«Was, wenn der Wolf bald ein Kind frisst?» Wie ein Wanderschäfer hofft, von Angriffen im Thurgau verschont zu bleiben

Mit 650 Schafen zieht Franco Vitali von Feld zu Feld durch den Thurgau. Er trotzt Wind und Wetter – doch die Angst vor dem Wolf bleibt.

David Grob
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«Vielleicht kommt der Wolf. Vielleicht nicht.» – Der Wanderhirte Franco Vitali vor seiner Schafherde oberhalb des Thurtals.

«Vielleicht kommt der Wolf. Vielleicht nicht.» – Der Wanderhirte Franco Vitali vor seiner Schafherde oberhalb des Thurtals. 

Bilder: Andrea Stalder

Das weisse Schaf ist ein Klischee. Die rund 650 Schafe, die hier auf einem Feld zwischen den Weilern Azenwilen und Schmidshof oberhalb des Thurtals grasen, waren bestenfalls mal weiss. Jetzt aber sind sie grau wie die regenschweren Wolken oder braun wie ein gepflügter Acker. Gezeichnet von Wind und Wetter. Und vom Sturm, der gestern übers Thurtal peitschte.

Ein Klischee ist auch der Wolf, der seit mehreren Wochen eine Spur aus Blut und Tod in der Ostschweiz hinterlässt. Oberrindal, Thundorf, Tägerschen, Rossrüti, Zuckenriet, Entetswil. Neun Schafe und einen Rehbock hat das Raubtier bislang erwischt. Hinzu kommen einige verletzte Lämmer. Ob alle Risse der selbe Wolf begangen hat, wird derzeit abgeklärt.

Und nicht zuletzt ist auch Franco Vitali ein Klischee. Der Schäfer, Jahrgang 1956, trotzt dem Sturm wie ein Fels in der Brandung, das wettergegerbte Gesicht versteckt hinter grauem Bart und Kapuze, in der Hand einen krummen Stock, den Körper geschützt mit einem Regenmantel in Tarnmuster. Er steht stoisch am Strassenrand, während sich seine Schafe über die ganze Wiese verteilen. Jeweils im Herbst zieht Vitali mit seiner Schafherde, drei Hunden und vier Maultieren von Feld zu Feld durch die Ostschweiz. Doch der Wolf lässt ihm keine Ruhe.

Eines von vier Maultieren, die Vitali von Feld zu Feld begleiten.

Eines von vier Maultieren, die Vitali von Feld zu Feld begleiten.

Andrea Stalder

Schutz durch Hunde und einen Elektrozaun

Der Puschlaver, Muttersprache Italienisch, sagt in seinem gebrochenen Deutsch:

«Ich bin nachts immer alarmiert.»

Er deutet vorbei an den Hochspannungsmasten auf sein weisses Auto am Ende des Feldes, in dem er jeweils die Nacht verbringt, immer direkt neben seiner Herde. Er schaue in der Nacht mehrmals aus dem Fenster. Tagsüber können sich die Tiere frei bewegen, nachts zäunt Vitali seine Schafe ein. «Mit einem Elektrozaun.»

Immer wieder schweift Vitalis Blick über seine Herde. Manchmal büxen einige Schafe aus – das Gras auf der anderen Strassenseite ist immer grüner. Ein schnelles Kommando auf Italienisch, ein Pfiff, einer seiner drei Hunde rennt los – und die Schafe gehen zurück in die Herde. Nachts, so Vitali, seien seine Hunde angeleint bei den Schafen, immer wachsam. Hören oder spüren die Hunde, die jetzt während des Gespräches nicht einen Laut von sich geben, nachts etwas Verdächtiges, so bellen sie. «Einige Tage zuvor in der Nähe von Märwil haben die Hunde fast die ganze Nacht gebellt», erzählt Vitali.

Insgesamt 650 Schafe grasen zwischen den Weilern Azenwilen und Schmidshof

Insgesamt 650 Schafe grasen zwischen den Weilern Azenwilen und Schmidshof

Andrea Stalder

Elektrozäune – damit folgt Vitali genau den Empfehlungen von Experten und Behörden: Elektrozäune würden in aller Regel ein Eindringen von Wölfen verhindern, sagte Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau, vor Kurzem in dieser Zeitung. Und in einer kürzlich erschienenen Studie heisst es:

«Es deutet alles darauf hin, dass die allermeisten Wölfe generell keine Elektrozäune überspringen.»

Die Hunde von Vitali sind sogenannte Hütehunde, die spezialisiert darauf sind, Schafherden zu kontrollieren. Der Bund aber empfiehlt sogenannte Herdenschutzhunde, die speziell zum Schutz gegen Wildtiere ausgebildet sind. Er unterstützt Bauern und Schafzüchter, die auf Herdenschutzhunde setzen, mit finanziellen Beiträgen. Vergangene Woche kommunizierte Pro Natura Thurgau, 1000 Franken für einen Herdenschutzhund und 500 Franken für die Neuanschaffung von Elektrozäunen zu zahlen.

Einer der drei Hunde, mit denen Vitali seine Herde schützt und kontrolliert.

Einer der drei Hunde, mit denen Vitali seine Herde schützt und kontrolliert.

Andrea Stalder

«Greift ein Wolf Schafe auf freiem Feld an, ist das natürlich»

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau.

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau.

Reto Martin

Trotz Zaun, trotz Hütehunden – müsste man den Wolf ihrer Meinung nach schiessen, Herr Vitali? Ja, meint der Hirte direkt. «Was, wenn der Wolf bald ein Kind frisst?» Das Tier habe offensichtlich keine Scheu vor Menschen. «Greift ein Wolf Schafe auf freiem Feld an, so ist dies natürlich.» Wenn er aber in Ställe eindringt, sei dies problematisch. So geschehen etwa im st.gallischen Weiler Entetswil in der Nähe von Bischofszell. Und man vermutet, das der Wolf in Thundorf durch ein Fenster in den Stall eingedrungen sein könnte. Auch Dominik Thiel, Leiter der St.Galler Jagdbehörden, fand dieses Verhalten in der Ausgabe von gestern problematisch. Für sein Thurgauer Pendant Roman Kistler hingegen ist das Verhalten des Wolfes natürlich.

Vitali hatte bislang noch keine Probleme mit Wölfen. Dennoch ist er ein gebranntes Kind: 2012 riss der als M13 bekannte Bär, der landesweit für Schlagzeilen sorgte, auf Vitalis Hof in Brusio, Puschlav, gleich neun Schafe. Ende 2012 stufte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) M13 gemäss seines Bärenkonzepts vom sogenannten Problembären zum Risikobären ein – und gab ihn somit zum Abschuss frei. Mitte Februar 2013 wurde M13 im Kanton Graubünden schliesslich geschossen. Für Vitali sind aber nicht die Raubtiere das Problem.

«Ich bin nicht wütend auf den Wolf. Er muss fressen.»

Dennoch findet er Wildtiere in der Schweiz problematisch. Die Schweiz sei nicht Kanada, sagt Vitali und deutet auf die nächsten Bauernhäuser. Sie sei zu klein und zu dicht besiedelt für Raubtiere.

Der Sturm peitscht weiter übers Land. Vitali wird weiter unruhig schlafen. Wird weiter auf den Zaun und auf seine Hunde hoffen. Und er wird die Situation so nehmen, wie sie kommt. «Vielleicht kommt der Wolf. Vielleicht nicht.» Er bleibt das Klischee eines Schäfers. Und trotzt Sturm und Wolf.

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