Wald und Kulturland
Eine Gefahr für das Thur-Grundwasser: Frauenfelder Waldbesitzer üben harsche Kritik an den kantonalen Plänen der Thur-Revitalisierung

Beim Revitalisierungskonzept «Thur+» des Kantons Thurgau stehen für die Waldkorporation Erzenholz-Horgenbach-Osterhalden 30 Hektaren Auenwald und 40 Hektaren Kulturland auf dem Spiel. Bei einem Teil der Waldbesitzer wäre nach eigenen Angaben eine Enteignung das letzte Mittel.

Mathias Frei
Merken
Drucken
Teilen
Die Waldbesitzer Hansruedi Hänni, Alexander Gubler und Ernst Lieber im betroffenen Thur-Auenwald.

Die Waldbesitzer Hansruedi Hänni, Alexander Gubler und Ernst Lieber im betroffenen Thur-Auenwald.

Bild: Donato Caspari

Auf allzu viel Gegenliebe stösst «Thur+» bislang nicht. Noch bis Ende Jahr läuft die Vernehmlassung zum Generationenprojekt des Kantons, die Thur naturnah umzugestalten und hochwassersicherer zu machen. Die richtig grossen Fans dieser Thur-Revitalisierung sucht man noch vergebens. Den Landwirten gehen die Massnahmen zu weit, sie fürchten zu viel Kulturlandverlust. Derweil sprechen die Umweltverbände von einer verpassten Chance, weil ihnen die Pläne zu wenig weit gehen. Und zuletzt gingen auch die Pfyner Stimmbürger gegen «Thur+» auf die Barrikaden.

Gegen ein hundertjähriges Thur-Hochwasser gewappnet

Hinter «Thur+» steht das Ansinnen des Kantons Thurgau, die Thur fast auf dem ganzen Kantonsgebiet umzugestalten. Das soll rund 340 Millionen kosten, verteilt auf die kommenden 30 Jahre. «Thur+» bildet dabei die Planungsgrundlage, die einzelnen Projekte müssen aber noch ausgearbeitet werden. «Ein breit abgestützter Mitwirkungsprozess ist vorgesehen», heisst es online auf thur.tg.ch. Aktuell und noch bis Ende Jahr läuft die Vernehmlassung für das Konzeptpapier. Nebst der ökologischen Aufwertung soll mit «Thur+» der Hochwasserschutz ausgebaut werden, man soll zukünftig gegen Hochwasser gewappnet sein, die in ihrem Ausmass nur alle hundert Jahre auftreten. Weiter soll die Sohlenerosion verlangsamt werden. Laut Konzept sollen die heutigen Dämme Fixpunkt bleiben. Durch die generelle Aufweitung des Flussbetts auf 80 Meter erhält die Thur mehr Freiraum. Die Umsetzung ist in drei Etappen geplant. Die erste betrifft den Abschnitt von der Murgmündung bei Frauenfeld bis nach Weinfelden. (ma)

Jetzt werden Waldbesitzer laut, konkret die 30 Privatwaldbesitzer der Frauenfelder Waldkorporation Erzenholz-Horgenbach-Osterhalden (EHO). Ernst Lieber, der im Unteren Auenfeld unweit des Auenwaldes im Chasperäcker wohnt, bildet mit Hansruedi Hänni und Alexander Gubler den Vorstand der Korporation. Würden die Ideen des Kantons dereinst realisiert werden, gingen der Korporation rund 30 Hektaren hochwertiger Auenwald verloren, sagt Ernst Lieber. Denn unter anderem im Gebiet Wuer, das zur Korporation gehört, soll der Damm hinter den Auenwald verlegt werden. Der Kanton sagt, die Auenwälder sollten so an die natürliche Dynamik der Thur angeschlossen werden. Das ist für Lieber Schönfärberei. Auenwald ist das eine, Kulturland das andere.

«Im Gebiet unserer Waldkorporation geht es zudem um den Verlust von 40 Hektaren Kulturland.»

Einen Drittel müsste der Kanton zwingen

Notfalls kann der Kanton für die Thur-Revitalisierung Enteignungen vornehmen. Lieber geht davon aus, dass zwei Drittel der Besitzer in der Waldkorporation EHO aus freien Stücken verkaufen würden. Aber es gäbe eben auch jene, bei denen eine Enteignung nötig wäre, unter anderem Lieber selber, aber auch Hänni und Gubler. Lieber meint lachend:

«Bis es dann aber mal so weit kommen könnte, fliesst zum Glück noch ganz viel Wasser die Thur runter.»
Ernst Lieber, Waldkorporation Erzenholz-Horgenbach-Osterhalden.

Ernst Lieber, Waldkorporation Erzenholz-Horgenbach-Osterhalden.

Bild: Donato Caspari

Ungleich mehr Sorgen bereitet Lieber aber das Grundwasser. Zugespitzt formuliert stellt sich für ihn die Frage: «Wollen wir sauberes Trinkwasser oder eine lebendige Thur?» Fakt ist: Im Gebiet Wuer ist der Binnenkanal Teil des riesigen Thurtal-Grundwassersees. Während die Thur rund anderthalb Meter über dem Grundwasser fliesst, besteht zwischen dem Binnenkanal und dem Trinkwasserspeicher für den halben Kanton eben keine Filterung. Lieber sagt:

«Die Thurdämme hatten in der Vergangenheit und haben auch heute eine wichtige Filterfunktion.»

Wenn man nun aber den Damm hinter den Auenwald verlege und entsprechend die Thur direkt in den Binnenkanal ableite, gebe es, so Lieber, keine Filterbarriere mehr. Der Grundwassersee werde direkt mit dem schmutzigen Oberflächenwasser der Thur belastet.

Einmündung des Tegelbaches im Auenwald in den Binnenkanal.

Einmündung des Tegelbaches im Auenwald in den Binnenkanal.

Bild: Donato Caspari

Bagger und schwere Lastwagen sind kein Gewinn

Ein anderer Aspekt, der Lieber zu denken gibt, ist die Artenvielfalt im Auenwald. Oder eigentlich besser: der fehlende Mehrwert für die Biodiversität durch «Thur+». Der Auenwald bei Horgenbach sei eine Perle unter den Auenwäldern in der Schweiz. Der Grundwasserstand in diesem Gebiet sei ganzjährig hoch, entsprechend die auentypische Fauna nahezu vollständig ausgebildet. Bereits heute sei die Biodiversität in diesem Naturschutzgebiet hoch. Mit einer Revitalisierung der Thur verändere sich die Artenvielfalt, sagt Lieber.

«Aber es ist definitiv kein Gewinn, wenn man jahrelang mit Baggern alles umpflügt und mit schweren Lastwagen abführt.»

Das Ziel einer Renaturierung, nämlich die Wiederherstellung der ursprünglichen Gewässersituation, sei absolut ehrenwert. Aber: «Der Raumbedarf der Thur über das halbe Thurtal ist völlig übertrieben.» Doch Lieber ist sich sicher: Wenn bereits in den nächsten fünf Jahren Landverhandlungen anstehen täten, wäre es schnell gegangen.