Reportage
«Verstehe ich Disco falsch? Oder gar nicht?» – Reportage aus der Frauenfelder Bechtelisnacht

Diesmal gibt es die Reportage zu der Nacht der Nächte live aus dem «Dreiegg» – mit viel Bier.

Janine Bollhalder
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Am Zapfhahn während der Bechtelisnacht im «Dreiegg»: TZ-Volontärin Janine Bollhalder.

Am Zapfhahn während der Bechtelisnacht im «Dreiegg»: TZ-Volontärin Janine Bollhalder.

(Bild: Donato Caspari)

Das Biotop meiner Wahl liegt mitten im Bermuda-Bechtelis-Dreieck: im «Dreiegg». Dort herrscht am Bechtelistag das Motto: Disco. Also Glitzernagellack montiert und auf den Zug Richtung Hauptstadt.

Menschenmassen, zu laute Musik und Alkohol sind nichts für mich. Wie will man so die Bechtelisnacht in Frauenfeld am besten überstehen? Meine Vermutung: hinter dem Bartresen.

22.30 Uhr. Bahnhof Frauenfeld. Junge Männer auf dem Perron. Gleich eine ganze Gruppe. Sie haben wohl schon ein paar Drinks über den Durst gekippt. Unter ihren Sohlen knirschen bereits Scherben. Sie spucken vulgäre Worte. Ich wechsle schnell auf den Bahnhofplatz. Auf dem Weg zum «Dreiegg»: Overall-Kostüme sind en vogue. Das ist auffällig. Und jegliche Verkleidungen, die es erlauben, mit Blut kreativ zu werden. Falls je eine Zombie-Apokalypse bevorsteht: Für die Frauenfelder wird es ein gewohnter Anblick sein.

Meine Schuhe erleben viel in der Nacht der Nächte

Das «Dreiegg» finde ich zuerst nicht. Überall Menschen. Wahnsinn. Ich kämpfe mich durch die Menge zur Bar. Werde fast zerquetscht zwischen Häschen, Gockel und Gangster-Rapper. Ein Jahresvorrat an unfreiwilligem Körperkontakt! Hinter die Bar zu gelangen, gestaltet sich noch viel schwieriger.

Meine Laune geht auf Sinkflug, entgegen dem Mageninhalt des jungen Herrn neben mir. Er erbricht sich direkt neben meine Schuhe.

Seine drei Begleiterinnen lachen. Unklar, ob sie ihn oder mich auslachen. Er lacht auch. Verlegen. «Sorry!» Zum Glück scheint er bisher nur zum Alkohol gegriffen zu haben und nicht zu Nahrung. Meine Schuhe werden aber noch mehr erleben während dieser Nacht der Nächte.

48 Bilder

Wenig später schaffe ich es endlich hinter den Tresen – dort, wo ich für diesen Abend hingehöre. Denise Eggmann, die Inhaberin der Bar, begrüsst mich. Sie übergibt mich dem charmanten Kollegen im Joker-Kostüm mit voluminösem silbernem Hemd. Und ich dachte, das Motto sei Disco. Doch anstatt Schlaghosen, grellen Farben und toupierten Haaren sehe ich unter meinen Mitarbeitern Feengestalten, Horror-Clowns und Comic-Figuren.

Verstehe ich Disco falsch? Oder gar nicht?

Keine Zeit fürs Grübeln. Jetzt Crashkurs vom Joker fürs Bierzapfen: «Becher nehmen, Wasser reinspritzen. Möglichst horizontal halten, dann gibt’s weniger Schaum.» Okay. «Je vier grosse Becher Bier links, vier kleinere Becher rechts hinstellen.» Los geht’s.

Dass die Arbeit hinter dem Tresen nicht einfach ist, hat mir Eggmann bereits im Voraus gesagt. Die Barmitarbeiter wuseln geschäftig umher: Shots, Bier, Cola, Panaché. Der Geruch von Red Bull liegt in der Luft. Es wird Energie für die Nacht getankt, der Abend ist noch jung. Ich klebe bereits nach wenigen Minuten vom Bier. Wortwörtlich. Meine Schuhe sind an diesem Abend mit Verschiedenstem in Kontakt gekommen. Scherben, Konfetti, aber auch jede Menge Flüssigkeiten. Jetzt also Bier.

Kollege Joker tanzt neben mir. «Sei nicht so schüchtern.» Meine Füsse wollen nicht so recht. Ich lache verlegen.

Tanzen geht noch nicht, ich muss mich zu sehr darauf konzentrieren, kein Bier zu verschütten.

Oder zu viel Schaum zu produzieren. «Löffle es einfach ab», rät mir eine Kollegin im Kostüm der Comicfigur Harley Quinn. Sie erlebt die Bechtelisnacht nun schon zum vierten Mal. Routiniert eilt sie von einem Ende der Bar zum anderen, sammelt Geld ein, verteilt Bestellungen.

Draussen steht der Sensenmann und blickt über alle hinweg

Kurz vor 1 Uhr. Jetzt eine kurze Verschnaufpause. Den Blick über die Menge schweifen lassen. Draussen hat sich ein Sensenmann aufgebaut und überblickt das feiernde Volk. Unter den Tanzenden entdecke ich den Hutmacher aus «Alice im Wunderland». Pharaos, Polizisten, Mafiosi, einige blutverschmierte Charaktere. Maschinenpistolen – luftgefüllt. Dieses ganze Sammelsurium ist schon reichlich makaber. Ich muss zurück zum Bier. Wasser in den Becher spritzen, Glas horizontal halten, möglichst wenig Schaum produzieren.

Die Musik dröhnt aus den Lautsprechern, der Bass vibriert unter meinen Sohlen. Jedes zweite Lied ist ein Ohrwurm. «Who is Alice?», brüllt die Menge. Niemand antwortet, alle johlen.

Mein Blick scannt die Tanzmeute. Der Hutmacher ist weg, dafür blickt mich nun ein Frosch an. Er sieht genauso grün im Gesicht aus, wie sein Kostüm. Nach dem nächsten gezapften Bier sehe ich ihn mit einem Jägermeister seinen Kolleginnen zuprosten.

Nach 2 Uhr rauschen meine Ohren. Meine Hände sind biernass und klebrig. Aber es macht Spass. Ich würde jetzt sogar noch länger bleiben wollen. Aber die Vernunft siegt. Irgendwann sollte ich nun doch wieder nach Hause. Um halb drei entere ich am Bahnhof ein Taxi. Die Fahrerin ist weiss geschminkt, trägt einen Hut mit blau leuchtendem Band und eine Lichterkette mit kleinen Totenköpfen. Faszinierend. Die Fahrerin sagt, ihre Kolleginnen trügen Spinnen. Sie möge Spinnen gar nicht. Ich auch nicht: «Zum Glück bin ich bei Ihnen eingestiegen.»

Auf der 25-minütigen Fahrt erzählt sie mir von ihrem Job als Chauffeurin. Heute habe noch keiner in ihr Auto gekotzt. Dafür in die Autos zweier Kollegen. Normalerweise sei sie diejenige, die das Auto putzen müsse.

«Bis jetzt habe ich Glück.»

Aber die Zeit der wirklich Betrunkenen komme noch. Vor drei Uhr werden erst mal die heimgefahren, die am nächsten Tag wieder arbeiten müssen. So wie ich.

Meine Haare stinken nach Rauch und meine Augen sehnen sich nach Schlaf. Und: Wenn es eine zweite Bechtelisnacht für mich gibt, muss ich ein kreativeres Kostüm finden. Mit Lichterkette. Aber ohne Blut und Spinnen. Der Morgen danach: Auf dem Perron in Frauenfeld kommt mir ein Samichlaus entgegen. Der kommt heute garantiert zu spät.

Wie es zur Reportage gekommen ist

Die jährliche Reportage über die Bechtelisnacht in Frauenfeld scheint ein Geschenk des TZ-Blattmachers an seine Volontäre zu sein. Eine derartige Warnung hatte ich bereits vor einiger Zeit redaktionsintern vernommen. So hiess es auch wenig überraschend vorletzte Woche für mich: «Bolli, wir brauchen eine Reportage über die Nacht der Nächte in Frauenfeld, Bechtelisnacht. Lass dir etwas einfallen.» Und mit seinem darauf folgenden Satz hat mich der Blattmacher eigentlich auch schon auf meine Idee gebracht: «Na ja, eigentlich bist du ja so gar nicht der Typ für die Bechtelisnacht, Bolli.» Wo er recht hat, hat er recht. Deswegen habe ich mich nicht unmittelbar ins Getümmel gestürzt, sondern mich hinter den Tresen gerettet. Zum Bierausschank. (jab)