Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Abteilungsleiter Schloss Herdern: "Zu uns kommen Menschen, die ihr Leben nicht mehr meistern"

Ohne Alkohol können sie nicht leben. Das Schloss Herdern bietet Abhängigen ein Zuhause mit Tagesstruktur und kontrollierter Alkoholabgabe.
Silvan Meile
Abteilungsleiter Mani Ritz. (Bild: Donato Caspari)

Abteilungsleiter Mani Ritz. (Bild: Donato Caspari)

Herr Ritz, Sie geben im Schloss Herdern Alkohol an Alkoholiker ab. Bringt Ihnen das keine Kritik ein?

In der Gesellschaft wird ab und zu schon beanstandet, dass unsere Bewohner Alkohol bekommen. Es gibt Stimmen, die sagen: «Die sollen einfach aufhören, auf Kosten der Allgemeinheit zu trinken. Dann können sie wieder normal leben.»

Welche Leute kommen zu Ihnen?

Zu uns kommen Menschen, die ihr Leben nicht mehr meistern. Oft leben sie zuvor alleine, verwahrlost und vereinsamt. Oder sie kommen aus einer Klinik und wissen schlicht nicht, wohin sie sollen. Bei uns wohnen einerseits Leute mit psychischen und sozialen Problemen. Der grosse Teil ist aber auch alkoholkrank und hat mehrere Therapien hinter sich. Sie können nicht abstinent leben.

Das Schloss Herdern akzeptiert die Sucht seiner Bewohner. Wie sind die Erfahrungen mit der kontrollierten Alkoholabgabe?

Es gibt eine spürbare Beruhigung im Vergleich zu einem Alkoholverbot. Früher sind die Bewohner öfters entwichen, um zu trinken. Sie waren teilweise ganze Nächte lang weg. Die kontrollierte Abgabe von je einem Liter Bier oder einem halben Liter Wein an mittlerweile fünf Tagen pro Woche im Beizli unserer Institution gibt auch eine Entspannung für die Menschen bezüglich Beschaffungsstress.

Alltag mit Abhängigkeit

Mani Ritz ist 63 Jahre alt und Abteilungsleiter im Schloss Herdern. Die Institution bietet Menschen ein Zuhause, die gescheiterte sind, ohne Alkohol zu leben. Eine Tagesstruktur mit einer überwachten Abgabe von Bier und Wein ermöglicht diesen Menschen, den Alltag zu bewältigen. Am 24. Mai beteiligt sich das Schloss Herdern zusammen mit der Perspektive Thurgau und dem Blauen Kreuz am Aktionstag Alkoholprobleme in Frauenfeld. (sme)

Welches Ziel verfolgt Ihre Institution?

Bei uns haben die Leute wieder eine Tagesstruktur. Sie haben eine Arbeit, stellen etwas her, das auch verkauft wird. Sie erfahren eine Wertschätzung. Bei uns haben sie ein eigenes Zimmer, sind medizinisch versorgt und essen regelmässig. Das sind Sachen, die sie vorher nicht hatten, weil sie etwa auf der Gasse oder vereinsamt in einem Zimmer lebten. In den ersten Arbeitsmarkt schafft es von hier aus aber niemand mehr.

Wie viele Personen wohnen im Schloss Herdern?

Bei uns wohnen 80 Menschen. Arbeitsplätze haben wir aber 100. Es kommen auch Leute zu uns, die eigenständig wohnen, aber bei an einem geschützten Arbeitsplatz arbeiten. Das sind eher psychisch erkrankte Leute, weniger suchterkrankte.

Sie stehen ab und zu mit den Postauto-Chauffeuren in Kontakt. Weshalb?

Es kommt vor, dass Bewohner unserer Institution mit dem Bus nach Frauenfeld gehen, später betrunken zurückfahren und dann im Postauto negativ auffallen. Wir versuchen in Gesprächen zu erreichen, dass dafür auch ein wenig Toleranz aufgebracht werden kann.

Bei aller Toleranz: Gibt es im Schloss Herdern auch Sanktionen?

Lärm oder Gewalt tolerieren wir nicht. Wenn aber jemand betrunken zurückkommt, sich ruhig verhält und sich auf sein Zimmer zurückzieht, ist das bei uns toleriert. Insbesondere Gewalt kann aber ein Grund sein, dass jemand aus unserem Haus ausgeschlossen wird.

Wohin geht jemand, der bei Ihnen rausfliegt?

In der Regel bleibt in einem solchen Fall nur eine Klinik oder eine andere, ähnliche Institution als Möglichkeit. Wer sich bei uns anständig verhält, bleibt hingegen bis zu seinem Lebensende. Ausser jemand wird zum Pflegefall. Dafür sind wir nicht ausgerüstet.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.