Landwirt aus Schlatt baut aus einem Bomberflügel einen Mistkran

Im Frühjahr 1944 stürzte ein amerikanischer Bomber in der Nähe des Kundelfingerhofs bei Schlatt ab. Der Landwirt Patrick Monhart erzählt, wofür sein erfinderischer Grossvater die Überreste damals nutzte.

Thomas Brack
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In der Hand hält Patrick Monhart eine Kuhglocke, die sein Grossvater aus der Zylinderbüchse eines Sternmotors des abgestürzten US-Bombers fertigte. Im Hintergrund ist der Mistkran zu sehen. (Bild: Thomas Brack)

In der Hand hält Patrick Monhart eine Kuhglocke, die sein Grossvater aus der Zylinderbüchse eines Sternmotors des abgestürzten US-Bombers fertigte. Im Hintergrund ist der Mistkran zu sehen. (Bild: Thomas Brack)

Patrick Monhart steht auf dem Neuhof, dem Landwirtschaftsbetrieb seines Grossvaters Marcel Monhart und des jetzigen Besitzers, seines Cousins Pascal Monhart. Hinter ihm ragt ein Mistkran in den Himmel, in der Hand hält er eine Kuhglocke. Niemand käme auf die Idee, dass die landwirtschaftlichen Geräte einen kriegerischen Ursprung haben.

Als Tüftler hatte sein Grossvater sie aus den Überresten eines am 16. März 1944 abgestürzten amerikanischen Bombers des Typs B-24 Liberator zusammengebastelt. Aus Alu-Teilen der Flügel fertigte er einen Mistkran, aus der Zylinderlaufbüchse des Sternmotors wurde eine Kuhglocke. Dies war Monharts konkrete Umsetzung des Spruchs «Macht aus Schwertern Pflugscharen».

Besatzung wollte sich in die Schweiz retten

Amerikaner und Engländer bombardierten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Friedrichshafen. Im Visier waren die dortigen Rüstungsindustriebetriebe wie Dornier oder Zeppelin. Der Bomber hatte seine tödliche Fracht abgeworfen und wurde von der deutschen Flugabwehr getroffen.

Am 18. März 1944 musste der angeschossene US-Bomber B-24 Liberator «Late Date II» bei St. Katharinental notlanden. (Bild: PD)

Am 18. März 1944 musste der angeschossene US-Bomber B-24 Liberator «Late Date II» bei St. Katharinental notlanden. (Bild: PD)

Die Besatzung wollte sich in die Schweiz retten. Der Navigator hatte aber Mühe, den Weg zu finden, denn er hatte nicht die richtigen Karten dabei. Daher landeten acht Mann in Deutscher Kriegsgefangenschaft, zwei Besatzungsmitglieder sprangen über Schweizer Gebiet ab, einer davon war der Navigator.

Patrick Monhart, der selber mit seiner Familie einen Hof bei Wildensbuch bewirtschaftet, erzählt weiter: «Die angeschossene Maschine stürzte südwestlich des Kundelfingerhofs ab.» Nur zwei Tage später habe eine weitere Maschine namens «Late Date II» «späte Verabredung» – die Amerikaner liebten zynisch-witzige Namen für ihre Bomber – bei St. Katharinental notlanden müssen.

«Nach der perfekten Bauchlandung wurde das Flugzeug sofort von der Besatzung mit Leuchtmunition in Brand geschossen, bevor die Schweizer Armee eintraf»

sagt Monhart. Die Männer seien nicht sicher gewesen, in der rettenden neutralen Schweiz gelandet zu sein und sie hatten den Auftrag, das neue, streng geheime Radarsystem an Bord keinesfalls dem Feind in die Hände fallen zu lassen. Oft bestanden die Besatzungen aus blutjungen Männern, die in einer «Schellbleiche» auf ihre Aufträge vorbereitet worden waren.

Dokumentiert sind die Abstürze von vier amerikanischen und zwei englischen Bombern über Thurgauer Kantonsgebiet. Doch im Bewusstsein bleibt der tödliche Irrtum des Bombardements von Schaffhausen am 1. April 1944, worüber eine Ausstellung im Zeughaus Schaffhausen informiert. 40 Menschen starben, es entstanden enorme Schäden an Gebäuden und Kulturgütern. «Doch hätte die Katastrophe ein weit grösseres Ausmass haben können», weiss Monhart zu berichten.

Zu wenig Treibstoff führte zur Umkehr

Diese Bomber seien von ihrem ursprünglichen Ziel Ludwigshafen 200 Kilometer weit entfernt gewesen. «Sie orientierten sich auf Sicht am Lauf des Rheins», sagt Monhart. Schliesslich sei wegen des ausgehenden Treibstoffs der Befehl zu Umkehr erteilt worden. Vor dem Rückflug nach Südengland mussten sie sich ihres tödlichen Ballasts entledigen.

«So wurden unzählige Brand- und Sprengbomben über dem Cholfirst abgeworfen, wo zum Glück niemand zu Schaden kam.»

Noch heute können Spaziergänger dort Bombenkrater ausfindig machen. Die Spur der vernichtenden Bombeneinschläge läuft dann über Schaffhausen und Hallau bis nach Grafenhausen im Schwarzwald.

Die geschilderten Ereignisse mögen nur Fussnoten in der Geschichte jener turbulenten Zeit sein gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig war es ein nachdenklich stimmender Besuch auf dem Neuhof bei Patrick Monhart, eine philosophische Lehrstunde über Zerstörungswut und Erfindungsgeist.

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