Weil die Waldpflege defizitär ist: Thurgauer Waldbesitzer ringen um Akzeptanz und öffentliche Gelder

Weil Waldleistungen kaum noch marktfähig sind, ringen Waldbesitzer um öffentliche Gelder. Der Verband der Thurgauer Waldeigentümer ruft nun einen runden Tisch ins Leben.

Silvan Meile
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56 Prozent des Thurgauer Waldes ist in Privatbesitz.

56 Prozent des Thurgauer Waldes ist in Privatbesitz.

Bild: Donato Caspari

Besorgt schaut Josef Grob in den Bischofszeller Wald. «Viele Bäume sind umgestürzt», sagt der Präsident von Wald Thurgau. Bei der Waldspielgruppe bleibt Grob stehen. Hier knickte Sturm Sabine eine Tanne um, liess sie auf die Bänke und Tische krachen. Einen Steinwurf entfernt versperren gleich mehrere umgestürzte Tannen den Waldweg.

Es sind vor allem kranke Bäume, die einem solchen Sturm zum Opfer fallen, sagt Grob. «Eigentlich hätten sie längst gefällt werden müssen.» Das sei eben nicht geschehen, weil die Waldpflege so defizitär sei. Grob sagt:

«Weil die Holzpreise im Keller liegen, legen Waldbesitzer beim Holzschlag drauf.»

Deshalb würden viele eben die Waldpflege vernachlässigen, dazu verpflichtet sind sie nicht.

Wohin das schliesslich führen könne, habe die basellandschaftliche Gemeinde Muttenz im vergangenen Sommer erlebt. «Dort musste der geschwächte Wald aufgrund der Trockenheit mehrerer Monate gesperrt werden: Zu gross die Gefahr von Fallholz.» Für den Thurgauer Präsident von rund 8500 privaten Waldbesitzern ein Szenario, das doch die Bevölkerung wachrütteln müsste.

Neue Ideen müssen zur Sprache kommen

Wenn Privatbesitzer, die einst mit Waldwirtschaft Geld verdienten, heute um mehr öffentliche Unterstützung für die Waldpflege betteln, ist die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht garantiert. Das zeigte sich im Kanton Aargau, wo im November 2018 eine entsprechende Volksinitiative für mehr Subventionen klar scheiterte. Da nützen die Argumente auch wenig, dass der Wald die Luft reinigt oder das Trinkwasser filtert.

Für Grob müssten Beiträge deshalb an mehrheitsfähige Bedingungen gekoppelt sein.

«Wir Thurgauer müssen uns gemeinsam fragen, wie wir unseren Wald in der Zukunft haben möchten.»

Erst dann sei klar, ob und allenfalls welche Massnahmen in die Wege geleitet werden müssen – und was sie kosten.

Diese Stossrichtung dürfte der Thurgauer Regierung gefallen. Sie lehnt eine weitere Subventionierung von Waldarbeiten ab, bevor die Thematik nicht umfassender betrachtet wird. «In Zukunft wird es bei der Waldpflege mehr denn je um eine integrale Betrachtungsweise gehen, bei der sämtliche Waldleistungen wie Holz, Biodiversität, Schutz und Erholung zu berücksichtigen sind», schreibt der Regierungsrat Ende 2019 in einer Antwort an Kantonsrat Franz Eugster (CVP). Und sie lehnt zusätzlich geforderte Unterstützungszahlungen für Wälder mit Borkenkäferbefall ab, wie sie in einer Stellungnahme zu einem Vorstoss von Paul Koch (SVP) schreibt.

Alte Denkweise und Ansichten ablegen

Der Verband der Thurgauer Waldeigentümer ruft nun einen runden Tisch ins Leben. Es sollen Ideen ausgearbeitet werden, wie den nicht mehr marktfähigen Waldleistungen begegnet werden soll. Während die wirtschaftlichen Erträge ausbleiben, steigt die gesellschaftliche und ökologische Bedeutung des Waldes laufend, argumentiert Grob. Aus dieser Optik sind die Probleme der Waldeigentümer die Probleme der Allgemeinheit.

Für die Tagung vom 26. März gibt es eine lange Teilnehmerliste: Fachleute des Kantons, Waldeigentümer, Gemeinden, die Holzindustrie, Jugendorganisationen, Umweltverbände, Jäger und Freizeitsportler. «Zuerst zeigen wir den heutigen Zustand unserer Wälder auf, anschliessend wollen wir uns fragen, was für einen Wald wir in der Zukunft haben wollen», sagt Grob. Daraus sollen Massnahmen diskutiert und Ziele definiert werden. Dabei müssten sich die Teilnehmer möglicherweise von alten Denkweisen und Ansichten verabschieden.

Josef Grob, Präsident Wald Thurgau.

Josef Grob, Präsident Wald Thurgau.

Bild: Christof Lampart

Auf der Teilnehmerliste steht auch die zuständige Regierungsrätin Carmen Haag. In einem Brief an die Waldeigentümer schreibt sie, dass alle Beteiligten bereit sein müssten, «neue Themen unbefangen zu diskutieren – der Kanton inklusive». Grob hofft, dass neue Ideen auf fruchtbaren Boden fallen. Und dass sich daraus ein Thurgauer Weg entwickelt, der die Probleme der Waldbesitzer entschärft. Denn seit Jahren versuchen sie landauf, landab erfolglos, mehrheitsfähige Lösungen zu finden.

BEITRAG: In den Wald soll Geld fliessen

Im Thurgau kommt eine Gebühr für Waldnutzer zur Sprache. Eine Arbeitsgruppe prüft, ob etwa bei Joggern oder Pilzsammlern neue Einnahmequellen für die defizitäre Waldbewirtschaftung erschliessbar sind.
Silvan Meile