Vom Webstuhl in Altnau aufs Schafott in Überlingen: Wie ein Leinenweber im Jahr 1700 wegen eines Kirchenraubs hingerichtet wurde

Die fatalen Folgen eines Kirchenraubs im Jahr 1700: Die Stadt Überlingen richtet den verarmten Altnauer Leinenweber Hans Imhof hin.

Peter Erni
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Strahlenmonstranz der katholischen Kirchgemeinde St. Michael Paradies (Schlatt), angefertigt vom Augsburger Goldschmied Johann Baptist I. Ernst (1637–1698): So könnte die in Altnau entwendete Monstranz ausgesehen haben.

Strahlenmonstranz der katholischen Kirchgemeinde St. Michael Paradies (Schlatt), angefertigt vom Augsburger Goldschmied Johann Baptist I. Ernst (1637–1698): So könnte die in Altnau entwendete Monstranz ausgesehen haben.

Bild: PD

Gegen Ende der Pfingstwoche des Jahres 1700, am Freitag, dem 4. Juni, erschien vor dem amtierenden Bürgermeister der deutschen Stadt Überlingen am Bodensee zwischen 13 und 14 Uhr der einheimische Goldschmied Johann Andreas Stahel (1672 – nach 1738). Er erstattete dem Bürgermeister Anzeige, dass ihm ein Mann namens Hans Konrad Baur aus Güttingen im Thurgau «einige verdächtige Sachen von Silber und vergoldeter Ware, Stücken einer Monstranz gleichend», vorgelegt habe.

Der Mann habe ihm erklärt, er habe die Gegenstände von einem in Frickingen stationierten Soldaten erhalten, der ihm gegen ein Entgelt aufgetragen habe, die Sachen in St.Gallen zu verkaufen; bevor er dies jedoch tue, wolle er wissen, ob es sich tatsächlich um echte Silberware handle und nicht bloss um billiges Messing.

Lückenlose Untersuchung angeordnet

Der Bürgermeister von Überlingen reagierte umgehend: Er liess den Thurgauer verhaften und steckte ihn ins örtliche Gefängnis. Dieses resolute Vorgehen hatte seinen guten Grund, denn der Diebstahl einer Monstranz – des Schaugefässes für die geweihte Hostie – galt als «Kirchenraub» und damit als Sakrileg, auf das, weil es sich um die Entweihung eines heiligen Gegenstandes handelte, die Todesstrafe stand.

Angesichts der Schwere der Tat und im Bewusstsein, dass der Fall wegen der drohenden Todesstrafe «eines Menschen Leben, Haut und Haar anbetrifft», waren die Überlinger Behörden sehr darauf bedacht, die nötigen Untersuchungen lückenlos und mit dem gebotenen Nachdruck durchzuführen.

Mit der Folter bedroht

Schon kurz nach der Verhaftung bedrohten sie deshalb den Thurgauer mit der Folter, worauf dieser sofort einknickte und zugab, weder Hans Konrad Baur aus Güttingen zu sein noch einen Soldaten in Frickingen zu kennen. Er heisse vielmehr Hans Imhof, sei aus Altnau und habe die Monstranz eigenhändig aus der Altnauer Kirche entwendet.

Die 1810 abgerissene Kirche von Altnau im Zehntenplan von 1703.

Die 1810 abgerissene Kirche von Altnau im Zehntenplan von 1703.

Getreu dem Grundsatz «quod minima circumstantia casum variat» (dass der kleinste Umstand den Fall verändert) und im festen Willen, «im angefangenen Kriminalprozess der rechtlichen Ordnung nach» und «mit aller erforderlichen Vorsicht » zu ermitteln, korrespondierten die Behörden in der Folge mit diversen juristischen Sachverständigen und holten auch Erkundigungen beim Landvogt im Thurgau, beim katholischen Mesmer in Altnau sowie bei der Stadt Konstanz ein, die in Altnau Besitzerin der Vogtei und damit des Niedergerichts war.

Ein 35-jähriger mehrfacher Vater, der nichts zu essen hatte

Aus den leider nicht vollständig erhaltenen Schriftstücken lässt sich folgender Ablauf der Ereignisse rekonstruieren: Hans Imhof lebte als Leinenweber in Altnau und war «zwinglianischer Religion». Weil damals mehrere evangelische «Hans Imhof» in Altnau existierten, sind die verschiedenen Nennungen in den evangelischen Bevölkerungsverzeichnissen und Pfarrbüchern sowie im Gerichtsprotokoll der Vogtei Altnau schwierig zuzuweisen.

Sicher ist lediglich, dass «unser» Hans Imhof der Sohn des wegen seines Übernamens nicht genauer identifizierbaren, vor 1700 verstorbenen «Gägeli» oder «Gogeli» Imhof war und einer kinderreichen Familie entstammte. Wie alt Hans Imhof zum Tatzeitpunkt war, ist unklar, vermutlich etwa 35-jährig. Er dürfte verheiratet gewesen sein und drei oder vier Kinder gehabt haben.

Getreide beim Nachbarn gestohlen

Offenbar immer schon sehr arm, muss sich seine wirtschaftliche Lage im Frühjahr 1700 nochmals drastisch verschlechtert haben. Jedenfalls ist überliefert, dass er am 30. März Konkurs ging und kurz darauf – wahrscheinlich aus Hunger – bei einem Nachbarn Getreide stahl. In der Pfingstwoche nach dem 29. Mai drang er schliesslich in die paritätische Kirche Altnau ein, die heute nicht mehr existiert, aber bis ins Jahr 1810 am Ort der jetzigen evangelischen Kirche stand. Mit einer Haue oder Axt durchschlug er das Gitter des Sakramentshäuschens und nahm die Monstranz an sich.

Noch in der Glockenstube der Kirche entfernte er die beiden Glasscheiben der Hostienkapsel, zog «mit blossen Händen» die geweihte Hostie heraus und zerbrach diese in zwei Stücke. Danach, so heisst es in der Anklageschrift, habe er sich die Hostienteile – «ohnerachtet er zwinglischer Religion gewesen» – «in den Mund gestossen und genossen».

Die Monstranz in Stücke geschlagen

Die Monstranz zerbrach er ebenfalls teilweise in Stücke, teilweise drückte er sie zusammen, damit «er sie desto besser verbergen» konnte. Zu Hause angekommen, versteckte er die beiden Glasscheiben der Hostienkapsel «in seiner Webstube in einer Ecke zwischen zwei Seilen in einem Spalt unter dem Fegsand». Am 4. Juni ging er nach Überlingen zu Goldschmied Stahel, von dem er angezeigt wurde.

Dass Imhof im Grunde genommen ein bedauernswerter Kerl war, wurde den Behörden schnell klar. Konstanz jedenfalls berichtete innert kürzester Zeit nach Überlingen, Imhof habe «vermutlich aus purer Armut solches Faktum unternommen» und sei «zuvor in derlei Delikten niemals verdächtig» gewesen, sondern habe immer als ein «zwar armer, aber ehrlicher Mann» gegolten; man wolle ihn daher sehr «zu milder Reflexion» empfehlen, sofern dies «ohne Abbruch der Justiz» möglich sei. Imhof selbst verfiel schon bald in Fatalismus und bat inständig «um der Sachen Endschaft, es gehe aus, wie es wolle».

Als die Ermittlungen Anfang August beendet waren, blieb den Richtern keine Wahl. Denn zum einen war der Beschuldigte geständig, zum anderen die Rechtslage klar: Es handelte sich um Kirchenraub, konkret um den Diebstahl einer Monstranz mitsamt der geweihten Hostie, und darauf stand gemäss Paragraf 172 der gültigen «Peinlichen Halsgerichtsordnung» von Kaiser Karl V. von 1532 (Constitutio Criminalis Carolina) die Todesstrafe durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen.

Die Überlinger Geistlichkeit setzt sich für die mildere Todesart ein

Weil Hans Imhof aber seinem zwinglianischen Glauben abschwor und sich «zum allein seligmachenden christkatholischen Glauben» bekannte, weil er zudem ehrliche Reue zeigte und flehentlich und demütig darum bat, setzte sich die gesamte Geistlichkeit der katholischen Stadt Überlingen für ihn ein und erreichte, dass ihm der schreckliche Feuertod gemildert wurde: Gemäss endgültigem Urteil sollte der Scharfrichter Imhof die Hände auf den Rücken binden, ihn zum Ort des Hochgerichts auf dem Galgenbühl im Norden der Stadt führen und ihn dort auf dem Schafott mit dem Schwert enthaupten – erst dann sollte Imhofs «toter Körper an Knochen, Fleisch, Haut und Haar zu Pulver und Aschen verbrannt werden».

So geschah es am Freitag, dem 6. August des Jahres 1700. Gott sei Hans Imhofs armer Seele gnädig.

Hinweis
Der vorliegende Text ist zuerst erschienen in Band 21 der Reihe Denkmalpflege im Thurgau, Kirchenbau 1869-2019. Schwabe, Basel 2020, Fr. 48.-.

Peter Erni.

Peter Erni.

Nana Do Carmo

Zum Autor

Peter Erni, geboren 1968, ist im Fürstenland aufgewachsen und wohnt heute im Zürcher Unterland. Er studierte Geschichte, Geografie und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Zürich. Seit 1994 ist er Autor der «Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau».
Bei der Recherche zum Band «Zwischen Bodensee und Bürglen», erschienen im Dezember 2018, bearbeitete Erni im Stadtarchiv Konstanz Quellen aus der Zeit, als Konstanz die niedere Gerichtsbarkeit von Altnau besass. Dabei stiess er auf den Fall des Kirchenräubers. Erni verfasste dazu einen separaten Text, da er den Kirchenraub von 1700 nicht in Zusammenhang mit der Beschreibung der Thurgauer Kunstdenkmäler erwähnen konnte: «Wir stellen nur Monstranzen dar, die noch da sind.»
Die Hinrichtung des Altnauer Kirchenräubers ist offenbar bald in Vergessenheit geraten. In der historischen Literatur wird er nirgends erwähnt, so weit es Erni bekannt ist. «Hans Imhof war eine unbedeutende Person.» Hinrichtungen seien damals jedoch seltene Ereignisse gewesen. In Überlingen sei «nur alle paar Jahre oder Jahrzehnte» jemand geköpft oder verbrannt worden. «Man hat nicht leichtfertig jemanden zum Tode verurteilt.» (wu)