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Während des historischen «Baummords» wurden im Thurgau eine halbe Million Bäume gefällt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch in der Ostschweiz Hochstammbäume im grossen Stil gefällt. Es seien «Verlustbäume», da der Obstmarkt gesättigt war. Kritik an der Aktion kam erst ziemlich spät auf.
Peter Bollag
Eine historische Aufnahme der Baumfäll-Aktion. (Bild: PD)

Eine historische Aufnahme der Baumfäll-Aktion. (Bild: PD)

1958 verfasst der Thurgauer Autor Hans E. Keller ein kleines «Baumbuch für Schule und Haus». Dort findet sich der Satz: «Bei vielen Völkern war es üblich, den zu fällenden Baum um Verzeihung zu bitten. Heute rückt man den hiebreifen Bäumen mit Motorsägen, Traktoren oder Sprengstoffen zu Leibe!»

Keller wusste, wovon er schrieb. Seit etwa 1950 wurden nämlich vor allem im «Obstkanton» Thurgau Bäume, vor allem Hochstämmer, im grossen Stil gefällt. 1929 betrug die Zahl der Obstbäume in der Schweiz 12 Millionen, bis 1950 stieg diese Zahl auf über 20 Millionen an. Im Thurgau betrug die Zunahme im gleichen Zeitraum rund 300'000 Bäume. «Diese Steigerung ging gleichzeitig einher mit den Problemen der Schweizer Obst-Exportwirtschaft», berichtet der Historiker Franco Ruault.

Er hat im Auftrag der Familie Möhl im Zusammenhang mit der Eröffnung des neuen Mosterei-Museums in Arbon Akten zu diesem eher unbekannten Teil der Schweizer Agrargeschichte gesichtet und ausgewertet. Zusätzlich hat er mit vielen Zeitzeugen gesprochen.

Das Problem wurde auf brutale Art gelöst

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die umliegenden Länder – vor allem Deutschland und Österreich – kein Geld, Schweizer Obst zu importieren und der Schweizer Inlandmarkt war gesättigt. Gleichzeitig entstanden in anderen Ländern Konkurrenzmärkte für Schweizer Tafelobst. «So verfiel man eben darauf, die Bäume zu fällen und das Problem auf diese brutale Art lösen zu wollen», sagt Ruault. Genannt wurde das ziemlich schönfärberisch «Umstellung im Obstbau».

Die ideologische Vorbereitung zu den Baumfällungen fand auch in den landwirtschaftlichen Publikationen statt, etwa 1950 in der «Obstrundschau»: «Verluste bringen aber auch die Tausenden von unwirtschaftlichen Bäumen aller übrigen Obstarten. Und auch hier der Wunsch, es möchten diesen Winter noch Tausende dieser Verlustbäume fallen, damit der Weg zur Qualitätsproduktion frei wird.»

Die Bauern erhielten 20 bis 40 Franken pro Baum

Juristische Grundlage zur Aktion lieferte das Alkoholgesetz, das zwar bereits 1932 in Kraft getreten, bis zum Kriegsende nach Meinung des Historikers Ruault aber nur «halbherzig» in Kraft gesetzt worden sei. Doch nach diesen Vorbereitungen stand den Fällaktionen nichts mehr Wege – ausser eben die Bäume.

Unter der Führung von Ernst Lüthi (1904-1992), der den Übernamen «Obstbaugeneral» erhielt und der praktisch die Vorgaben der Eidgenössischen Alkoholverwaltung umsetzen musste, waren in den 50er- und auch noch 60er-Jahren ganze Equipen unterwegs, ausgestattet mit Motorsägen, Traktoren und Seilwinden. Die Fällaktionen waren für zahlreiche Arbeiter – oft Bauern aus der Umgebung – eine gute Beschäftigung im Winter, wenn sonst nicht viel gearbeitet werden konnte auf dem Hof. Die Bauern, deren Bäume gefällt werden, erhielten zwischen 20 und 40 Franken pro Baum. Die Arbeiter, welche die Bäume fällten, etwas mehr.

Im Thurgau wurde eine halbe Million Bäume gefällt

Bereits während der Wintermonate 1950/51, also zu Beginn der Fällaktionen, wurden in der Schweiz insgesamt 400000 Bäume gefällt – die Hälfte davon alte Mostbirnbäume. Bis 1975, als die Fällaktionen abgeschlossen sind, werden es allein im Kanton Thurgau mehr als eine halbe Million Bäume sein. Zahlen für die ganze Schweiz liegen nicht zuverlässig vor, doch dürften sie in die Millionen gehen.

(Bild: PD)

(Bild: PD)

Die Reaktion auf das, was manche später «Baummord» nannten, lässt ziemlich lange auf sich warten: Erst 1970 – es ist das «Jahr des Naturschutzes» –, als bereits Zehntausende von Bäumen gefällt sind, erscheint in der «Thurgauer Zeitung» ein Leserbrief. Darin appelliert der Verfasser an die Bauern, «ihre Baumbestände nicht dem Renditedenken zu opfern».

Etwas später wirft ein anderer Leserbriefschreiber in der gleichen Zeitung die Frage auf, ob durch das Verschwinden der riesigen Kernobstbaumbestände nicht vor allem der Sturmwind eine «nicht zu unterschätzende Angriffsfläche» erhalte.

Der Schaden war schon angerichtet

Bald darauf wird die Diskussion über die jahrzehntelange Baumfäll-Aktion immerhin auch auf die politische Ebene verlagert. In der Sommersession der Eidgenössischen Räte 1971 gibt es sogar eine regelrechte «Redeschlacht um den ‹Baummord›», wie es wiederum die «Thurgauer Zeitung» ausdrückt. Da ist allerdings der Schaden eben schon weitgehend angerichtet.

Beim Schweizer Bund für Heimatschutz spricht man vom «Massenmord an Obstbäumen». So weit muss man nicht gehen, doch ist solch eine konzentrierte Baumfäll-Aktion in der heutigen Zeit, wo nicht selten Rettungsaktionen für einzelne Bäume stattfinden, nur sehr schwer vorstellbar.

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