Wagenhausen
100 Tage später: Mit Transparenz im Bekleidungsgeschäft will Chiara Marty die Silver-Ox-Challenge schaffen

Die 27-jährige Chiara Marty hat sich zum Ziel gesetzt, innert 100 Tagen eine Plattform zum Thema Nachhaltigkeit in der Mode zu lancieren. In einer Zoom-Präsentation hat sie ihr Projekt vorgestellt und erfahren, ob sie die Challenge bestanden hat oder ihren Wetteinsatz von 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten muss.

Janine Bollhalder
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Chiara Marty in ihrem Büro im Haus Silver Ox in Wagenhausen.

Chiara Marty in ihrem Büro im Haus Silver Ox in Wagenhausen.

Bild: Benjamin Manser (23.11.21)

Die Zeit ist abgelaufen. 100 Tage hatte Chiara Marty Zeit, ihre Idee einer Plattform zur Nachhaltigkeit in der Textilbranche umzusetzen. In einer Präsentation via Zoom hat sie ihr Projekt vorgestellt. Rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörer haben erfahren, dass es anders gekommen ist als geplant. Und auch, ob die 27-jährige Bündnerin in den Augen der Jury ihr Ziel erreicht hat oder den festgelegten Wetteinsatz leisten muss.

Marty ist die zweite Teilnehmerin der Silver-Ox-Challenge. Der «Silver Ox» ist das ehemalige Restaurant Ochsen in Wagenhausen, das bis 2020 totalsaniert wurde und einen neuen Zweck erhielt: Jung und Alt über Projekte vernetzen und so neue Ideen schaffen. Marty wohnte während der 100 Tage kostenlos im Haus mit den sogenannten Silvers, den Ü50-Bewohnerinnen und -Bewohnern.

Von «Curiosidad» zu «Klartextil»

«Dass die Zeit im Silver Ox nun zu Ende ist, habe ich noch nicht ganz realisiert», sagt Marty. Die Präsentation war für sie der Abschluss einer intensiven und lehrreichen Zeit. Gestartet ist sie mit Ziel, unter dem Projektnamen «Curiosidad» – aus dem Spanischen für Neugier – eine Plattform mit Informationen rund um Textilien und Nachhaltigkeit zu gestalten. Im finalen Zoom-Meeting präsentiert sie eine weitaus grössere Idee.

Unter dem Namen «Klartextil» will Marty eine Plattform aufbauen, wo sich nachhaltige Modelabels sowie Kundinnen und Kunden, die nachhaltig einkaufen wollen, finden können. Klartextil steht für Klartext in Sachen Textil. Die Funktionsweise stellt Marty sich so vor: Kundinnen und Kunden registrieren sich auf der Website. Dabei geben sie ihre Vorlieben in Sachen Mode und Nachhaltigkeit ein. Etwa, dass sie für jede Saison gerne etwas anderes tragen und dass für sie Regionalität wichtig ist. Das Team um Marty und hinter Klartextil schlägt der registrierten Person nun aufgrund der Angaben ein nachhaltiges Modelabel für die Einkäufe vor.

Ungefähr so soll die Plattform Klartextil aussehen.

Ungefähr so soll die Plattform Klartextil aussehen.

Screenshot: Zoom Präsentation

Bislang ist dies grösstenteils nur eine Idee. Die Datenbank verfügt noch nicht über Modelabels oder potenzielle Kundinnen und Kunden. «Nach welchen Kriterien die Labels in Sachen Nachhaltigkeit bewertet werden, ist bislang noch unklar», sagt Marty. Für sie steht dabei Transparenz an oberster Stelle:

«Weiss ein Label nicht Bescheid über die gesamte Lieferkette, dann wird das auch genau so auf der Plattform publiziert.»

Um die Plattform für Kundinnen und Kunden attraktiv zu machen, arbeitet Marty an einer Art Belohnungssystem für nachhaltige Käufe, ähnlich wie mit Cumuluspunkten. «Wenn jemand bei einem nachhaltigen Label, das auf der Plattform registriert ist, etwas kauft, erhält er Punkte», erklärt sie. Registrierte Personen können die Punkte, sogenannte «Collabcoins», sammeln und gegen einen Gutschein oder eine Prämie eintauschen. Hintergrundinformationen zu relevanten Sachen im Textilbereich werden ebenfalls auf der Seite publiziert.

Chiara Martys Tipp für Nachhaltigkeit in Sachen Mode

Noch ist die Plattform Klartextil noch nicht in dieser Form online. Jedoch gibt es bereits die Möglichkeit, auf der Website die eigene E-Mail-Adresse zu hinterlegen, um über Fortschritte informiert zu werden. Chiara Marty gibt basierend auf der Nachhaltigkeitspyramide Tipps: «Die Kleider, die man schon hat, zu tragen, ist natürlich die einfachste Variante, für Nachhaltigkeit im Textilbereich zu sorgen. Das ist die Basis der Pyramide.» Marty rät ausserdem, eine Stilberatung zu machen, um Fehlkäufe zu vermeiden. Irgendwann sind die Kleider jedoch ausgetragen. Was nun? «Secondhandshops schenken getragener Kleidung ein neues Leben. Es gibt auch zunehmend Angebote, Kleider zu mieten oder tauschen», sagt Marty. Die Spitze der Pyramide ist der Kleidungskauf – natürlich bei nachhaltigen Labels. Marty rät dabei, bewusst einzukaufen und auch mal mehr zu bezahlen: «Trägt man ein Kleidungsstück in guter Qualität über mehrere Jahre, gleicht sich die Investition wieder aus.» (jab)

Nach der Präsentation war es am Patronat hinter der Silver-Ox-Challenge Zeit, zu entscheiden, ob Marty ihr Ziel erreicht hat. Der ehemalige Gemeindepräsident Wagenhausens, Harry Müller, Ärztin Eveline Herzer und Unternehmer Roger Näf bejahen das einstimmig. Für sie steht fest, dass Marty weiter an ihrer Idee von Klartextil arbeiten soll, anstatt den Wetteinsatz zu leisten. Das wären 100 Stunden gemeinnützige Arbeit in der Flickstube von Caritas Zürich gewesen.

Noch ist Klartextil nicht bereit für den Kundenansturm. Es bedarf Investoren und Abklärungen zur technischen Machbarkeit – es stehen also viele weitere Arbeitsstunden für Marty an. Für sie steht nun ausserdem der Rückzug in ihre Wohnung in Zürich an. Und die Rückkehr in den Alltag. Sie plant, einen Teilzeitjob anzunehmen.

«So kann ich Geld verdienen, aber doch noch Zeit in Klartextil investieren, um die Plattform weiterzubringen.»

Mehr Informationen unter www.klartextil.ch und www.silverox.ch (Anmeldungen für die nächste 100-Tage-Challenge sind bereits möglich.)