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Frauenfelder Kantischüler komponiert Lieder über seine Flucht aus Syrien

Flucht, Krieg, und was es mit einem Jugendlichen macht: Diese Gefühle teilt der junge Syrer Rami Msallam musikalisch mit. Das Album ist Teil seiner Maturaarbeit an der Kantonsschule Frauenfeld, wofür er die Bestnote erhielt.
Evi Biedermann
Rami Msallam mit seiner Maturaarbeit und seiner CD «The Exodus». (Bild: Evi Biedermann)

Rami Msallam mit seiner Maturaarbeit und seiner CD «The Exodus». (Bild: Evi Biedermann)

Wenn Rami Msallam seine Geschichte erzählt, ist das nur ein Bruchteil dessen, was der 19-jährige kurdische Syrer zuletzt erlebte. Und es scheint, als würde er sich nur an positive Dinge erinnern. Vielleicht sind es einfach zu viele Details für ein Gespräch mit begrenzter Dauer. Oder es zählt im Moment nur die Freude über die bestandene Maturaarbeit, für die er die Bestnote 6 erhielt.

Die Flucht aus Aleppo, die er als 12-Jähriger mit Eltern und einem seiner vier Geschwister antrat, die Ankunft in der Schweiz drei Jahre später, der Bruch mit allem Gewohnten und dazu eine Sprache, die er weder sprechen noch verstehen konnte: Vergessen ist das alles nicht. Fragen dazu beantwortet er knapp und nüchtern. Am liebsten würde er wohl sagen: «Hören Sie meine Musik.»

Sie ist der Spiegel seiner Seele und gibt seinen Gefühlen eine emotionale Sprache. Das Album «The Exodus», das er im Rahmen seiner Maturaarbeit produzierte, ist seine musikalische Interpretation von Flucht und Krieg. Ein sehr persönliches Werk, voller Blitz und Donner, Wut und Trauer, aber auch Hoffnung.

Gitarre übertrumpfte das Handy

«Die Musik hat mir sehr geholfen, meine Erlebnisse und Gefühle zu verarbeiten», sagt Msallam, der als 9-jähriger zum ersten Mal Metal Music hörte und diese unbedingt selber spielen wollte. Kurz vor der Flucht kaufte er seine erste E-Gitarre. Mitnehmen konnte er sie nicht. Eine Gitarre sei nicht lebensnotwendig, wurde ihm gesagt. Vier Jahre später erhielt er eine neue, fing an zu spielen, schrieb eigene Texte und sang.

«Mit Stimme und Gitarre konnte ich ausdrücken, wie es mir ging.»

Die Musik spielte auch eine zentrale Rolle bei der Integration. In Weinfelden, Msallams erstem Wohnort, fand er Anschluss in der Band We are Troublemaker, wo er seine ersten Schweizer Freunde und deren Kultur kennen lernte. Daneben besuchte er die Integrationsklasse, lernte Deutsch, bis die Familie nach Wigoltingen umplatziert wurde. Hätte es nicht einen Lehrer in Weinfelden gegeben, der sich mit allen Mitteln für den Flüchtling einsetzte, wäre es vorbei gewesen mit der Schule. Msallam erzählt:

«In Wigoltingen war kein Platz für mich, einen 16-jährigen Integrationsschüler.»

Und ohne seinen mutigen Schritt, nach wochenlangem Herumsitzen den Lehrer um Rat zu bitten, hätte es kein Happy End gegeben. In Weinfelden wurden letztlich auch die Fäden gespannt für den Übertritt an die Kanti Frauenfeld. Rami brachte gute bis sehr gute Noten mit und bestand das Probesemester. Der Anfang war jedoch schwer.

«Die sprachliche Kommunikation war für mich viel schwieriger als die musikalische.»

Musik verbinde Menschen ohne Worte, Sprache hingegen brauche klare Worte. Diese Erfahrung weckte Msallams Neugier. Er machte sich auf die Suche nach weiteren Musikprojekten, die sich mit der Integration von Flüchtlingen befassen. Die Recherchen führten ihn in verschiedene Teile der Schweiz. Er sprach mit Betroffenen, Projektleitern und Betreuern, zu seiner Überraschung auch in Romanshorn.

Im dort angesiedelten Chor ohne Grenzen machen sowohl Flüchtlinge wie Schweizer mit. Msallam wollte nur für ein Interview hingehen. Er lacht und sagt: «Nun singe ich selber mit.»

«Die Arbeit hat meine Integration unterstützt»

Für sein Album experimentierte Msallam mit diversen Musikstilen. Basis sind Rock und Metal, auch Hip-Hop und orientalische Musik sind in den sieben Songs präsent.

«Meine Heimatmusik hat einen speziellen Wert für mich und für viele Flüchtlinge.»

Ein Blick in seine 40-seitige Doku macht deutlich, wie viel Aufwand der junge Syrer für seine Arbeit betrieben hat. Ein Jahr lang hat er daran gearbeitet, hat Interviews geführt, Hintergründe analysiert, Essays geschrieben, komponiert, getextet, produziert oder mit anderen Musikern zusammengearbeitet, die ihm instrumental, stimmlich oder mit Rat zur Seite standen.

Dass sich alles so entwickelt hat, erfüllt Msallam mit Stolz und Dankbarkeit. «Ich habe viel gelernt und gewonnen.» Die Arbeit habe ihm nicht nur geholfen, die Flucht und den Krieg zu verarbeiten. «Sie hat auch meine Integration unterstützt.»

«The Exodus» – Rami Msallam; Streaming via Spotify, Kauf bei Apple Music.

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