«Versuchen Sie, Ihre Emotionen in den Griff zu bekommen»: Arboner Richterin redet pöbelndem Beschuldigten ins Gewissen

Am Freitag konnte ein Angeklagter nur mit Mühe an sich halten und wetterte vor dem Bezirksgericht Arbon gegen Polizisten – genutzt hat es ihm wenig.

Christof Lampart
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Der Eingangsbereich des Bezirksgerichts Arbon.

Der Eingangsbereich des Bezirksgerichts Arbon.

Bild: Reto Martin

Bereits im März wurde der heute 63-jährige Automechaniker aus dem Oberthurgau zu einer Geldstrafe und Busse verurteilt. Die Liste der Delikte ist einigermassen lang: Sachentziehung, Sachbeschädigung, Beschimpfung, mehrfache Drohung, Urkundenfälschung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamten, Tätlichkeiten, Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen und Widerhandlung gegen das Einführungsgesetz zum Schweizerischen Strafrecht (Ruhestörung).

Die Geldstrafe: 4500 Franken. Die Busse: 500 Franken. Gerichts- und Untersuchungskosten: 8514 Franken. Gesamt also 13'514 Franken.

«Zehn Minuten vor der Zeit»

Er sei gewiss kein Unschuldslamm, jedoch ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker, begründete der ohne Anwalt erschienene Mann seine Einsprache: «Frauen dürfen alles behaupten, der Mann muss sich unterstellen. Das lasse ich mir nicht mehr bieten, dass ich mich von einer Frau oder irgendjemand anderem beschimpfen lasse», polterte der Mann gleich zur Eröffnung vor dem Gericht.

Es ist ein Gericht, auf das er schon vor der Verhandlung nicht gut zu sprechen war, hatte sich doch ein Richter um gut eine Dreiviertelstunde verspätet: «Zehn Minuten vor der Zeit ist Pünktlichkeit», giftete der Mann im Saal. Die Situation im Gerichtssaal präsentierte sich also am letzten Freitag von Anfang an «als geladen».

Auslöser war ein Streit

Doch wie ist es eigentlich zum Prozess gekommen? Im Oktober 2017 kam es zum Streit zwischen dem Mann und seiner Lebenspartnerin, während des er ihr ihren Schlüsselbund samt Autoschlüssel entwendet haben soll. Später kehrte er in ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung zurück, trank Wein und telefonierte nach 23 Uhr auf dem Balkon mit ihr. Dies tat er allerdings laut, sodass die Nachbarn die Polizei riefen, weil sie zum einen um ihre Nachtruhe gebracht wurden und zum anderen dachten, dass der Mann seiner Lebenspartnerin etwas antun könnte.

Als zwei Polizisten rasch vor Ort waren, trafen sie einen hoch emotionalisierten und alkoholisierten Mann an, der nicht kooperieren wollte, weshalb die Beamten ihn auf dem Boden fixierten und Verstärkung anforderten.

Der Mann sah das ganz anders. Er klagt:

«Ich mache die Tür auf und zwei Polizisten stürmen rein und schreien ‹Wo ist sie?›. Die kamen wie ein Überfallkommando, und stiessen mich an die Türe, sodass ich mir zwei Rippen gebrochen habe.»

Natürlich habe er bei seinem Alkoholkonsum nicht mehr klar denken können – die spätere Untersuchung ergab 1,6 Promille in seinem Blut. Doch aggressiv sei er erst geworden, als er in Unterhosen und barfuss nach Frauenfeld «in die Kiste» gebracht worden sei. Der Beschuldigte rechtfertigt sich:

«Da habe ich im Auto sicher das eine oder andere gesagt, dass ich nicht hätte sagen sollen. Aber in dieser Lage ist das ja wohl verständlich.»

Es kam noch schlimmer: «Ich bin auf Medikamente angewiesen. Als ich morgens um 2 Uhr darum bat, wurde mir gesagt, dass ich bis um acht warten sollte. Das lasse ich mir nicht bieten – auch nicht von Polizisten!»

Gericht verlängert eine frühere Probezeit

Die Richterin räumt in ihrer Urteilsbegründung zwar ein, dass es durchaus sein könne, dass die Polizei die ganze Situation falsch eingeschätzt habe, doch er habe auch nicht friedlich die Türe aufgemacht und schon vorher rumgelärmt.

Und eines sei ganz sicher, meinte die Richterin:

«Die Polizisten haben sicher nicht zum Spass Verstärkung angefordert; da hat die Polizei schon Wichtigeres zu tun.»

Alles in allem hätte die Menge an Verfehlungen locker dafür gereicht, um die Geldstrafe höher anzusetzen: «Selbst die doppelte Geldstrafe wäre noch angemessen gewesen; Sie sind mild davongekommen», rieb die Richterin dem Beschuldigten deutlich das Strafmass unter die Nase.

Das Gericht blieb weitgehend bei seinem Urteil und strich nur die Tätlichkeit und stufte die mehrfache Drohung auf eine einfache Drohung herunter, da Aussagen teilweise nicht verwertbar gewesen seien. Hinzu kamen jedoch nun noch 700 weitere Franken an Gerichtskosten. Ebenso wurde die Probezeit für einen früheren Strafbefehl (20 Tagessätze à 50 Franken) aus dem Jahr 2016 um ein Jahr verlängert.

Am Ende gab es noch einen Tipp fürs weitere Leben:

«Versuchen Sie, Ihre Emotionen in Zukunft in den Griff zu bekommen. Sie kennen doch das Sprichwort: ‹De Gschiider git nah, de Esel bliebt stah›.»

Ob der Beschuldigte das Urteil weiterziehen wird, ist noch offen, schloss er doch bei Verhandlungsbeginn diese Möglichkeit nicht aus, «falls ich mit dem Urteil nicht einverstanden sein sollte».