Interview
Vom Bürostuhl auf den Pacific Crest Trail: Frauenfelder Standortförderer verlässt Stadt nach 25 Jahren und sucht das grosse Abenteuer

Der Frauenfelder Standortförderer Heinz Egli macht sich nach 25 Jahren bei der Stadt auf zu neuen Ufern. Davor blickt er zurück und erzählt von gelungenen Projekten und verpassten Chancen.

Samuel Koch
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Heinz Egli beim Junkholz, von wo Stadt und Region bei gutem Wetter überschaubar sind.

Heinz Egli beim Junkholz, von wo Stadt und Region bei gutem Wetter überschaubar sind.

(Bild: Donato Caspari)

Sind die Kisten in Ihrem Büro schon gepackt?

Bald. Langsam lichtet sich der Arbeitsplatz.

Sie haben nicht nur bei der Stadt gekündigt. Sie brechen Mitte April regelrecht aus.

Ja. Ich habe gespürt, dass die Abenteuerlust in meinem Leben noch nicht gestillt ist.

Ein Abenteuer steht Ihnen mit dem Pacific Crest Trail bevor. Wie kam es dazu?

Ich habe einige Bücher gelesen und dachte mir, das will ich nächstens noch tun.

Entlang der Pazifikküste

Von Mexiko bis Kanada, über eine Distanz von 4279 Kilometern: Das sind grob die Merkmale des Pacific Crest Trails, dem Fernwanderweg im Westen der USA. «Das Zeitfenster zwischen Mai und Oktober ist für diesen Thru-Hike wegen der Witterungen knapp», sagt Heinz Egli. Aufgrund des Corona-Virus rechnet er nun damit, dass sich die ursprünglich per 22. April geplante Abreise verzögert. «Ich richte meine Abreise wie vorgesehen aus, rechne aber damit, dass ich diese nicht antreten kann», meint Egli.

Sind Sie gewappnet für dieses Abenteuer?

Ja, obwohl es verschiedene Notfälle geben kann. Ich schicke mir jeweils datierte Pakete zu. Die Route ist grob durchgetaktet und von langer Hand geplant.

War Ihr Abgang auch von langer Hand geplant?

Ich vertraue auf meine innere Stimme, dass nun der richtige Zeitpunkt ist, eine neue Richtung einzuschlagen. Als ich den Fernwanderweg entdeckte, war es um mich geschehen. Beruflich wiederholen sich Themen zunehmend.

Brennt das Feuer nicht mehr gleich stark wie früher?

Ich kann mich immer noch wie am ersten Tag mit Herzblut für Projekte begeistern. Mit der Zeit erfolgt jedoch eine Differenzierung und ich habe bei der Stadt immer die Weiterentwicklung gesucht. Der Wunsch ist gross, auf andere Art auszubrechen.

Obschon viele wegweisende Projekte bevorstehen?

Ja, es gab immer und gibt auch künftig viele spannende Dossiers. Deshalb müsste ich jetzt die Stadt nicht verlassen.

Wie hat sich Ihr Metier in den 25 Jahren verändert?

Früher war es schwieriger, Konzepte als Planungsinstrumente zu entwickeln. Heute ist das Verständnis für diese Zukunftsvorstellungen zwar da, aber die Umsetzung gestaltet sich schwieriger und langatmiger.

Hein Egli (rechts) bei einer Präsentation für ein Baumpflanzungskonzept auf dem Iselisberg, Neben ihm sind Humbert Entress, Anna Rita Dutly und Joggi Rieder (v.l.n.r.).

Hein Egli (rechts) bei einer Präsentation für ein Baumpflanzungskonzept auf dem Iselisberg, Neben ihm sind Humbert Entress, Anna Rita Dutly und Joggi Rieder (v.l.n.r.).

(Bild: Donato Caspari, Juli 2008)

Warum?

Heute sitzen so viele Parteien am Tisch und Planungszeiträume werden länger. Das sorgt dafür, dass hie und da gute Chancen verpasst werden.

Sie sprechen unweigerlich vom Verkehr?

Ja. Der steht in Frauenfeld exemplarisch dafür. Es gibt aber andere Beispiele wie den Agro Food Innovation Park, den Naturpark Seerücken oder die Expo 2027 in der Ostschweiz.

Was haben sie gemeinsam?

Hie und da braucht es mutige Entscheide, sonst kommt man nicht vorwärts.

Wie hat sich die Stadt seit 1995 verändert?

Ungeheuerlich. An vielen Orten lässt sich gar nicht mehr erahnen, wie es früher ausgesehen hat. Stichwort Bahnhof 2000 mit unterirdischem Kreisel, aber auch die vielen Fussgängerbrücken über die Murg, die heute nicht mehr wegzudenken sind.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Früher konnte jemand eher mal noch auf den Tisch klopfen. Heute braucht es aufwendigere, konsensorientiertere Arbeit, die dann dafür zu einer tragbaren Lösung führen kann.

Ein Blick auf die nackten Zahlen spricht Bände.

Ja. Innert 25 Jahren hat Frauenfeld einen Fünftel mehr Einwohner, einen knappen Drittel mehr Wohnungen und rund 60 Prozent mehr Arbeitsstätten. Überraschend steht dem ein Minus von 15 Prozent beim Gesamtsteuerfuss gegenüber.

Heinz Egli an der Seite von Hans Bachofner und Carlo Parolari.

Heinz Egli an der Seite von Hans Bachofner und Carlo Parolari.

(Bild: Susann Basler, 2003)

Wie würden Sie die Stadt auf einer freien Wiese gestalten?

Schwierig, obwohl es verlockend klingt.

Eine Stadt soll interessante Arbeitsplätze bieten, leben und florieren, gut erschlossen und nachhaltig sein, eine hohe Wohnqualität und Freiräume für die Erholung bieten.

Heute eine neue Stadt zu realisieren, ist utopisch.

Frauenfeld bekommt immer wieder das Etikett der Schlafstadt, zu Recht?

Nein, denn sie ist attraktiv. Aber mit der Nähe zu Zürich lauert die Gefahr, mit welcher Frauenfeld geschickt umgehen muss.

Was kann Frauenfeld tun?

Die Stadt muss die Nische finden zwischen dem Ländlichen und Urbanen. Hier liegt die Chance. Da vermisse ich, dass die Stärken von Frauenfeld als Kantonshauptstadt zu wenig Gewicht erhalten. Dies wäre für den ganzen Kanton von Nutzen.

Was machen Sie, wenn Sie zurück in der Schweiz sind?

Eine Anschlusslösung lasse ich bewusst offen. Vielleicht packt mich der angestammte Bereich oder gar etwas Neues.

Weihnachtsbeleuchtung als neuester Leuchtturm

Während 25 Jahren als Raumplaner, davon zehn Jahre als Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Standortförderung, hat Heinz Egli etliche Projekte in und um Frauenfeld nah begleitet. Er sagt:

«Einerseits war es immer wichtig, langfristig gute Grundlagen für eine prosperierende Zukunft zu legen.»

Andererseits konnten immer wieder sichtbare Ideen umgesetzt werden, etwa bei der Bepflanzung der Pappeln entlang der Schaffhauserstrasse in den 90er-Jahren. «Plötzlich ging es nach und nach vorwärts», sagt Egli. Nebst Vorstellungsvermögen und Durchschlagskraft benötigte es hie und da auch kommunikatives Geschick, beispielsweise im Umgang mit der Armee. «Carlo Parolari hat es mit einem seiner letzten Briefe als Stadtammann geschafft, dass die Armee nun ihre Kräfte im Auenfeld bündelt und in der Stadt Entwicklungsflächen frei werden», sagt Egli und zählt Stadtkaserne und Murgbogen auf. «Das sind Meilensteine, die wir nur erreicht haben, weil wir immer drangeblieben sind.»

Zwei Negativbeispiele: Nein zum Afip und der Verkehr

Als positives Beispiel für die städtische Hartnäckigkeit bleibt auch der Umbau der Hauptpost in Erinnerung. «Die Stadt hat zum richtigen Zeitpunkt den Wunsch für eine ganzheitliche Arealentwicklung geäussert», sagt Egli. Nur so sei nun der Neubau mit Wohn- und Gewerbeflächen zu Stande gekommen.

Diverse umgesetzte Projekte betitelt Heinz Egli als Leuchttürme für die Stadt Frauenfeld, seien es die Agglomerationsprogramme und Richtpläne, der Regionale Radweg, die Aufwertung für die Natur in der Grossen Allmend oder die Basis für das Marketing der Stadt und der Regio. Frauenfeld hat laut Egli aber auch einige Chancen verpasst, etwa bei der Abstimmung zum Agro Food Innovations Park (Afip) 2016. «Das wäre eine super Sache gewesen», sagt er, nach wie vor enttäuscht. Immerhin zeige die ETH weiterhin Interesse am Standort Frauenfeld. Und beim Thema Verkehr sieht Egli grossen Aufholbedarf. Egli meint:

«Die Verkehrsprobleme lähmen die Stadt.»

Der Verkehr zeige exemplarisch die Schwierigkeit, alle Bedürfnisse abzudecken. Egli ist passionierter Velofahrer. «Es ist das beste und schnellste Verkehrsmittel in der Stadt», sagt er.

Begegnungszone erst in der Zürcherstrasse umgesetzt

Zur Attraktivitätssteigerung hat er sich auch für die Einführung der Begegnungszone in der ganzen Altstadt starkgemacht. «Wir befinden uns auf einem vielversprechenden Weg», sagt Egli zur Erarbeitung der Nutzungsstrategie und der Zusammenarbeit mit der IG Fit. Besonders am Herzen liegt ihm aber die Weihnachtsbeleuchtung. «Frauenfeld erfährt dadurch schweizweit Resonanz», sagt Egli. Der Gemeinderat befindet in einer seiner nächsten Sitzungen über den Ausbaukredit.