Vom guten Leben und vom Jenseits: «Dolce Vita» mit Fredi Buchli in der Frauenfelder Stadtgalerie Baliere

Fredi Buchli hat in Genua nach dem Paradies gesucht. Wie es aussieht, zeigt er in der Stadtgalerie Baliere.

Dieter Langhart
Hören
Drucken
Teilen
Inmitten von «Dolce Vita»: Fredi Buchli macht die Stadtgalerie Baliere zu einer Bar.

Inmitten von «Dolce Vita»: Fredi Buchli macht die Stadtgalerie Baliere zu einer Bar.

(Bild: Andrea Stalder)

«Dolce vita» ist ein neckischer Ausstellungstitel. Das klingt nach «Dolce far niente» und Flohnerleben. Fredi Buchli ist ein lebensfroher Künstler und der italienischen Lebensart keineswegs abgeneigt, doch das Frauenfelder Atelierstipendium in Genua im Herbst 2019 nutzte er intensiv, um sich mit der uralten und quicklebendigen Stadt auseinanderzusetzen. Und mit der Vergänglichkeit des Lebens, mit dem Sterben, mit dem Jenseits.

Er tat dies mit Zeichenstift und Pinsel, aber ebenso mit Gedanken und Wörtern.

«Dolce vita» ist eine tiefe Ausstellung geworden, in die – und in deren Themen – man sich vertiefen soll. Doch zuerst genehmige man sich einen Espresso am improvisierten Tresen, denn die Balerie ist jetzt für vier Wochen auch eine Bar. Also der Ort, an dem sich die Italiener zum Kaffee treffen und über Gott und die Welt reden. Ohne die Italiener wäre die Schweiz ja eine gastronomische und kommunikative Wüste.

Unbändiges Lachen des unbändigen Künstlers

Streift man mit Buchli durch seine Ausstellung in der Stadtgalerie Baliere, sprudelt es nur so aus ihm heraus, unterbrochen nur von seinem unbändigen Lachen. Unbändig ist dieser Künstler, der sich im Zeichnen und im Malen gleichermassen auskennt und der sich diesmal – unverhofft – auch aufs Schreiben eingelassen hat; ein Heft, das aufliegt, versammelt Wort wie Bild.

Vor drei Jahren war Buchli «dem Himmel ein wenig näher». So hiess seine Ausstellung in Baliere, in der er der Heimat seiner Vorfahren nachspürte, dem Bündner Hochtal Avers. Jetzt, für Genua, ist er 2000 Höhenmeter herabgestiegen, hat sich auf Meereshöhe begeben und ist tagtäglich durch die Stadt gestreift, hat sich hier mit einem Barista ausgetauscht und ist da am Hafen herumgestreift und ist, etwas ausserhalb, durch den Friedhof Staglieno gestreift, einem eigentlichen Museum der Todeswürdigung, wo das Leben im Monument endet – und auch Romana Ganzonis Roman «Tod in Genua».

Wie ein Hund mit der Nase am Boden

«Ich brauche ein Thema für meine Kunst, das mich berührt», sagt Buchli, «mit dem ich mich vertieft auseinandersetzen kann.» Wie ein Hund mit der Nase am Boden habe er jeder Spur nachgespürt – und dann kam die Frage:

«Wie setze ich mich mit dem Gefundenen auseinander? Wie drücke ich es aus? Wie vertiefe ich es?»

Und erstmals habe er geschrieben, viel geschrieben: er, der sich sonst mit Aquarellfarben oder Tusche ausdrückt. Ein unbewusster Entscheid sei es gewesen. Erst habe er sich auf seinen Streifzügen Notizen gemacht, damit er die Eindrücke nicht vergesse. Er hatte Ruhe und Raum, war weg vom Alltag, hatte keine Vorurteile. «Ich kenne Genua seit dreissig Jahren, bin immer wieder da, streife aus, oft nach Camogli oder Nervi, setze mich in eine Bar, rede mit den Leuten, schreibe auf, was ich höre – pure Intensität.»

Fredi Buchli hat diesen vier Fragen oder Themenkreisen nachgespürt: dem Guten Leben, der Vergänglichkeit, dem Sterben, dem Jenseits. Stumpfe Farbtöne gehören zum Sterben, mit intensiv farbigen Monotypien widmet er sich der Vergänglichkeit. Die Themenkreise überschneiden sich mit den Bildern in all den Räumen der Baliere, denn überschneidet sich nicht alles zwischen dem Hier und dem Jenseits? Für Buchli sind alle Lebensformen gleichbedeutend.

Vernissage: Do, 28.2., 19 Uhr; bis 22.3.

Informationen: www.baliere-frauenfeld.ch

Mehr zum Thema:

AUSSTELLUNG: Bilder einer Herkunft

Zwischen den Bergen und den Himmeln des Avers haben seine Vorfahren gelebt. Da oben ist ­Fredi Buchli gewandert, Tusche und ­Farbkreiden im Gepäck. Seine Bilder zeigt er jetzt in der Baliere.
Dieter Langhart