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Mit dem neuen Exkursionsführer ins Thurgauer Wasserwissen eintauchen

Dem Thurgau ist neuerdings eine hydrologische Exkursion gewidmet. Sie zeigt anschaulich, was die Eingriffe des Menschen für das Ökosystem Gewässer bedeuten und welche Rolle die Fliessgewässer für das Leben von Menschen, Pflanzen und Tiere spielen.
Sebastian Keller
Die Buhne im Bereich Biberäuli lenkt die Strömung zur Flussmitte. Sie gilt als sanfter Eingriff im Wasserbau. (Bilder: Sebastian Keller)

Die Buhne im Bereich Biberäuli lenkt die Strömung zur Flussmitte. Sie gilt als sanfter Eingriff im Wasserbau. (Bilder: Sebastian Keller)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Zwischen Gott und dem Wein liegt der Start. Auf einer Bank vor der Kirche St. Martin in Warth schweift der Blick über traubenbehangene Reben, die Kartause Ittingen, die Kräne in Frauenfeld und weiter bis in die Berner und Glarner Alpen. Doch Weitblick Nebendarsteller, Hauptdarsteller ist der Fluss, der dem Kanton den Namen gibt: die Thur. Der Hydrologische Atlas der Schweiz widmet ihr seit diesem Jahr eine Exkursion aus der Reihe «Wege durch die Wasserwelt». Das Büchlein dazu passt in den Hosensack. Es erzählt fundiert die Entwicklung des Flusses, erklärt Zusammenhänge, gibt Denkanstösse zum Thema Wasser. Wasser ist von der Sitzbank wegen der aktuellen Trockenheit – seit Freitag gilt ein Wasserentnahmeverbot – nicht zu sehen, nur die Kiesbänke deuten auf ein Gewässer im Tal hin.

Durch das ehemalige Kloster lustwandeln

Vor dem Eintauchen in die Wasserwelt lassen sich im ehemaligen Kartäuserkloster Momente der Entspannung einsaugen. Der Kräutergarten aromatisiert die Luft. Entlang der Mönchsklausen, die verwachsen bis verwunschen erscheinen, knirscht der Kies unter den Schritten. Hier geht der Besucher nicht, er lustwandelt.

Lustwandeln entlang der Mönchsklausen der Kartause Ittingen.

Lustwandeln entlang der Mönchsklausen der Kartause Ittingen.

Beim Verlassen des Klosters fallen gen Himmel rankende Hopfen auf. Nach wenigen Minuten auf Feldwegen erreicht man die Thur. 127 Kilometer misst sie von der Quelle bis zur Mündung. Gespeist wird sie von 450 Bächen und Flüssen. Der Flusslauf hat sich durch Menschenhand über die Jahrhunderte verändert. Um 1900 setzte man auf Verbauungen und Begradigungen, um Menschen und Siedlungen vor überbordenden Wassermassen zu schützen. Dadurch machte man zusätzliche Flächen urbar. Doch die Eingriffe erwiesen sich nicht als der Weisheit letzter Schluss. Die Artenvielfalt nahm drastisch ab; auch der Hochwasserschutz war nicht in jedem Fall gegeben. Die Thur floss schneller als vorher, wo sie noch durch die Landschaft mäandrierte. Sie entwickelte sich zu einer Wasserautobahn.

Die Thur nach der Rohrer Brücke.

Die Thur nach der Rohrer Brücke.

Unter dem Eindruck verheerender Hochwasser 1977 und 1978 wurde damit begonnen, Flüssen Raum zurückzugeben. Stichwort: Revitalisierung. 1993 starteten zwischen Frauenfeld und Niederneunforn Arbeiten zur 2. Thurkorrektion. Zehn Jahre später waren sie abgeschlossen. Die Aufweitung Biberäuli ist eine der Massnahme: Verbauungen wurden entfernt, das Ufer abgeflacht. Damit konnte sich die Thur wieder entfalten. Bei der Exkursion sticht die Kiesbank, gleich einer Insel, ins Auge. Links und rechts fliesst Wasser gen Kantonsgrenze.

Eingriffe sind auch heute noch notwendig

Das Flussbett hat sich nach der Revitalisierung ausgebreitet. Weil sich die Thur bei Hochwasser nicht mehr im Bett halten konnte, trug sie das Nordufer weiter ab. Landwirtschaftliche Flächen und eine Flurstrasse waren gefährdet. Daher griff der Kanton erneut in den Werkzeugkasten des Wasserbaus. Anders als früher gilt heute die Maxime, Eingriffe aufs Minimum zu beschränken. So entschied man sich für Buhnen. Diese Struktur- und Ufersicherungselemente aus Stein lenken die Strömung des Wassers Richtung Flussmitte und vermindern so die Ufererosion. Sie gleichen Wellenbrechern, die in Meerhäfen Schiffe schützen. Im Biberäuli sind zwischen Buhnen Stillwasserzonen zu erkennen. In diesen ruhen oder leben Organismen, die Strömungen nicht mögen.

Beim Biberäuli bekam die Thur im Rahmen der zweiten Korrektion Raum zurück.

Beim Biberäuli bekam die Thur im Rahmen der zweiten Korrektion Raum zurück.

Im Biberäuli ist – der Name lässt es vermuten – der Biber präsent. Auch der Eisvogel brütet hier. Beim Besuch grüsst aber weder der fischfressende Vogel noch der pflanzenfressende Nager. Angefressene Baumstämme zeugen aber von der Aktivität des Bibers. Weiter führt die Exkursion thuraufwärts auf dem Vorland, dem Bereich zwischen Flussbett und Damm. Er wird bei Hochwasser überflutet. Das Vorland wird vielfach landwirtschaftlich genutzt, so weiden vor der Rohrer Brücke Kühe. Auf diesem Abschnitt thuraufwärts ist der Fluss grösstenteils begradigt. Es scheint, als ob ihn ein Geometrielehrer in die Landschaft gezeichnet hätte.

Der Binnenkanal und die Murg münden vor der Rohrer Brücke in die Thur.

Der Binnenkanal und die Murg münden vor der Rohrer Brücke in die Thur.

Nach der Rohrer Brücke münden die Murg und der Binnenkanal in die Thur. Der hydrologische Wanderführer weist einen in den Wald. Damit wird signalisiert, dass Gewässer Teil eines grösseren Ökosystems sind. Dann knallt es. Man befindet sich nun im Raum Grosse Allmend. Hier bildet die Armee ihren Nachwuchs nicht nur im Schiessen aus, wenn nicht gerade Hip-Hip-Grössen sich das Mikrofon in die Hand geben. Doch der Exkursionsführer widmet sich weder der Musik noch der Munition, sondern dem Auenwald. In diesem Gebiet befindet sich eines von 362 Objekten von nationaler Bedeutung des Aueninventars. Auenwälder waren einst typische Lebensräume entlang von Gewässern. Seit 1850 wurden rund 70 Prozent der natürlichen Auengebiete zerstört, was der Biodiversität arg zusetzte. Auen gelten als «Hotspot der Artenvielfalt». Das spürt man am eigenen Leib: Es pikst und sticht an Armen und Beinen.

Der Murg-Auen-Park ist ein beliebtes Naherholungsgebiet in der Stadt Frauenfeld.

Der Murg-Auen-Park ist ein beliebtes Naherholungsgebiet in der Stadt Frauenfeld.

Nun gilt die Aufmerksamkeit den Fischen. Unter der Autobahnbrücke, die über die Murg führt, befindet sich ein national bedeutendes Nasen-Laichgebiet. Die vom Aussterben bedrohten Fische wandern seit einigen Jahren wieder im Frühling von der Thur die Murg hoch, um in der Stadt zu laichen. Bedroht sind Fische etwa, weil ihnen wegen menschlicher Eingriffe die unterschiedlich gearteten Lebensräume in den Flüssen entzogen wurden. Nun biegt man auf die Zielgerade ein: in den Frauenfelder Murg-Auen-Park. Stadt und Kanton schlugen mit einem gemeinsamen Projekt mehrere Fliegen auf einen Schlag. Ein Park mit Pavillon fürs Publikum wurde erstellt, gleichzeitig der Fluss aus seinem starren Korsett entfesselt. Der Murg-Auen-Park wurde 2017 von irdischer Hand ausgezeichnet: mit dem Schulthess-Gartenpreis des Schweizer Heimatschutzes.

Hydrologischer Wanderführer für zwölf Franken

Der Exkursionsführer «Revitalisierung Thur», aus dem viele Informationen für diesen Artikel stammen, kann für zwölf Franken bestellt werden unter:
www.hydrologischeratlas.ch.

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