Wahlen vor vier Jahren rund 200 unveränderte Wahllisten weniger verzeichnen können. Genau so viele, wie der GLP für ein normales Verhältnis zwischen veränderten und unveränderten Wahl­listen fehlten. Für Schelling war klar:

«GLP-Wahlzettel sind für die SVP gezählt worden.»

Was dann folgte, war eine lange Prozedur, die Beharrlichkeit verlangte. Eine Nachzählung durch den Frauenfelder Stadtschreiber Ralph Limoncelli zeigte, dass 100 unveränderte Wahl­listen der GLP bei der SVP gelandet waren.

Wahlrechtsbeschwerde und Strafanzeige

Der GLP-Bezirkspräsident hätte sich nach diesem Fund eine Neuauszählung gewünscht. Da Abklärungen nur zögerlich vonstattengegangen seien, hatte die GLP eine Wahlrechtsbeschwerde eingereicht. Wenig später erstattete dann die Thurgauer Staatskanzlei Strafanzeige «gegen unbekannt». Damals war es noch kein Thema, dass der Sitz von der SVP auf die GLP übergehen soll. Dafür fehlten nochmals 100 Wahlzettel, die aber gemäss dem sogenannten Laufzettel hätten vorhanden sein müssen.

Die GLP kämpfte weiter, drohte mit dem Gang zum Bundesgericht, um zu verhindern, dass der Grosse Rat die «offensichtlich manipulierten Wahlergebnisse» bestätigt. In einem offenen Brief forderte die GLP den Regierungsrat auf, das korrekte Wahlresultat zu ermitteln oder es andernfalls als ungültig zu erklären. Zwei Monate nach der Wahl zeigten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, dass eine vorsätzliche Wahlfälschung vorlag. Noch offen ist, wer hinter dem Wahlbetrug steckt. Etwa 90 unveränderte Wahl­zettel der GLP seien vernichtet und durch unveränderte Wahlzettel der SVP ersetzt worden. Eine Sitzverschiebung kam damit in greifbare Nähe.

Nun musste noch der Grosse Rat die Wahl von Marco Rüegg der GLP genehmigen – was auch geschah. Die Wahl­fälschung sei deshalb aufgedeckt worden, weil die GLP mehrfach hartnäckig intervenieren musste und zuerst dafür belächelt worden sei, wie GLP-Fraktionspräsident Ueli Fisch sagte. «Ich hatte schon immer ein ausgeprägtes Rechtsempfinden», sagt Andreas Schelling.

«Für mich war auch in diesem Fall klar, dass die Wahrheit gewinnen muss.»

Er habe schon in Ländern gearbeitet, die nicht unbedingt dafür bekannt seien, dass alles korrekt ablaufe. Dort habe der Frauenfelder gelernt, alles kritisch anzuschauen. «Nicht überkritisch, aber ich entwickelte ein Sensorium dafür, Dinge durchleuchten und verstehen zu wollen.» Politiker aller Parteien seien wegen seiner Entdeckung auf ihn zugekommen. Auch Regierungsrat Urs Martin habe ihm gratuliert. «Sogar in einem offiziellen Bericht der Regierung steht drin, dass die Wahlfälschung ohne mein Engagement nicht aufgedeckt worden wäre. Darauf bin ich schon stolz.»

«Who is Who 2020»

Die alljährliche Who-is-Who-Gala konnte dieses Jahr corona­bedingt nicht durchgeführt werden. Deshalb wird der «Thurgauer des Jahres» auf diese Art verkündigt. Informationen aus dem Text stammen aus einem Gespräch mit Andreas Schelling. Das vollständige Interview finden Sie in der diesjährigen Ausgabe des «Who is Who 2020». Das Magazin wird der Samstagsausgabe der «Thurgauer Zeitung» beigelegt sein. (mas)