Gewaltfreie Kommunikation
Corona lässt die Emotionen schneller hochkochen: «Viele brauchen jetzt Unterstützung»

Für den idealen Austausch braucht es Kopf, Bauch, Herz und Hand, sagt Piroska Gavallér-Rothe, Expertin für gewaltfreie Kommunikation. In der aktuellen Krise sei das Problem dringender den je.

Interview: Judith Schuck
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Piroska Gavallér-Rothe spricht über ihren Kurs «Achtsam und klar kommunizieren».

Piroska Gavallér-Rothe spricht über ihren Kurs «Achtsam und klar kommunizieren».

Bild: Reto Martin

Die Kurse von Piroska Gavallér-Rothe zu Gewaltfreier Kommunikation (GFK) gewinnen in Coronazeiten, wo die Emotionen schnell hochkochen, an Aktualität. Deshalb bieten die Coachin und das in der Kartause Ittingen ansässige Zentrum für Spiritualität, Bildung und Gemeindebau die Kurse online an.

Frau Gavallér-Rothe, Sie sagen, die Beschäftigung mit Gewaltfreier Kommunikation (GFK) sei Ihre Berufung. Sie geben unter anderem Seminare an Universitäten, in Firmen, für Privatpersonen und seit zwölf Jahren bereits am Tecum Thurgau in der Erwachsenenbildung. Welche Menschen besuchen Ihre Seminare?

Piroska Gavallér-Rothe: GFK ist grundsätzlich eine Universalkompetenz, die für jeden Menschen in jeder Lebenslage geeignet ist. Sie unterstützt Paare ebenso wie Eltern im Kontakt mit ihren Kindern oder Vorgesetzte und Lehrpersonen. In meine Tecum-Kurse kommen vor allem Menschen, die in Harmonie mit sich selbst und ihren Mitmenschen leben möchten und gleichzeitig merken, wie wenig die Art, wie wir zu sprechen gelernt haben, uns dabei unterstützt: Entweder halten Menschen das, was ihnen wichtig ist, des lieben Friedens zurück, kommunizieren vorsichtig «durch die Blume» oder sie reden Klartext, dass einem die Ohren klingen.

Sie bevorzugen den Begriff «Wertschätzend Klartext reden» – wie der Titel Ihres Buches – anstelle von GFK. Was steht dahinter?

Es geht für mich bei der GFK nicht nur darum, salopp gesagt «lieb und nett» zu kommunizieren, sondern auch den Mut zu haben, für sich einzustehen. Dazu gehört, konkretes Verhalten von Menschen anzusprechen, mit welchem ich meine Mühe habe. Allerdings in einer gefassten Art und somit ohne «emotionales Drama» oder den Vorwurf, sie hätten sich falsch verhalten. Die GFK dient als Sprungbrett für einen verbindenden Austausch.

Funktioniert diese Technik auch, wenn der Gesprächspartner keine Ahnung von GFK hat?

Wenn ich es gut beherrsche, reicht es in den allermeisten Fällen aus, wenn ich alleine die konstruktiven Impulse setzte. Mit anderen Worten: Damit ich gelingende Kommunikation und Beziehung gestalten kann, muss ich nicht darauf warten, bis mein Gegenüber einen GFK-Kurs gemacht hat, sondern bin schon selbst sehr wirksam.

Gewalt ist nach dem Erfinder der GFK, Marshall B. Rosenberg, tragischer Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses. Welche Rolle spielen Bedürfnisse für die wertschätzende Kommunikation?

Viele Missverständnisse und emotionale Dramen basieren auf Interpretationen des Gesagten, die aus – zumeist unbewussten – Unsicherheiten oder Zweifeln an sich selbst entstehen. Wertschätzend Klartext reden hat demnach viel mit Selbstklarheit, der Veränderung von Denkstrukturen, Selbstbewusstwerdungsprozessen und biografischer Arbeit zu tun. Das, was wir im Kommunikationsgeschehen erleben, hängt nicht vom Gesagten an sich ab, sondern von unseren jeweiligen Bedürfnissen und biografischen Empfindlichkeiten.

Können Sie dazu ein konkretes Beispiel geben?

Wenn meine Kollegin vor der neuen Chefin zu mir sagt: «Piroska, mit deinem Ausspruch gerade machst du deiner blonden Haarfarbe alle Ehre», dann ist dies nur dann emotional bedeutsam für mich, wenn ich ein Bedürfnis nach Wertschätzung oder Anerkennung habe. Ruhte ich ganz unerschütterlich wie ein kleiner Buddha in mir, wäre es für mich unerheblich, was die neue Chefin über mich denkt. Gleichzeitig wäre es natürlich interessant zu erfahren, welches – vermutlich wieder unbewusste – Bedürfnis meine Kollegin dazu motiviert hat, diesen Spruch vor der Chefin zu platzieren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es ihr dabei auch um Wertschätzung und Anerkennung geht.

Momentan gibt es viele strittige Themen in Bezug auf Coronamassnahmen, aber auch Corona-Impfung. Wie kann ich beispielsweise einem Impfgegner, der behauptet, es gebe eine Impfpflicht, mit GFK begegnen?

Hier wäre als Erstes spannend herauszufinden, wie diese Person zu der Aussage kommt, es gäbe eine Impfpflicht. Diese Aussage würde ich gerne zunächst mit Daten, Zahlen, Fakten belegt haben. Ich möchte verstehen, auf welchen Quellen diese Aussage beruht. Gleichzeitig gibt es aber auch die emotionale Ebene: Offenbar ist dieser Mensch total in Sorge. Über was sorgt er sich? Hier könnte ich beispielsweise einfühlsam nachfragen: «Verstehe ich dich richtig, dass du seit längerem im Politgeschehen Dinge beobachtest, die in dir Skepsis und Sorge auslösen?» Mit diesem Impuls rege ich mein Gegenüber an, mit sich selbst und mit seinen Bedürfnissen in Verbindung zu kommen.

Ich spreche die Person also auf ihr Befinden, auf ihrer Gefühlsebene an?

In unserer Kommunikation laufen zwei unterschiedliche Prozesse ab: Einerseits geht es um Zahlen, Daten, Fakten– das ist der kognitive Teil. Und dann geht es aber auch um Gefühle und insbesondere Bedürfnisse; das, was den Menschen im Grunde seines Herzens bewegt. Erst wenn wir es schaffen, alle Ebenen anzusprechen, wird ein Austausch wirklich «rund». Und genau hierfür ist die GFK grandios, weil sie es schafft, zu vernetzen und Kopf, Bauch, Herz und Hand in Verbindung zu bringen. Das zu können, ist wirklich eine maximal wirksame Kompetenzerweiterung, weil wir damit Menschen ganzheitlich begegnen können.

In sozialen Medien, die wir in Coronazeiten wohl noch verstärkt nutzen, vergreifen sich die Menschen häufig im Ton. Liegt das daran, dass ein direktes Gegenüber fehlt?

In den Social Media schreiben Leute tatsächlich häufig Dinge, die sie so im Eins-zu-eins-Kontakt nicht sagen würden. Das liegt daran, dass man vor dem Monitor schnell in seiner Blase sitzt und emotional entkoppelt ist vom Rest der Welt. Da fällt es recht leicht, einen unflätigen Kommentar rauszuhauen. Die emotionale Reaktion des Gegenübers bekommt man ja nicht mit. In diesen Abkopplungskontexten, die beispielsweise auch beim Autofahren entstehen können, fangen Menschen leichter an, sich weniger sozial zu verhalten.

Welches sind die Möglichkeiten von gewaltfreier Kommunikation in der Coronazeit, wo wir aufgrund von Social Distancing, aber auch im engen Zusammenleben, Extremsituationen erleben?

Wenn die Haut dünner wird, kommen leichter alte Triggersituationen hoch. Ich begleite gerade viele Leute, die auf ihre alten Themen zurückgeworfen werden. Die GFK hat ein Potenzial, das weit über Kommunikationsgestaltung hinausreicht. Es geht auch darum, seelische Lebendigkeit durch Bedürfnisbewusstsein zu entwickeln. Das ist ein wichtiger Teil seelischer Resilienz, der uns ermöglicht, gut durch Krisenzeiten zu kommen. Und es ist auch der Grund, weshalb das Tecum und ich uns dazu entschieden haben, die Kurse online anzubieten, denn viele Leute brauchen gerade jetzt Unterstützung.

Funktioniert diese Form des Seminars über den Bildschirm?

Im ersten Shutdown habe ich damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Diese Form bietet sogar Vorteile gegenüber den Präsenzseminaren. Die Inputs sind kleiner, weil sich der Kurs über den Zeitraum von insgesamt acht Wochen verteilt. Das ist für die Aufnahmefähigkeit von Vorteil.

In der Coronazeit scheint viel Potenzial für die Anwendung von GFK zu schlummern.

Wenn sich die Krise zuspitzt und die Menschen zu Hause sind, ist es doch der ideale Zeitpunkt, sich mit gewaltfreier Kommunikation auseinanderzusetzen. Ich versuche, den Teilnehmenden Handwerkszeug und eine Haltung zu vermitteln, die sie dazu befähigt, flexibel auf die Anforderungen des Lebens zu antworten. Viele leiden in der Krise und wissen nicht, wie sie diese nutzen können, wobei man gerade in der Krise neue Lebensmöglichkeiten schaffen kann.

Kurs ab 16. Februar

Der nächste Online-Kurs: «Achtsam und klar kommunizieren» findet ab dem 16. Februar statt. Er dauert 6 bis 8 Dienstagabende von jeweils 18 bis 21 Uhr, Kosten: 280 Franken. Ermässigung auf Anfrage. Veranstalter: Tecum Thurgau, Zentrum für Spiritualität, Bildung und Gemeindebau der Evangelischen Landeskirche Thurgau, Anmeldung unter der Telefonnummer 052 721 78 56. (red)