«Wer zu schnell zu viel gibt, läuft Gefahr, dass es ihn verbläst»: Wie man auf dem Hometrainer virtuelle Gegner quer durch Frauenfeld verfolgen kann

Eine tschechische Firma betreibt virtuelle Radrennen im Internet. Für den Besuch der Tour de Suisse im Juni in Frauenfeld können alle schon die Strecke abfahren, ohne sich auch nur einen Meter zu bewegen.

Samuel Koch
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Verfolgung des Geisterfahrers auf der Juchstrasse.

Verfolgung des Geisterfahrers auf der Juchstrasse.

(Bild: Printscreen/Rouvy.com)

Topfebene Verhältnisse, und doch verändert sich der Widerstand. Starke Linkskurve ohne Seitenlage. Von der Thurstrasse über die Autobahnbrücke in die Hummelstrasse. Die Kräfte verpuffen, das Atmen fällt schwerer. Das Ziel der Zeitfahretappe der Tour de Suisse in der Frauenfelder Allmend vom 7. Juni ist noch weit entfernt, obschon es sich eigentlich nur in einem Programm – quasi hinter tausenden von Pixeln – rund einen Meter vor der Nase versteckt.

Möglich macht’s die Digital-Cycling-Station, die das lokale OK der Tour de Suisse derzeit in den Räumlichkeiten des Wellcome-Fit an der Walzmühlestrasse zum Ausprobieren zur Verfügung stellt.

Etappe in zwei Teilen rekognoszieren

Im Wellcome-Fit lässt es sich neuerdings also zwischen schwitzenden Fitness-Besucherinnen und Besuchern auf Stepper und Butterfly-Gerät auf einem Rennvelo mit Smarttrainer abrackern und die Frauenfelder Tour-de-Suisse-Etappe rekognoszieren – notabene, ohne sich auch nur einen Meter zu bewegen. Eingabe von Alter, Grösse und Gewicht. Auswahl von virtuellen Gegnern. Strecke auswählen. Countdown von zehn Sekunden. Und los geht’s!

Trotz sich veränderndem Widerstand beträgt der Höhenunterschied auf der elf Kilometer langen Zeitfahretappe bloss 45 Meter. Nasenwasser für alle Bergflöhe, die sich im Internet auch bei stundenlangen Fahrten auf Alpenpässe messen. Fitnessinstruktor Andreas Parpan versucht sich auf der digitalen Velostation. Er gibt alles, tritt bei leichter Steigung aus dem Sattel, weiter vorne lässt sich schon die Schaffhauserstrasse erkennen.

Fitnessinstruktor Andreas Parpan fährt virtuell Velo.

Fitnessinstruktor Andreas Parpan fährt virtuell Velo.

(Bild: Samuel Koch)

Dort kämpfen im Juni Radrennprofis mit aerodynamischen Helmen mit Spitzengeschwindigkeiten bis 55 km/h um jede Sekunde. Auf dem Bildschirm setzt der virtuelle Geist zum Überholmanöver an. Der Vorteil des Windschattens nützt in der virtuellen Welt jedoch nichts. Auf der Mini-Karte schlängelt sich der weitere Streckenverlauf durch die Stadt. Weitere Steigungen sind, vorbei am Schaffhauserplatzkreisel und auf der Mühlewiesenstrasse an den Firmengebäuden einer weltweit tätigen Schleifmittelherstellerin vorbei in Richtung der Redaktion der Thurgauer Zeitung, vorerst keine in Sicht.

Der Schaffhauserkreisel liegt in Sichtweite.

Der Schaffhauserkreisel liegt in Sichtweite.

(Bild: Printscreen/Rouvy.com)

Geschwindigkeit und Tretfrequenz schnellen in die Höhe

Plötzlich und abrupt stoppt die Fahrt, das Ziel in der Allmend ist immer noch in weiter Ferne. Der Geist war schneller. «Einige der Gegner sind extrem schnell», sagt Urban Kaiser. Der Streckenchef des lokalen Tour-OKs hat sich auf dem digitalen Velo schon zu Hause versucht. «Und ich habe alles gegeben», meint Kaiser, selber sportlich aktiv und fit wie ein Turnschuh.

Das zweite Teilstück startet auf der Breitenstrasse quer durchs Langdorf, die dortige Industrie in Richtung Felben-Wellhausen. Geschwindigkeit und Tretfrequenz schnellen in die Höhe, Schweissperlen schiessen auf die Stirn. Kaiser sagt:

«Wer zu schnell zu viel gibt, läuft Gefahr, dass es ihn verbläst.»

Zu spät! Mit Müh und Not und letzten Kraftreserven geht’s über Feldwege Richtung Start- und Zielgelände in der Allmend. Von wegen! Wieder stoppt das virtuelle Rennen bei der Unterführung der A7. Der Grund: Sicherheitsbedenken des Anbieters Rouvy, dessen Mitarbeitende sich mit ihren Google-Streetview-ähnlichen Fahrzeugen bisher nicht aufs Gelände der Armee getraut haben. «Bis in den nächsten Wochen sollten die noch fehlenden Aufnahmen gemacht sein, sodass die Etappe ganz und realitätsgetreu befahren werden kann», sagt Kaiser.

Keine Plagiatsvorwürfe in Richtung Tschechien

Die tschechische Firma Rouvy existiert übrigens seit 2017. Plagiatsvorwürfe des Autors dieses Textes nach seiner qualvollen Zeitraffer-Reportage bei der Rundetappe durch die Region mit zwei giftigen Steigungen, einer Länge von knapp 40 Kilometern und 190 Höhenmetern inklusive zwei Akku-Abstürzen der Go-Pro-Kamera sind also völlig fehl am Platz.

Im Wellcome-Fit bleibt die digitale Velostation sicher noch zwei Wochen stehen, weil die geplante Schwooof abgesagt ist. Und wer zu Hause einen (verstaubten) Hometrainer herumstehen hat, muss für die Frauenfelder Etappe(n) nicht einmal aus dem Haus. Perfekt, bei den verschärften Regeln des Bundes bezüglich Corona.

Zeitfahren als grosser Höhepunkt

Die Schweizer Radrennrundfahrt Tour de Suisse – die viertgrösste der Welt – stattet heuer der Stadt Frauenfeld nach 1975, 1996 und 2018 zum vierten Mal einen Besuch ab. Die diesjährige Landesrundfahrt startet am Sonntag, 7. Juni, mit einem Zeitfahren mit Start- und Zielort in der Allmend. Der Verein Tour de Suisse HUB Frauenfeld mit OK-Präsident Anders Stokholm zeichnet für das Rahmenprogramm verantwortlich. So beginnt der Reigen am Freitag mit dem Aufbau. Am Samstag erfolgt der Kickoff-Tag, unter anderem mit der Teampräsentation. (sko)Weitere Infos unter: www.tds-frauenfeld.ch