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Serie

Von der Blütezeit der Textilindustrie an der Murg zeugt noch heute die Haltestelle «Weberei» bei Matzingen

Serie «Der Murg entlang» (5): Die Geschichte von Matzingen ist eng verknüpft mit jener der alten Weberei. Die Folgen sind heute noch spürbar.
Samuel Koch
In der alten Weberei zwischen Frauenfelderstrasse und Murg sind heute verschiedene Firmen eingemietet. (Bild: Olaf Kühne)

In der alten Weberei zwischen Frauenfelderstrasse und Murg sind heute verschiedene Firmen eingemietet. (Bild: Olaf Kühne)

«Nächster Halt: Weberei», tönt es aus den Lautsprechern der Frauenfeld-Wil-Bahn. Heute steigt an der zweiten Haltestelle in Matzingen unter anderem Kundschaft für mehrere Lebensmittelläden ein und aus. Ohne die geschichtsträchtige Weberei und andere langjährige Firmen zwischen Frauenfelderstrasse und Murg gäbe es die Haltestelle heute höchstwahrscheinlich nicht mehr, ist Walter Hugentobler überzeugt.

Der Gemeindepräsident von Matzingen erinnert sich noch gut an die Blütezeiten der Weberei mit seiner über 150-jährigen Geschichte. «Ich holte früher oft die Schwester meiner Grossmutter ab, die in der Weberei arbeitete und in einem der Kosthäuser wohnte», sagt Hugentobler. Diese rustikalen Mitarbeiterhäuser stehen heute noch an der Brächlistrasse oder an der Frauenfelderstrasse weiter dorfeinwärts.

Die Bedeutung der Weberei für den Aufschwung der Gemeinde mit heute knapp 3000 Einwohnern schätzt Hugentobler höher ein als etwa jene der Mühli. «In der Weberei arbeiteten sicher mehr Leute», meint er, der in den 1970er-Jahren während seiner Schulferien noch selber bei Nussbaum & Guhl (damals noch ennet des Gleises) Sackgeld verdiente. Eine besondere Anekdote weiss Hugentobler übers langst inexistente Restaurant Murgtal zu erzählen, die er von seinem Vater mit auf den Weg bekommen hat.

«Von Frauenfeld her die Erste, und von Matzingen her die Letzte.»

Das steht im Buch «Matzingen und seine Wirtschaften» von Ferdinand Stutz über die «Murgtal», die in unmittelbarer Nähe zu Weberei lag. Frauen hätten jeweils vor der Weberei auf ihre Männer gewartet. «Sie haben sie dort abgeholt, dass sie in der ‹Murgtal› nicht alles Geld gleich wieder ausgeben», sagt Hugentobler und lacht.

Musterbeispiel für seriöses Unternehmertum

Dass sich Firmen schon früh an der Murg niederliessen, ist kein Zufall. Schon früh habe Matzingen «das Wasser der Murg industriell genutzt», schreibt die «Thurgauer Zeitung» am 17. Dezember 1971. Die Geschichte der Weberei ist zudem eng verknüpft mit der Dynastie der Familie Gyr, welche die 1861 erbaute Spinnerei zwei Jahre vor dem Brand 1899 mit Johannes und seinem Sohn Hans Gyr übernahm. «Tatkräftig bauten die beiden Herren Gyr die Fabrik wieder auf, neu aber als Wollweberei», schreibt Heinz Roggenbauch in seinem Buch «Lebens- und Kulturraum Lauchetal». Seine Überlieferungen habe er sich von einem Gyr-Familienmitglied beglaubigen lassen.

Die ehemalige Spinnerei und Weberei aus den 1860er-Jahren, wie sie nach dem Wiederaufbau nach dem Brand 1899 von der Murg her ausgesehen hat. (Bilder: PD/Denkmalpflege Thurgau, Aufnahmedaten unbekannt)

Die ehemalige Spinnerei und Weberei aus den 1860er-Jahren, wie sie nach dem Wiederaufbau nach dem Brand 1899 von der Murg her ausgesehen hat. (Bilder: PD/Denkmalpflege Thurgau, Aufnahmedaten unbekannt)

Roggenbauch spricht heute von einem Musterbeispiel für seriöses Unternehmertum und erwähnt nebst den Mitarbeiterhäusern den 1920 von Hans Gyr errichteten Unterstützungsfonds, «welcher Beiträge für die Folgen des Alters oder der Krankheit der Mitarbeiter entrichtete». Die Weberei war «der grösste Arbeitgeber in der Region», schreibt der 1937 geborene und im Dorf aufgewachsene Erwin Keller in «Matzingen – uuuhue ... schööö!». Nebst Fabrik- gab es zu dieser Zeit für viele auch Heimarbeit.

Anfang der 1960er-Jahre begann Max Gyr die Weberei in dritter Generation zu modernisieren, die 1963 im Bau der Sheddachhalle zwischen Spinnerei und dem alten Webereigebäude mündete. «Die Textilindustrie wurde durch zunehmend starke Konkurrenz aus Billiglohnländern [...] verdrängt», sagt Roggenbauch. Selbst die Spezialisierung auf Nischenprodukte nützte nichts, sodass die Produktion 1970 nach der Umwandlung einer Kommanditgesellschaft in eine AG eingestellt werden musste.

Der Sheddachbau südöstlich der Weberei wurde 1928 als Kammgarnspinnerei errichtet. Nachdem der Bau 2017 abgebrochen wurde, steht dort heute ein Lebensmittelladen eines Grossisten.

Der Sheddachbau südöstlich der Weberei wurde 1928 als Kammgarnspinnerei errichtet. Nachdem der Bau 2017 abgebrochen wurde, steht dort heute ein Lebensmittelladen eines Grossisten.

Gemeinde schätzt weitere Nutzung als wichtig ein

Heute noch verwaltet die Gyr & Co. AG mit Sitz in Frauenfeld die Liegenschaften der Weberei, die unter anderem einer Freikirche oder eine Auffangstation für Papageien und Sittiche Platz bietet. «Die heutige Nutzung ist wichtig für die Gemeinde», sagt Walter Hugentobler. Am Ort der ehemaligen Sheddachhalle, die 2017 abgebrochen wurde, führt ein Grossist heute einen Laden, nachdem sich die Eröffnung wegen eines Rechtsstreits um Parkplätze um rund zwei Jahre verzögerte. Vis-à-vis der Frauenfelderstrasse hält nach wie vor mehrere Male pro Stunde das Wiler-Bähnli, was jedoch einen wesentlich geschichtsträchtigeren Ursprung haben dürfte.

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