Vier Gerliker machen einen Zirkus


Ihre Eltern haben 1882 in Frauenfeld geheiratet. Um 1900 liess Vater Ludwig Knie sich und seine Familie in Gerlikon einbürgern. Und vor hundert Jahren gründeten die vier Söhne den Schweizer National-Circus.

Stefan Hilzinger
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Die Seiltänzer Karl, Eugen, Rudolf und Friedrich Knie um das Jahr 1900. Die vier Brüder gründen 1919 den National-Circus Gebrüder Knie. (Bild: PD/Knie Familienarchiv)

Die Seiltänzer Karl, Eugen, Rudolf und Friedrich Knie um das Jahr 1900. Die vier Brüder gründen 1919 den National-Circus Gebrüder Knie. (Bild: PD/Knie Familienarchiv)

Gerüchte überdauern manchmal Generationen. So auch jenes, dass Akrobat Ludwig Knie sich um das Jahr 1900 in Frauenfeld einbürgern wollte, die Frauenfelder Bürger den gebürtigen Österreicher samt Frau und vier Söhnen aber nicht unter ihresgleichen haben wollten. «Es gibt in den Akten keinen Hinweis darauf, dass sich Knie seinerzeit hier hätte einbürgern lassen wollen», sagt der Frauenfelder Lokalhistoriker und frühere Archivar der Bürgergemeinde Angelus Hux.

Dabei gab es seinerzeit durchaus enge Bindungen der Artistenfamilie Knie zur Thurgauer Kantonshauptstadt, wie ein Blick in die Einbürgerungsakten zeigt, die im Thurgauer Staatsarchiv aufbewahrt werden. Ludwig Knie (1842 – 1909) und die aus Gossau SG stammende Marie Heim (1858 – 1936) haben am 15. März 1882 in Frauenfeld geheiratet. Rudolf, einer ihrer Söhne, kam 1885 hier zur Welt. Laut Auszug aus dem Ehe-Register war Ludwig Knie aus Fünfhaus bei Wien in Frauenfeld niedergelassen, als er in Gerlikon das Einbürgerungsgesuch stellte.

Knie-Vorstellung mit Elefanten auf dem Frauenfelder Marktplatz, wohl im Mai 1952, festgehalten vom Frauenfelder Fotografen Bär. (Bild: PD/Stadtarchiv Frauenfeld)

Knie-Vorstellung mit Elefanten auf dem Frauenfelder Marktplatz, wohl im Mai 1952, festgehalten vom Frauenfelder Fotografen Bär. (Bild: PD/Stadtarchiv Frauenfeld)

40 Rappen kostete das Leumundszeugnis, das der Gemeindeammann der Munizipalgemeinde Frauenfeld für ihn ausstellte. Gemeindeammann Ruoff bestätigte am 3. Oktober 1900, dass Knie «nie gerichtlich bestraft worden ist und hinsichtlich seiner sittlichen Aufführung während seines Aufenthalts in hiesiger Gemeinde zu keinerlei Klagen Anlass gegeben hat».

Eingebürgert mit acht von zehn Stimmen

Jedenfalls stimmte die Versammlung der Bürgerkorporation Gerlikon am 26. Dezember 1900 laut handschriftlichem Protokoll dem Einbürgerungsgesuch des «Herrn Ludwig Kniee» (mit zwei e) ohne Diskussion zu. Zehn von total 17 Stimmberechtigten der Landgemeinde waren anwesend, deren acht stimmten dem Gesuch zu – kein Wunder, hatte Knie doch zugesagt, in Gerlikon «bis zu seinem Tode 20000 Franken versteuern zu wollen».

Dagegen erhob allerdings eine Kommission des Thurgauer Grossen Rates Einspruch, so dass die Gerliker am 26. April 1901 nochmals tagen mussten. In ihrem zweiten einstimmigen Entscheid liessen sie es dann dem Eingebürgerten frei zu entscheiden, wie hoch seine «einmalige Mehrleistung» sein sollte.

Rudolf Knie und seine drei Brüder Friedrich, Karl und Eugen Knie schafften sich 1919 gegen den Widerstand der inzwischen verwitweten Mutter Marie ein Chapiteau an, damit die Vorstellungen nicht weiter unter freien Himmel stattfinden mussten. «Cirque Varieté Nationale Suisse Knie Frères» stand über dem Eingang zum Zelt anlässlich der allerersten Vorstellung am 14. Juni 1919 in Bern.

Ausgerechnet im Jubiläums-Jahr macht Knie nun einen Bogen um Frauenfeld. Warum, erklärt Verwaltungsratspräsident Fredy Knie jun, Enkel von Friedrich Knie:

Warum gastiert der Schweizer Nationalzirkus Knie ausgerechnet im Jubiläumsjahr wieder nicht im Thurgau?

«Wieder nicht» stimmt nicht. Wir gastieren jedes zweite Jahr in Frauenfeld, abwechselnd mit Kreuzlingen. Es hängt halt von der jeweiligen Tourneeplanung ab und davon, wie gut die Vorstellungen besucht sind.

Welche Rolle spielt die Grösse des Einzugsgebietes?

Das ist nicht entscheidend, viel mehr ist es die Auslastung der Vorstellungen der Vorjahre. Das hat mit dem Thurgau an sich nichts zu tun. In Luzern etwa gastierten wir bis vor wenigen Jahren an zehn Tagen. Mittlerweile sind es drei Wochen. Dafür gibt es in Sursee oder Willisau keine Vorstellungen mehr. Dort sind die Platzverhältnisse eng. Das Publikum ist mobiler geworden und kommt nach Luzern. Die Frauenfelder besuchen über die Ostertage die Vorstellungen in Winterthur.

Fredy Knie jun. in der Arena (Bild: PD)

Fredy Knie jun. in der Arena (Bild: PD)

Seit einigen Jahren findet die Vorstellung in Frauenfeld auf der Grossen Allmend statt und nicht mehr auf dem Marktplatz. Würden Sie lieber im Zentrum spielen?

Das ist schwer zu sagen. Wie gesagt, die Leute sind mobiler geworden. Und es gibt einen Shuttlebus, der in die Allmend fährt. Ich glaube nicht, dass der Standort ausschlaggebend ist für die Auslastung.

Sie arbeiten teilweise auch mit den Raiffeisenbanken zusammen, die im Zelt ihre Versammlungen abhalten. Wie wichtig ist dies?

Da müssen wir einfach ehrlich sein: Wenn Raiffeisen Frauenfeld eine Vorstellung bucht, dann kommen wir, weil ein Gastspiel sich dann halt finanziell wirklich lohnt.

Wie zeitgemäss ist ein Wanderzirkus eigentlich noch?

Der Trend ist offensichtlich. In den 1970er- und 1980er-Jahre gastierten wir noch in 60 Städten, nun sind es noch deren 33. Die Reiserei ist viel aufwendiger als früher. Die Gastspiele werden teurer, etwa wegen der Sicherheitsauflagen. Der Auf- und Abbau des Zeltes braucht länger als früher. Wir haben mehr Wagen im Tross und so weiter. Das ist auch einer der Gründe, warum wir Städte, in denen die Vorstellungen nicht so gut verkauft sind, in der Regel noch alle zwei Jahre besuchen. Die Gastspielorte müssen aber auch in die Route passen. Wir wollen nicht kreuz und quer durch die Schweiz reisen. Die Wege sollten möglichst kurz sein.

Morgen Donnerstag ist in Rapperswil die Premiere. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf alles (lacht). Wir haben ein tolles Programm, teilweise mit «Best-of», teilweise neue Sachen. Dann haben wir mit Viktor Giacobbo und Mike Müller natürlich zwei ganz tolle Komiker dabei. Mit Projektionen thematisieren wir auch unsere Geschichte.

Apropos Geschichte: Knapp zwei Jahrzehnte vor der Gründung des Nationalzirkus hat die Gemeinde Gerlikon die Familie Knie eingebürgert. Welchen Bezug haben Sie noch zum Ort?

Klar gibt es noch einen Bezug. Als unsere Grossmutter Margrit Knie-Lippuner noch gelebt hatte, sind wir immer nach Gerlikon gefahren. Dort gab es ein Bauernhaus, das gleichzeitig eine Beiz war, die «Eintracht». Es gab Kaffee und Kuchen und meine Grossmutter erzählte uns dann jeweils die Geschichten von früher. Nachdem meine Grossmutter starb, ging der Kontakt verloren. Seit der Eingemeindung Gerlikons sind wir Knies ja seit mehr als zwanzig Jahren Frauenfelder Bürger.