«Verstümmelt und tot geschnitten»: Empörung über Pflege von geschützten Pappeln in Frauenfeld

Der Umgang mit kanadischen Pappeln auf der Hinteren Badiwiese in Frauenfeld erregt die Gemüter. Der Stadtrat gibt Fehler zu und entschuldigt sich.

Samuel Koch
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Die drei kanadischen Pappeln auf der Hinteren Badiwiese, die seit Mitte Dezember so aussehen.

Die drei kanadischen Pappeln auf der Hinteren Badiwiese, die seit Mitte Dezember so aussehen.

(Bild: Andrea Stalder)

Stumm und wehrlos stehen sie da. Farblos und kahl überwintern die Bäume, bis sie im Frühling blühen, im Sommer Schatten spenden und im Herbst wiederum ihre Blätter fallen lassen. Deshalb erfahren Baumpfleger für ihre Unterhaltsarbeiten jeweils in den Wintermonaten Hochkonjunktur. So lassen sich derzeit in ganz Frauenfeld Bäume entdecken, die frisch zurückgeschnitten worden sind.

Bei drei kanadischen Pappeln auf der Hinteren Badiwiese jedoch zweifelt Baumpflegespezialist und SVP-Gemeinderat Andres Storrer am sachgerechten Umgang. «Diese Bäume sind tot geschnitten», moniert er verärgert und kann nicht nachvollziehen, dass bei allen dreien nebst einzelnen Ästen auch der Stamm gestutzt worden ist. Er sagt:

Andres Storrer, Baumpflegespezialist und Gemeinderat SVP.

Andres Storrer, Baumpflegespezialist und Gemeinderat SVP.

(Bild: PD)
«Das gibt Problembäume, weil sich an den Schnittstellen Pilze einnisten und sich dadurch Faulstellen bilden.»

Lieber wäre es ihm gewesen, wenn die als kurzlebig und schnellwüchsig bekannten Bäume gefällt statt verstümmelt worden wären, «ganz geschweige von der Ästhetik». Gar von einem «Ausrutscher in baumpflegerische Steinzeit» und «einem gewaltigen Eigentor» ist in einem Leserbrief einer Lokalzeitung die Rede.

Stadtrat entschuldigt sich und gelobt Besserung

Den Auftrag für die Baumpflege der Pappeln hat Andreas Frei als Leiter des Hallen-, Frei- und Sprudelbades einer Unternehmung für Forst- und Gartenbau aus der Region gegeben. Roman Brülisauer, Amtsleiter Freizeitanlagen und Sport, sagt:

Roman Brülisauer, Amtsleiter Freizeitanlagen und Sport.

Roman Brülisauer, Amtsleiter Freizeitanlagen und Sport.

(Bild: PD)
«Die Äste der Bäume sind zuletzt vermehrt auf den Weg vom Badiparkplatz zur Walzmühle gefallen.»

Deshalb die Bäume zu fällen, sei nie zur Debatte gestanden, betont auch der zuständige Stadtrat Andreas Elliker. Pikant: Die Pappeln sind als Teil einer ganzen Baumreihe im Schutzplan Natur- und Kulturobjekte enthalten. Um sie fällen zu lassen, wäre ein Stadtratsbeschluss nötig gewesen. «Offensichtlich gab es einen Kommunikationsfehler», meint Andreas Elliker zur fehlenden Koordination bei der Vergabe des Baumpflegeauftrags. Elliker entschuldigt sich für den Fauxpas und ergänzt:

Andreas Elliker, Departementsvorsteher Bau und Verkehr.

Andreas Elliker, Departementsvorsteher Bau und Verkehr.

(Bild: Mathias Frei)
«Das hätte so nicht passieren dürfen. Und wir sind bemüht, dass das in Zukunft nicht mehr passieren wird.»

Für einen sachgerechten Umgang mit Bäumen würden Aufträge an professionell arbeitende Baumpfleger vergeben, meint Roman Brülisauer, der sich als gelernter Metallbauer nicht anmassen will, sich ein abschliessendes Urteil zu bilden. Sollten die Pappeln jedoch im Frühling wider Erwarten nicht wie gewünscht wachsen, müsse beurteilt werden, ob der Auftrag erneut demselben Unternehmen zukommen soll.

Unabhängig vom aktuellen Krach um die Kappungen der Bäume auf der Hinteren Badiwiese führt die Stadtgärtnerei ständig Sichtkontrollen durch. «Gibt es eine Meldung, lösen wir einen Unterhalt aus», sagt Daniel Schöpfer von der städtischen Fachstelle Naturschutz und Naturobjekte. So seien etwa die vier alten, geschützten Bäume beim Oberen Mätteli durch Pilzbefall aus Sicherheitsgründen als gefährlich eingestuft und dann gefällt worden.

Bewusstsein für richtige Pflege bei Privaten stärken

Oberstes Ziel der Fachstelle sei es, den Lebensraum zu erhalten und die Artenvielfalt zu fördern. Ob Bäume zurückgeschnitten oder gefällt würden, variiere von Baumart zu Baumart, betont Schöpfer. Zudem gebe es bei den verschiedenen Arten wiederum unterschiedliche Schnittweisen. «Es ist grundsätzlich geboten, Bäume massvoll zu schneiden», meint Schöpfer. Als Orientierungshilfe für private Eigentümer von Bäumen dient das Merkblatt Baumschutzmassnahmen des Amtes für Hochbau und Stadtplanung.

Baumpflegespezialist Andres Storrer will mit seiner Kritik weder seine Berufskollegen noch die Stadt Frauenfeld anschwärzen, obwohl er die Verstümmelung der geschützten Bäume als desaströs bezeichnet und er sich seitens der Stadt wünscht, dass sie bei der Baumpflege als gutes Beispiel vorangeht. Storrer sagt:

«Es geht darum, das Bewusstsein für eine sachgerechte Baumpflege zu stärken, auch gegenüber privaten Baumbesitzern.»

Seine wichtigste Botschaft lautet: «Wenn eine Einkürzung der Baumkrone nicht mehr zielführend ist, lieber einmal fällen und etwas Neues setzen, statt Bäume zu kappen.» Denn in jedem zweitklassigen Gartenlehrbuch stehe, dass Kappungen falsch seien.

Der betroffene Forst- und Gartenbauer wollte sich zu den Vorwürfen und zum Auftrag auf Anfrage nicht äussern.

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Mathias Frei