Weil sie keine Maske trug: Sehbehinderte Thurgauer Politikerin wird in S-Bahn angepöbelt

Die Ettenhauser SP-Kantonsrätin Barbara Müller hatte im Zug eine unangenehme Begegnung in Zusammenhang mit der Maskenpflicht.

Thomas Wunderlin
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Die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr kennt Ausnahmen.

Die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr kennt Ausnahmen.

Peter Klaunzer / KEYSTONE
  • Barbara Müller riskiert mit einer Maske eine Lungenembolie.
  • Ausnahmen von der Maskenpflicht sind wenig bekannt.
  • Müller fordert, die SBB sollten darauf aufmerksam machen.
  • CVP-Nationalrat Christian Lohr hält die Umsetzung der Forderung für schwierig.

Barbara Müller war in ein Handygespräch vertieft, als sie an der Schulter gestossen wurde. Die Geologin und Thurgauer SP-Kantonsrätin sass am Freitagmorgen um acht Uhr allein in einem Viererabteil der ersten Klasse. Kurz nach Winterthur erklang eine Lautsprecherdurchsage, die auf die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr hinwies.

In Aadorf waren mit Müller zwei Männer eingestiegen, die sich auf der gegenüberliegenden Gangseite niedergelassen hatten. Einer war aufgestanden und an Müller herangetreten. Die Männer wiesen die 57-jährige Ettenhauserin darauf hin, dass die Maskenpflicht für alle gelte. Müller sagt:

«Sie haben mich in gehässigem Ton angepöbelt.»

Der eine habe einen Befehlston angeschlagen. Sie habe sich bedroht gefühlt. Die sehbehinderte Thurgauerin entgegnete den Männern, sie hätten keine Kontrollbefugnis, und erklärte ihnen, dass sie aus medizinischen Gründen von der Maskentragpflicht befreit sei. Die Pöbelei sei dennoch weiter gegangen. Die Männer hätten behauptet, selbstverständlich sei es ihnen erlaubt, Sozialkontrollen vorzunehmen.

Gespannte Atmosphäre im Erstklassabteil

Sie hätten erst von ihr abgelassen, als sie ihren Gesprächspartner am Handy fragte, ob er die Auseinandersetzung mitbekommen habe. Die restliche Fahrt bis Zürich-Stadelhofen habe sie in angespannter Atmosphäre verbracht.

SP-Kantonsrätin Barbara Müller untersteht aus medizinischen Gründen nicht der Maskenpflicht.

SP-Kantonsrätin Barbara Müller untersteht aus medizinischen Gründen nicht der Maskenpflicht.

Nana Do Carmo / Tz

Müller war in der selben Woche bereits von Bahnpolizisten auf die Maskentragpflicht hingewiesen worden. Sie hätten den Hinweis auf ihre medizinisch begründete Ausnahme von der Maskenpflicht sofort akzeptiert.

Das kann Müller inzwischen auch durch zwei ärztliche Atteste belegen. Im April habe sie gelegentlich eine Maske getragen. Mit der Hitze gehe es nicht mehr. Die Gefahr sei zu gross, dass sie wie schon vor Jahren eine zentrale Lungenembolie erleide.

Wie Müller aus ihrem Bekanntenkreis weiss, tragen viele Lungenkranke und Leute mit Herzproblemen keine Maske. Sie verlangt deshalb von den SBB, dass sie bei den Lautsprecherdurchsagen einen Zusatz anfügen, der auf Ausnahmen von der Maskenpflicht hinweise. Zurzeit wartet sie auf eine Stellungnahme der SBB-Direktion.

Müller kann mit der Maskenpflicht allgemein «wenig anfangen». Die Kommunikation des Bundes sei widersprüchlich. Ob sie wirke, sei umstritten. Selbst auf den Maskenverpackungen stehe, dass sie gegen Viren nicht wirksam seien. Sie gehöre zur Risikogruppe, sagt Müller. Sie schütze sich, indem sie sich «vor allem nicht verrückt machen» lasse.

Behindertenpolitiker unterstützt Forderung nicht

Der Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr, der sich immer wieder für Behindertenanliegen einsetzt, kritisiert «Denunziantentum» in Zusammenhang mit der Maskenpflicht. «Es würde mir nie in den Sinn kommen, jemanden darauf aufmerksam zu machen; höchstens wenn mir jemand ohne ersichtlichen Grund zu nahe käme.»

Lohr, der ohne Arme auf die Welt gekommen ist, kann sich selber eine Maske «mit Ach und Krach» aufsetzen. Er trage sie, weil er grundsätzlich für die Tragpflicht stehe. Sie sei als Instrument gegen die Pandemie «eindeutig zu spät» verfügt worden.

Der Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr.

Der Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr.

Reto Martin

Es gebe aber tatsächlich medizinische Gründe, jemanden davon auszunehmen. «Nicht nur verschimmelte Masken», fügt Lohr an – in Anspielung auf die Masken aus alten Armeebeständen, die unter anderem vom Kanton Thurgau verteilt wurden.

Lohr unterstützt Müllers Forderung nicht, dass die SBB auf die Ausnahme von der Maskenpflicht hinweisen sollten. Dies sei kommunikativ «schwierig» umzusetzen; auch könnten Diskussionen zusätzlich gefördert werden.

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