Die Strategie des Stadtrats: Die Frauenfelder Werkbetriebe müssen ihr Überleben durch Wachstum über die Stadtgrenze hinaus sichern

Im neuen Reglement der Werke haben die Geldflüsse zur Stadt als «Abgaben an das Gemeinwesen» nun eine Rechtsgrundlage. Die entsprechende Tarifkompetenz liegt beim Gemeinderat.

Mathias Frei
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Schriftzug beim Eingangsbereich der Werkbetriebe Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Schriftzug beim Eingangsbereich der Werkbetriebe Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Gewinne dürfen die Werkbetriebe weiterhin schreiben. Aber sie haben neu auch institutionalisierte «Abgaben an das Gemeinwesen» zu leisten, definiert durch die Menge der verkauften Kilowattstunden Elektrizität und Gas. Dies ist im neuen Reglement «über die Rechtsstellung und Aufgaben der Werkbetriebe» festgehalten. In dieser Relevanz ist das Reglement ein Novum. Der Gemeinderat wird in einer der nächsten Sitzungen darüber befinden. Zugleich hat der Stadtrat auch eine Eigentümerstrategie für die Werkbetriebe Frauenfeld (WBF) festgelegt. Diese bildet die Basis für das Reglement.

Fabrizio Hugentobler, Stadtrat und Departementsvorsteher Werke, Freizeitanlagen und Sport. (Bild: Andrea Stalder)

Fabrizio Hugentobler, Stadtrat und Departementsvorsteher Werke, Freizeitanlagen und Sport. (Bild: Andrea Stalder)

In der Botschaft an den Gemeinderat heisst es, Ziel sei es, die WBF für die Zukunft zu rüsten. In jüngerer Vergangenheit habe «die Auflösung des Versorgungsmonopols [...] sowie der Beginn der Entwicklung der dezentralen Erzeugung und Digitalisierung» die Werke stark geprägt. «Als nächsten grossen Entwicklungsschritt gilt es, [die WBF] sicher in das zunehmend kompetitivere Umfeld und das digitale sowie dezentrale Zeitalter zu führen.»

Die Werkbetriebe Frauenfeld aus der Vogelperspektive. (Bild: Reto Martin)

Die Werkbetriebe Frauenfeld aus der Vogelperspektive. (Bild: Reto Martin)

Zukunft geht über die Stadtgrenzen hinaus

Der Stadtrat habe sich eingehend mit der grundsätzlichen zukünftigen Ausrichtung des Leistungsangebots befasst. Das heisst: entweder zurückbuchstabieren zu einem «städtischen Infrastrukturamt» oder Ausbau zu einem «regionalen Infrastruktur- und Dienstleistungsanbieter im Bereich der Energie- und Wasserversorgung». Der Stadtrat hat sich für zweiteren Weg entschieden. Denn: «Mit dem Bekenntnis zum regionalen Marktgebiet und der damit verbundenen Ausweitung an Energiedienstleistungen sollen Skaleneffekte genutzt und der Unternehmenswert der Werkbetriebe auch für die Zukunft gesichert werden.» Oder anders formuliert: Die WBF wollen durch Wachstum überleben.

Am Anfang war ein Kohlegaswerk

Gegen 60 Mitarbeiter sind heute bei den Werkbetrieben Frauenfeld (WBF) beschäftigt. Die Werke sind dem städtischen Departement für Werke, Freizeitanlagen und Sport unterstellt. Ihren Ursprung haben die WBF in der Inbetriebnahme eines Kohlegaswerks Ende 1878. Noch bis 1969 wird vor Ort Gas produziert. 2011 wird Biogas als Produkt eingeführt. Bis 1885 bezieht man in Frauenfeld Wasser aus Brunnen und privaten Quellen. Dann erfolgt die Gründung des Wasserwerks. Aus dem Thunbachtal wird das Reservoir Obstgarten gespeist. In den Widen in der Thurebene wird 1929 das erste Grundwasserpumpwerk gebaut. Seit Mitte 1906 gibt es ein Elektrizitätswerk. Im Jahr 2008 beginnt die Ära der Strommarktliberalisierung. Seit 2014 beschaffen die Werke die Energie strukturiert auf dem freien Markt. Seit 2018 ist die Fernwärmeversorgung (Wärmering) ein WBF-Geschäftszweig. (ma)

Gemeinderat kann Abgaben erhöhen

Ein interessanter Aspekt im neuen Reglement sind die «Abgaben an das Gemeinwesen». Laut Beantwortung der Motion «Gewinnablieferung der Werkbetriebe» von Peter Hausammann (CH) und Stefan Geiges (CVP) floss im Rechnungsjahr 2017 eine Summe von insgesamt 2,563 Millionen Franken von den Werken in die Stadtkasse – für die Risikoabgeltung, für die Finanzierung der öffentlichen Beleuchtung und in den städtisch Energiefonds. Diese Finanzflüsse bekommen nun eine Rechtsgrundlage, ihr Umfang wird definiert durch eine Abgabe pro verkaufter Kilowattstunde Elektrizität.

Es ist davon auszugehen, dass der «Tarifvorschlag» des Stadtrats, hochgerechnet auf den Jahresverkauf der WBF, in etwa den bisherigen rund 2,5 Millionen entsprechen dürfte. Die Höhe der «Abgaben an das Gemeinwesen» kann aber der Gemeinderat festlegen. Das heisst: Er könnte diese Abgaben auch erhöhen – um so die Stadtkasse an guten WBF-Geschäftsjahren partizipieren zu lassen. Die Motionäre Hausammann und Geiges dürften diesen Mechanismus als Entgegenkommen des Stadtrats werten.

Auf dem Areal der Werkbetriebe Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Auf dem Areal der Werkbetriebe Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Lokales Gewerbe möglichst nicht konkurrenzieren

Was die zuletzt grosszügigen Gewinne der Werke betrifft, so sollen die «Einnahmen und Erträge so festgelegt werden, dass in jedem Fall die beschlossenen Investitionen, die notwendigen Abschreibungen und Rückstellungen sowie die Verzinsung der Darlehen und des Dotationskapitals gewährleistet sind». Den Werken ist es reglementarisch gestattet, «sämtliche Leistungen im Sinne der Aufgaben auch ausserhalb des Versorgungsgebiets der Stadt Frauenfeld zu erbringen, unter Beachtung ihrer Wirtschaftlichkeit». Davon ausgenommen ist die Fernwärme, für die es auch eine eigene Rechnung gibt.

Beziehen die WBF Dienstleistungen von anderen städtischen Verwaltungseinheiten, müssen diese kostendeckend entschädigt werden. Zudem sollen die Werke in ihrem unternehmerischen Handlungsspielraum zwar nicht unverhältnismässig eingeschränkt werden. Gleichwohl soll aber auch das lokale Gewerbe nicht konkurrenziert werden.

Ein Fahrzeug auf dem Areal der Werkbetriebe Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Ein Fahrzeug auf dem Areal der Werkbetriebe Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

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