Kultur
Wenn Ständerlampen musizieren: Das neue Stück des Sirnacher Theaters Jetzt ist ein Kammermusical

Ein Olympiastadion in der Ostschweiz? Kaum! Das Sirnacher Theater Jetzt wagte sich trotzdem an das Vorhaben.

Christoph Heer
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Sandro Schneebeli, Oliver Kühn und Martina Flück spielen «Trainingslager» in der ehemaligen Sirnacher Stickerei Scherrer.

Sandro Schneebeli, Oliver Kühn und Martina Flück spielen «Trainingslager» in der ehemaligen Sirnacher Stickerei Scherrer.

(Bild: Christoph Heer)

Mit dem Spirit der Ostschweiz, dem Elan von Appenzellern, St.Gallern sowie Thurgauern und mit viel Fantasie einer Stammtischrunde: So sollte es doch möglich sein in St.Gallen ein Olympiastadion zu errichten. Doch die Probleme lassen nicht lange auf sich warten – das Gelächter ebenso wenig.

Es ist die Produktion «Trainingslager» des Theaters Jetzt, welche am Sonntagabend bei der Vorführung in Sirnach für Furore sorgt. Oliver Kühn, Martina Flück und Sandro Schneebeli überzeugen als Akrobaten, Puppenspielerin und musizierende Ständerlampe. Sympathiepunkte gibt es zudem für eine Zuschauerin in der vordersten Reihe, sie hilft Oliver Kühn als «Mikrofon-Entkablerin» aus.

Es geht besser ohne Bündner

«Mer müässt emol allne e so richtig bewiese, wer mir Ostschwizer sind und wa mir chönt», sagt Oliver Kühn alias Rudolf Emil Pfändler Leuthold aus St.Gallen. Doch schon bei der Probe zum olympischen Fackellauf geht einiges schief; Rudolf fällt zünftig auf den Kopf.

Selbstredend gehört auch das Bündnerland zur Ostschweiz, doch dieses sei zu weit im Osten, und die Liechtensteiner haben zwar einen «Fürscht», jedoch keine Ahnung von «Würscht», also fallen diese auch weg. So bleiben die vier benannten Kantone unter sich, doch die Schwierigkeiten betreffend Stadionbau vermehren sich minütlich. Das «maskierte» Publikum fühlt sich in die Lage von Rudolf hineinversetzt, Oliver Kühn spielt diese Rolle derart mimikstark, akrobatisch und humorvoll, dass man zwischen Mitleid und Lachanfall hin und her switcht. In der ehemaligen Stickerei Scherrer, einem jetzigen Loft und auch bekannt als «Yves’ Scherereien», in der Nähe des Sirnacher Bahnhofs, können die Besucher für eine kurze Zeit ihre Alltagssorgen weglassen und dafür die Sorgen und Nöten der Initianten des Stadionbaus teilen. Dem Theater Jetzt sei Dank, weil in dieser Zeit ungemein viel Kulturelles abgesagt wird, geniessen die Freunde des guten Schauspiels diese Stunde umso mehr.

Die «Zukunft» hätte vorausschauen können

Und dann sitzt da eine Ständerlampe, oder steht eine Ständerlampe? Hauptsache sie musiziert, und das macht Sandro Schneebeli hervorragend und absolut zeitpassend mit Kühns unterschiedlichen Intermezzi und Floskeln. Martina Flück ist indes für das endgültige Lichterlöschen zuständig. Als «Zukunft» hätte sie es zwar in der Hand gehabt, vorauszuschauen und zu berichten, ob es irgendwann dann doch noch ein Olympiastadion in der Ostschweiz geben wird. Ein Kammermusical vom Feinsten, welches im kommenden Jahr weitere Aufführungen bestreitet.

Hinweis
Weitere Vorführungen unter: www.theaterjetzt.ch.