Glosse

Vorschlafen ist das neue Vorglühen: Die Frauenfelder Lokalpolitiker wissen, wie man die Bechtelisnacht ohne bleibende Schäden übersteht  

Murgspritzer: In Frauenfeld steht die Nacht der Nächte bevor. Gesoffen wird so oder so genug. So kann das Warm-up auch mal gesund sein, findet TZ-Redaktor Mathias Frei.

Mathias Frei
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Bechtelisnacht in der Innenstadt von Frauenfeld: einfach crazy.

Bechtelisnacht in der Innenstadt von Frauenfeld: einfach crazy.

(Bild: Donato Caspari, 15.Januar 2018)

Glasige Augen, fahl-graue Gesichter, zittrige Finger und ausgemergelte Körper: Das ist keine Szene aus dem neuen Schweizer Film «Platzspitzbaby», nein. Das ist Frauenfeld. Am Morgen. Nach dem Bechtelistag. Wobei ja konkret nicht der Tag das Problem darstellt, sondern meist erst die Nacht. Man kennt es doch zu gut: Man nimmt sich vor, spätestens um Elf daheim zu sein. Und dann schneit es einem schon um 9 Uhr morgens einen Termin rein. Der ist «oldie but goldie», der musste sein. Wer da einfach so durch die Nacht mäandriert wie die Thur auf LSD, hat bereits vor der ersten Flasche Weisswein am Bechtelis-Montagnachmittag um 14 Uhr verloren. Kontrollierter Absturz ist Pflicht. Wer an diesem Tag für den eigenen Überblick keine Strichliliste führt, bei dem zeigt auch das von vielen Suchtmedizinern empfohlene getaktete, prophylaktische Erbrechen keine Wirkung mehr.

Mathias Frei, Redaktor Thurgauer Zeitung, Ressort Frauenfeld.

Mathias Frei, Redaktor Thurgauer Zeitung, Ressort Frauenfeld.

(Bild: Reto Martin)

Man muss sich einfach im Griff haben. Oder sonst mit guten Freunden unterwegs sein, die einen aufs Trottoir ziehen, bevor am Dienstagmorgen die Putzmaschine ihre Runden zieht. Lernen, wie es funktioniert, kann man zum Beispiel von den Mitgliedern des Gemeinderats und des Stadtrats. Denn die für heute Abend terminierte Gemeinderatssitzung fällt aus – offiziell, weil die Geschäfte fehlen. Es gibt zwar auch ein offizielles Ersatzprogramm: eine Führung bei den Werkbetrieben. Aber eigentlich geht es vor allem darum, dass unsere Lokalpolitiker mal noch einen Abend vorschlafen können. Damit es dann auch mit der gewünschten Performance klappt in der Nacht der Nächte. Man will ja nicht schon nach der dritten Flasche Bürgerwein auf dem Rathaus-WC einschlafen. Obwohl: Gesünder wäre es. Vorschlafen ist das neue Vorglühen. So spielt das Blasorchester im Kopf nur halb so lang. Versprochen.

Lustig: in der Bechtelisnacht als Kantonspolizisten verkleidet.

Lustig: in der Bechtelisnacht als Kantonspolizisten verkleidet.

(Bild: Donato Caspari, 15.Januar 2018)
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