Wenn es Zwölf schlägt
Geschichte und Geschichten um die Lustdorfer Glocken: Wie für einen kleinen Ort bei Frauenfeld vor 70 Jahren ein Geläut-Casting vonstatten ging

Dass die Lustdorfer Kirche im Jahr 1948 zu Glocken gekommen ist, die vormals in Schaffhausen läuteten, hat mit dem Zweiten Weltkrieg und den Amerikanern zu tun. Weil sie Second-Hand war, kostete sie nur 5000 Franken.

Christine Luley
Merken
Drucken
Teilen
Der Liegenschaftenverwalter von evangelisch Thundorf, Ueli Häberlin, und der Kirchenglocken-Sachverständige Hans Jürg Gnehm begutachten das Lustdorfer Geläut.

Der Liegenschaftenverwalter von evangelisch Thundorf, Ueli Häberlin, und der Kirchenglocken-Sachverständige Hans Jürg Gnehm begutachten das Lustdorfer Geläut.

Bild: Reto Martin

Wünsche haben die Menschheit schon immer begleitet. Weil sie mit dem Klang ihres Geläutes unzufrieden waren, holten die Lustdorfer 1936 in der Glockengiesserei Staad eine Offerte ein. Schliesslich hatten sich in diesen Jahren die Kirchgemeinde Bussnang und diejenige in Berg auch ein neues Geläute geleistet. Doch 50'000 Franken erschienen der kleinen Thurgauer Kirchgemeinde als zu hoch. Die Zeiten waren nicht rosig, die Arbeitslosigkeit in der Schweiz betrug rund zehn Prozent. Drei Jahre später brach der Zweite Weltkrieg aus.

Ein Jahr vor Kriegsende, am 1. April 1944, warf die US-Luftwaffe irrtümlich Bomben über Schaffhausen ab. Innert 40 Sekunden verloren 40 Personen ihr Leben, und mehr als eine Hundertschaft wurde zum Teil schwer verletzt. Eine Sprengbombe durchschlug das Dach der Steigkirche. 1946 wurde das stark beschädigte Gebäude abgerissen und dank finanzieller Entschädigung aus den USA wiederaufgebaut.

Eine einmalige Gelegenheit

Hans Jürg Gnehm, Experte für Kirchenglocken.

Hans Jürg Gnehm, Experte für Kirchenglocken.

Bild: Reto Martin

Der Glocken-Sachverständige Hans Jürg Gnehm aus Affeltrangen hat im Kirchenarchiv nachgeforscht, wie das unversehrte Geläute aus dem Jahr 1895 auf fast wundersame Weise von Schaffhausen nach Lustdorf gelangte. Gemäss einem Eintrag vom 22. Januar 1948 informierte der Schaffhauser Pfarrer Kreis den Arboner Pfarrer und Glocken-Sachverständigen Rohrer über die verfügbaren Glocken der Steigkirche. Worauf dieser Kontakt mit dem Lustdorfer Pfarrer Held aufnahm. Im Weiteren hörte sich Rohrer über das Telefon von Pfarrer Held das alte Geläute von Lustdorf an. Um zu entscheiden, ob im Fall eines teilweisen Ersatzes des bestehenden Geläutes die Schaffhauser Glocken zu den verbleibenden alten Lustdorfer Glocken passen würden.

Alles ging zügig voran. Das Schaffhauser Geläute wurde in die Giesserei Rüetschi nach Aarau gebracht. Die Firma besichtigte den Glockenstuhl in Lustdorf und machte ein Angebot für den teilweisen Ersatz von ein oder zwei Glocken respektive für das Vollgeläute. Nur zwei Monate später genehmigte die Lustdorfer Kirchgemeindeversammlung fast einstimmig die Anschaffung aller vier Glocken. Die Freude war gross, und die erforderlichen 5000 Franken waren rasch gesammelt.

Die Giesserei Rüetschi übernahm die vier alten, ausgeschlagenen Bronzeglocken an Zahlung. Das historische Empfinden der Landbevölkerung schien noch nicht so ausgeprägt. Stammte doch eine der Lustdorfer Glocken aus dem 14. oder 15. Jahrhundert.

Hans Jürg Gnehm erklärt die Funktionsweise des Zeitmechanismus in der Kirche in Lustdorf.

Hans Jürg Gnehm erklärt die Funktionsweise des Zeitmechanismus in der Kirche in Lustdorf.

Bild: Reto Martin

Auf alten Fotos ist Alfred Burkhart, der Vater der Mesmerin Ursula Häberlin und Grossvater des Liegenschaftsverwalter Ueli Häberlin, bei Ankunft der neuen Glocken zu sehen. Am 23. Juli 1948 war der Bauer morgens um sieben mit dem Jeep und den alten Glocken auf dem Anhänger nach Aarau gefahren und um 20 Uhr mit den neuen zurückgekehrt. Eine Nachtwache beschützte das kostbare Gut bis zum Aufzug tags darauf. Am 1. August war die feierliche Glockenweihe.

Engel im Glockenturm

Ursula Häberlin, Mesmerin Kirche Lustdorf.

Ursula Häberlin, Mesmerin Kirche Lustdorf.

Bild: Christine Luley

Lustdorf, Dezember 2020, die Mesmerin, der Liegenschaftsverwalter, der Pfarrer und der Glocken-Sachverständige begleiten den Besuch auf den Turm. Steile, enge Stufen führen am 100-jährigen Uhrwerk vorbei in die dunkle Glockenstube mit dem vierteiligen Geläute. Bei der grössten Glocke sind auf der Krone sechs Henkel mit Engelfiguren angebracht. Ein Blätterrankenfries mit Blüten und Knospen schmückt den Glockenhals. «Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen» lautet die Inschrift.

Für Pfarrer Martin Epting aus Thundorf ist das Läuten an Weihnachten ein Zeichen der Hoffnung, «dass die schwierigen Umstände – und auch Corona – nicht das das letzte Wort haben, dass sie nicht das Ende bedeuten. Denn uns ist ein Kind geboren …» (Jes. 9,5) «O rex gloriae Jesus Christe veni nobis pace - O König der Ehren Jesus Christus, komm zu uns mit Frieden», steht auf der zweitgrössten Glocke. Eine beeindruckende Bitte, wenn man daran denkt, dass die Glocken einen Bombenabwurf aus nächster Nähe erlebt haben und als Kulturgut täglich im Einsatz sind.

Die Kirche Lustdorf.

Die Kirche Lustdorf.

Bild: Christine Luley

Ursula Häberlin hat die Aufsicht über die Uhr, das Geläute und das Schlagwerk. Das Läuten am Morgen, Mittag und Abend wird durch ein mechanisches Uhrwerk ausgelöst. Bei allen weiteren Terminen muss die Mesmerin die Tasten der entsprechenden Glocken auf dem Schalttableau in der Sakristei drücken. Seit 20 Jahren hat sie dieses Amt inne. «Ich mache es gern», sagt sie. Am 25. Dezember wird Ursula Häberlin den Weihnachtsgottesdienst in Lustdorf einläuten. Die kleinste Glocke beginnt, die andern setzen der Reihe nach ein. Sie erklingen in den Tonfarben F, A, C, D, und aus dem Choral «Wachet auf, ruft uns die Stimme» trägt das Geläute die Botschaft ins Land hinaus.

Zum Nachhören: http://www.kirche-thunbachtal.ch/documents/volles_gelaeute_lustdorf.mp3

Wissen, was die Glocke geschlagen haben

Glocken riefen und rufen zum Gebet. Der Zeitplan geht auf die Stundengebete der Mönche zurück. Das Läuten gliederte früher den gesamten Tag. Um 11 Uhr wussten die Menschen: «Jetzt ist Mittagspause». Jeder Glockenschlag hatte seine Bedeutung. Hörte man genau hin, konnte man entschlüsseln, was Sache ist. Glocken wurden als Totenglocke geläutet, warnten bei Feuersbrunst und anderen Gefahren. «Das Geläute der grossen Glocke des Zürcher Grossmünsters, die Blutglocke, rief die Bürger im Mittelalter auf, sich das Urteil bei Gerichtsverhandlungen anzuhören», erklärt der Glockenexperte Hans Jürg Gnehm. Die Redensart, «etwas nicht an die grosse Glocke hängen», bedeutet, diskret vorzugehen, etwas nicht öffentlich zu machen. (clu)