Walter Hugentobler kehrt der Thurgauer Politbühne nach 20 Jahren den Rücken zu

Der Matzinger Gemeindepräsident Walter Hugentobler tritt am Samstag für die SP nicht mehr zu den Grossratswahlen an. 20 Jahre sind für den 56-Jährigen genug. Eine Zeit mit Höhen und Tiefen, die ihm ein Treffen mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder ermöglichte.

Samuel Koch
Hören
Drucken
Teilen
Walter Hugentobler spricht im Sitzungszimmer des Matzinger Gemeindehauses über seine Politkarriere.

Walter Hugentobler spricht im Sitzungszimmer des Matzinger Gemeindehauses über seine Politkarriere.

(Bild: Andrea Stalder)

Stolz. Diese Gefühlsbeschreibung kommt wie aus der Kanone geschossen, die Walter Hugentobler empfindet, wenn er an seine bald 20 Jahre im Grossen Rat denkt. «Höhepunkt war mit Abstand mein Präsidialjahr 2010», meint der Matzinger Gemeindepräsident. Dabei kann er den Einblick in seine Gefühlswelt nicht komplett kaschieren. Im Sitzungszimmer des Gemeindehauses Matzingen erzählt der 56-jährige Sozialdemokrat:

«Es war unbeschreiblich zu sehen, wie viele Menschen sich für das Leben im Kanton einsetzen.»
Wahl von Walter Hugentobler (SP) zum Grossratspräsidenten im Frauenfelder Rathaus. Nebenan: Renate Bruggmann.

Wahl von Walter Hugentobler (SP) zum Grossratspräsidenten im Frauenfelder Rathaus. Nebenan: Renate Bruggmann.

(Bild: Reto Martin, 26. Mai 2019)

Parteifarben rückten in den Hintergrund, «selbst bei SVP-Anlässen habe ich mich stets herzlich willkommen gefühlt». In den Grossen Rat kam Hugentobler im Juli 2000 nach dem Rücktritt von Peter Hausammann. Die Geschehnisse bei seiner Vereidigung im Grossen Bürgersaal in Frauenfeld erzählt Hugentobler, als ob es gestern gewesen war. «Weil meine Familie auf der Tribüne sass, habe ich gewinkt.» Da habe ihm der damalige Grossratspräsident Dieter Meile geraten, die Hand zu senken. «Andernfalls müsse ich etwas sagen», erzählt Hugentobler und lacht.

Trotz Nackenschlägen hegt er keinen Groll

56-Jährig und amtsmüde? – «Nein, keineswegs», winkt Hugentobler ab. Er habe aber in letzter Zeit gemerkt, dass ihn nicht mehr alle Themen gleich interessierten. Der Entscheid, dass er sich nicht mehr für eine Wiederwahl aufstellen lässt, sei kein Entscheid gegen die Politik, sondern einer für mehr Freizeit. Der gelernte Pädagoge und ehemalige Schulleiter sagt:

«Ich freue mich, nach all den Jahren auch wieder etwas mehr zu leben.»

«Es ist heute durchaus schwierig, auf kluge Weise links zu sein, nichtsdestoweniger ist Linkssein schlussendlich die einzige Weise, klug zu sein.» Dieses Zitat ziert die Bewerbung für einen Sitz im Regierungsrat, den Hugentobler wegen der SP-internen Nomination von Cornelia Komposch 2015 verwehrt blieb.

Die Titelseite von Walter Hugentoblers Bewerbungsunterlagen vor dem SP-Nominationsparteitag im November 2014.

Die Titelseite von Walter Hugentoblers Bewerbungsunterlagen vor dem SP-Nominationsparteitag im November 2014.

(Bild: Screenshot)

Zum obigen Zitat sagt Hugentobler: 

«Ich stehe für eine humanistische Einstellung und eine liberale Haltung ein.»

Politische Niederlagen musste der passionierte Hobbykoch mit verpassten Wahlen in National- und Ständerat weitere einstecken. «Ich gräme mich nicht», sagt Hugentobler, der stets nach vorne blickte und sich als Stehaufmännchen bezeichnet. So schaffte er es unter anderem zum Mitglied der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission, die er noch heute präsidiert, zum SP-Fraktionspräsidenten oder zum Präsidenten des Fördervereins der Pädagogischen Hochschule Thurgau.

Der damalige Schulleiter Walter Hugentobler engagiert sich im Komitee gegen die Volksiniative «Nur eine Fremdsprache an Primarschulen».

Der damalige Schulleiter Walter Hugentobler engagiert sich im Komitee gegen die Volksiniative «Nur eine Fremdsprache an Primarschulen».

(Bild: Donato Caspari, 21.02.2006)

Überhaupt erst in die Politik führte Hugentoblers Weg während der Zeit an der Kanti Frauenfeld. «Ich stand als Jugendlicher mit meinem Velo beim ‹Buume› am Strassenrand und beobachtete den damaligen Regierungsrat Hanspeter Fischer», erzählt er. Das habe ihm imponiert, weshalb er sich zunächst als Schülerratspräsident engagierte. «Denn bei uns zu Hause war Politik kaum ein Gesprächsthema», sagt Hugentobler.

Als Sohn eines apolitischen Fahrlehrers, der wegen seiner Haltung keine Kunden verlieren wollte, entdeckte Hugentobler erst viel später, dass sein Grossvater Gründungsmitglied der SP Matzingen gewesen war. Zunächst als Parteiloser wählte ihn die Dorfbevölkerung in den Gemeinderat. «Zur SP kam ich erst später», sagt er.

Handlanger unter Wolfgang Kuchler im «Schäfli»

Spitzenkoch Wolfgang Kuchler.

Spitzenkoch Wolfgang Kuchler.

(Bild: Donato Caspari, 20.11.2014)

Zu tun hat die politische Haltung von Walter Hugentobler womöglich mit einer Anekdote aus dem Wigoltinger Restaurant Taverne zum Schäfli, wo er als Praktikant und Handlanger in der Küche unter Starkoch Wolfgang Kuchler einiges für sein geliebtes Hobby dazulernen durfte. Hugentobler meint: 

«Das Kochen war ein super Ventil, um abzuschalten.»
Der ehemalige SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Der ehemalige SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

(Bild: Donato Caspari, 25.04.2013)

Für ihn unvergessen bleibt ein Einsatz vor zirka zehn Jahren, als er längst als Kantonsrat wiedergewählt war. Auf Einladung von Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler gastierte Gehard Schröder in Wigoltingen. Nach getaner Arbeit holte Spuhler Hugentobler für einen Absacker aus der Küche. Schulter an Schulter mit Schröder habe der ehemalige SPD-Bundeskanzler gesagt:

«So so, wir sind jetzt also die einzigen vernünftigen Menschen in diesem Raum.»

Nun also kehrt Walter Hugentobler zumindest der kantonalen Politbühne den Rücken zu. Langweilig wird es ihm jedoch nicht, zumal er frisch wiedergewählt weiterhin mit einem 80-Prozent-Pensum als Gemeindepräsident amtet und sein Mandat als Präsident des Ekkharthof in Lengwil nicht von heute auf morgen beenden will.

Hie und da sitzt er in seinem Stammrestaurant im Freudenberg ob Stettfurt und debattiert über aktuelle Themen. Liebend gerne steht er aber auch selber in der Küche oder frönt einem seiner weiteren Hobbys: dem Sammeln. Nebst Zeit für gute Bücher und Postkarten investiert der Vater zweier erwachsener Kinder gerne Zeit und Geld in guten Wein aus dem französischen Languedoc.

Vor seinen letzten Wochen als Kantonsrat fürchtet er sich nicht, an seiner letzten Sitzung am 6.Mai im Grossen Bürgersaal in Frauenfeld Emotionen zu zeigen. Dann schliesst sich dort nach fast 20 Jahren der Kreis.

Heimisches Holz dominiert neuen Werkhof der Gemeinde Matzingen

2,645 Millionen Franken kostet der neue Werkhof an der Hardstrasse 3 in Matzingen. Vor der feierlichen Einweihung am kommenden Wochenende mit einem vielfältigen Programm hat Gemeindepräsident Walter Hugentobler zu einem Rundgang eingeladen.
Samuel Koch