Weingarter Wohnheim-Betreiber feiert Jubiläum: «Jeder verdient eine Chance»

Seit fünf Jahren engagiert sich Roger Fischer im Wohnheim in Weingarten bei Lommis für Jugendliche.

Interview: Christoph Heer
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Roger Fischer und sein Sohn Alexander Fischer engagieren sich für die Wohngruppe.

Roger Fischer und sein Sohn Alexander Fischer engagieren sich für die Wohngruppe.

(Bild: Christoph Heer)

Roger Fischer, welche Gründen führen bei Jugendlichen, zu einer Einweisung in ihre Wohngruppe?

Roger Fischer: Die sind sehr vielfältig. Es gibt Klienten, die aus familiären Gründen nicht mehr zu Hause leben können. Andere haben eine Massnahme, die wir gemeinsam mit den Zuweisern durchführen. Bedingt durch unsere Grösse haben wir jedoch auch vermehrt Anfragen für Klienten, die einen kleinen individuellen Rahmen brauchen.

Wie lange dauert ein Aufenthalt?

Es sind eher Langzeitplatzierungen. Das heisst, es kann von einem halben bis zu zwei Jahren dauern, bis der Klient uns wieder verlässt.

Oft stecken Schicksalsschläge dahinter. Mitfühlen aber nicht mitleiden: Gelingt Ihnen das?

Jeder junge Mensch, der in die Wohngruppe eintritt, hat einen Rucksack voller Erlebnisse. Leider meist keine wirklich Guten. Das einzige, was diese Jungen nicht wollen, ist Mitleid, dafür brauchen sie vielmehr ehrliche Anteilnahme.

Stösst Ihr Team auch manchmal an die Grenzen?

Ich habe ein tolles Team, das mich in der Umsetzung meines Konzepts unterstützt. Ja sicher kommen wir an Grenzen. Ich denke, das ist in diesem Beruf Alltag. Wir haben ein gutes Netz und holen uns sofort Hilfe, wenn benötigt. Der wöchentliche Austausch in den Sitzungen bringt auch viel Platz, um seine Gedanken anzubringen und andere Meinungen oder Unterstützung zu holen. Auch in diesem Bereich gehen wir neue Wege und versuchen massgeschneiderte Unterstützung anzubieten. Ich glaube, das Schwierigste ist, wenn ein Klient sich selber in Schwierigkeiten bringt. Nicht merkt, dass er sich die Probleme selber schafft und wir tatenlos zusehen müssen.

Warum setzen Sie sich heute hauptsächlich für Jugendliche ein?

Ich wollte schon immer das Thema Adoleszenz und Gesellschaft in meiner Arbeit kombinieren. Ich wollte Jugendlichen, die durch die Maschen fallen, ein Angebot zur Verfügung stellen, in dem sie eine Möglichkeit zur echten Partizipation haben. Es müssen Möglichkeiten entwickelt werden, um mit den Jugendlichen zu arbeiten. Hier sind sie Teil vom Team. Gemeinsam entwickeln wir Perspektiven für ein selbstständiges Leben. Die meisten unserer Klienten haben keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss. Hier können wir einen Teil nachholen und ihnen die Möglichkeit bieten einen Einstieg in eine Ausbildung zu schaffen. Ein Einkommen, Anerkennung und gut entwickelte Grundwerte, sind schon ein grosser Schritt in eine deliktfreie Zukunft und nebenbei eine grosse Entlastung für unsere Sozialwerke. Aus meiner Sicht hat jeder, der es wirklich möchte, eine Chance verdient, das gibt mir auch die Energie für meine tägliche Arbeit.

Nach Grundausbildungen im handwerklichen Bereich kam im Jahr 2000 die Umschulung in den sozialpflegerischen Bereich. Warum?

Der Wunsch dazu bestand schon seit vielen Jahren. In der Zeit habe ich bei einigen freiwilligen Projekten mitgearbeitet. Durch einen glücklichen Umstand konnte ich mich in einer grossen Institution im Werdenberg im sozialen Bereich umschulen lassen. Zu Beginn habe ich mich vor allem für den gerontopsychiatrischen Bereich interessiert und daher Ausbildungen und Lehrgänge besucht.

Jubiläum: 20 Jahre soziale Arbeit – fünf Jahre Wohngruppe Weingarten: Wie geht es Ihnen?

Hervorragend, ich bin voller Ideen und Tatendrang. Ich habe einen Teamleiter und im Herbst hat mein Sohn die Arbeit in der pädagogischen Wohngruppe Weingarten aufgenommen. So habe ich wieder etwas mehr Zeit für meinen Bereich, in dem ich mich sehr engagiere: Familienberatung und Coaching. Nun konnte ich im März mein Büro und Gesprächsraum in Affeltrangen beziehen. Das hält mich alles auf Trab und macht es spannend.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wohngruppe?

Dass wir die Energie und den Drive behalten können. Dass wir uns gemeinsam mit den Jugendlichen auf den Weg machen können und die Bürokratie uns nicht die Luft zum Arbeiten nimmt, zum Wohle der Jugendlichen. Das wünsche ich mir.



Junge Erwachsene finden Aufnahme

Die Pädagogische Wohngruppe in Weingarten bietet individuelle Lösungen in der Betreuung herausfordernder Klienten im Alter zwischen 15 und 22 Jahren. In der ländlichen Umgebung werden die Klienten von einem professionellen, interdisziplinären Team betreut, wobei sich der Fachbetrieb in den Bereichen Krisenintervention, Krisenmanagement, Time Out, Langzeitplatzierung und Ausbildungsbetreuung etabliert.
Seit fünf Jahren engagiert sich Wohngruppen-Geschäftsführer Roger Fischer (54) für die jungen Klienten, indem er Adoleszenz und Gesellschaft miteinander kombiniert. (red)