Wegen Coronakrise: Die Frauenfelder Innenstadt ist so leer wie sonst höchstens im Hochsommer

In Frauenfeld macht sich eine neue Normalität breit, zeigt ein Spaziergang vom Plättli-Zoo bis zum Kreuzplatz.

Stefan Hilzinger
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Kein Auto, kein Fussgänger. Die Frauenfelder Vorstadt ist zwangsberuhigt.

Kein Auto, kein Fussgänger. Die Frauenfelder Vorstadt ist zwangsberuhigt.

(Bild: Andrea Stalder)

«Schlaraffenland vorläufig geschossen.» Die Notiz an der Tür am Delikatessengeschäft in der Vorstadt bringt den derzeitigen Zustand der Thurgauer Hauptstadt auf den Punkt. Unser Paradies hat die Öffnungszeiten drastisch reduziert. Adam und Eva gehen auf Distanz.

Und bei einem Spaziergang vom Plättli-Zoo bis zum Kreuzplatz am Dienstag zeigt sich: Die Stadt ist so leergefegt wie sonst nur an heissen Tagen im Juli oder August. Wenig Volk, weniger Autos, kaum Lastwagen. Doch wie die Stadt selbst im Hochsommer nie gänzlich ausgestorben ist, geht das Leben auch in Coronazeiten weiter. Irgendwie.

Die Affen freuen sich über ein neues Klettergerüst

Im Plättli-Zoo hatten die Mitarbeiter Zeit, um den Berberaffen ein Klettergerüst aus alten Telefonstangen aufzustellen.

Im Plättli-Zoo hatten die Mitarbeiter Zeit, um den Berberaffen ein Klettergerüst aus alten Telefonstangen aufzustellen.

(Bild: Andrea Stalder)

Im Plättli-Zoo hat Betriebsleiter Christoph Wüst genug zu tun. «Wir sind täglich zu dritt hier, um uns um die Tiere zu kümmern», sagt er. Dennoch habe er Kurzarbeit anmelden müssen, denn die Kasse ist zu, Besucher kommen derzeit keine. Das Team nutzt die Zeit, um Unterhaltsarbeiten zu machen. Allerdings sieht sich Wüst hier mit einem neuen Problem konfrontiert: «Weil die Fachmärkte geschlossen haben, wird es je länger je schwieriger, Baumaterial zu beschaffen», sagt Wüst. Da hatten die Berberaffen gerade noch Glück: Für sie hat das Zooteam aus ausgemusterten Telefonstangen ein neues Klettergerüst erstellt, das die Affenbande sichtlich geniesst.

Primeln und Stiefmütterchen im «Take away»

Gwenn Demmel aus Berlingen holt bei Blumen-Garten Küng ihre Bestellung ab

Gwenn Demmel aus Berlingen holt bei Blumen-Garten Küng ihre Bestellung ab

(Bild: Andrea Stalder)

Vor Blumen-Garten Küng an der Hohenzornstrasse hievt eine Frau Kistchen mit Primeln und Stiefmütterchen von einem voll beladenen Wägelchen in den Kofferraum. «Das habe ich per Internet bestellt und hole es nun wie vereinbart ab, punkt Zehn», sagt Gwen Demmel, wirft einen Blick auf die Uhr und nickt. Sie wohnt in Berlingen, arbeitet bei einer US-Firma in Schaffhausen und ist derzeit im Homeoffice. Jetzt habe sie Zeit, etwas Farbe in ihr «Home» zu bringen. Solange noch Morgenfrost angesagt sei, bleiben die Setzlingen allerdings in der Garage.

«Als wär der Entlastungstunnel schon gebaut»

Die Vorstadt ist ruhig, kaum Verkehr. «Als wäre der Entlastungstunnel schon gebaut», ist man versucht zu sagen. An den Türen zu den Geschäften kleben Zettel. «Wegen Corona geschlossen.» Vor dem Bücherladen Sax stehen Papiersäcke mit Büchern zum Abholen parat. Ein älterer Herr benötigt Batterien für sein Hörgerät und steuert auf der Zürcherstrasse auf ein Fachgeschäft zu. Eine Verkäuferin sperrt die Tür auf und lässt ihn ein.

Auf dem Weg zum Beck die Beine vertreten

Désirée Menzi und ihre Kinder gehen zum Bäcker und verbinden dies mit einem Spaziergang an der frischen Luft.

Désirée Menzi und ihre Kinder gehen zum Bäcker und verbinden dies mit einem Spaziergang an der frischen Luft.

(Bild: Andrea Stalder)

Beim Meitlibrunnen ist eine Mutter mit zwei Kindern unterwegs. «Wir holen Brot beim Altstadtbeck und vertreten uns dabei die Beine», sagt Désirée Menzi. Sie arbeitet Teilzeit in der Pflege im Kantonsspital Frauenfeld in der Chirurgie. Dort sei es vergleichsweise ruhig. «Ruhig, aber angespannt», sagt sie. Die Tochter auf dem Velöli freut sich auf ihr Maisbrötli.

Kein Plakat für den neuen James-Bond-Film. Leer Vitrine beim Schloss-Kino.

Kein Plakat für den neuen James-Bond-Film. Leer Vitrine beim Schloss-Kino.

(Bild: Andrea Stalder

Vorbei an der leer geräumten Vitrine des Schlosskinos geht es Richtung Kreuzplatz. Beim öffentlichen Bücherschrank stellt jemand Lektüre ins Regal und macht sich dann raschen Schrittes von dannen.

Kaum Kundschaft im Laden

Kirubanithy Nageshwaran im « Gesha Shop»  am Kreuzplatz. Derzeit nur für notfallmässige Geldüberweisungen ins Ausland geöffnet.

Kirubanithy Nageshwaran im « Gesha Shop»  am Kreuzplatz. Derzeit nur für notfallmässige Geldüberweisungen ins Ausland geöffnet. 

(Bild;; Andrea Stalder

Die Tür zum «Gesha Shop» steht halb offen. Bedient der Laden mit Fernost-Spezialitäten noch Kundschaft? «Nein. Die Lage ist sehr schlecht», sagt Kirubanithy Nageshwaran. An der Registrierkasse ein Zettel: «Covid-19. Bitte Abstand halten. Please keep your distance.» «Wir führen für unsere Kunden nur noch notfallmässige Geldüberweisungen ins Ausland durch. Daher steht die Handynummer an der Ladentür», sagt Nageshwaran.

Mit dem Aufräumen hat es schon bald ein Ende

Schuhmacher Robert Peter darf nur noch orthopädische Schuhe bearbeiten.

Schuhmacher Robert Peter darf nur noch orthopädische Schuhe bearbeiten.

(Bild:  Andrea Stalder)

Letzte Station auf dem Rückweg ist die Grabenstrasse. Bei Schumacher Robert Peter brennt Licht in der Werkstatt. Ein Kunde holt seine Spezialschuhe ab. «Orthopädische Arbeiten darf ich noch machen», sagt Peter. Ansonsten bleibe ihm nicht viel mehr übrig, als aufzuräumen. «Damit bin ich jetzt dann aber durch.» Für seine Frau, die üblicherweise im Laden oben bedient, hat er Kurzarbeit angemeldet. Wie es weitergehen soll, weiss er nicht.