Verschiebung von Tokio 2020 erhöht Patrik Wägelis Erfolgschancen bei Olympia

Der Thurgauer Marathon-Spezialist sieht trotz der aktuellen Pandemie Perspektiven. Und das, indem er den Genuss ins Zentrum rückt.

Jörg Greb
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Patrik Wägeli hat durch die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio ein Jahr Zeit gewonnen.

Patrik Wägeli hat durch die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio ein Jahr Zeit gewonnen.

Andrea Stalder

Den April hatte Patrik Wägeli als Monat der Weichenstellungen definiert. Der EM-Teilnehmer von 2018 und zweitschnellste Schweizer über die 42,195 km des vergangenen Jahres hatte vor, am vergangenen Wochenende am Berlin Halbmarathon die Limite für die EM von Ende August in Paris zu erfüllen und dann am Zürich Marathon vom 26. April die Olympialimite anzugreifen. Aus bekannten Gründen wird daraus nichts. Alle Veranstaltungen des Frühlings sind wegen des Coronavirus abgesagt.

Der 29-Jährige aus Nussbaumen fühlte sich ausgebremst. Nach einer Woche Trainingslager Anfang März waren zehn weitere Trainingslager-Tage im Tessin vorgesehen gewesen, zusammen mit weiteren Schweizer Topläufern wie Christian Kreienbühl oder Andreas Kempf. Die Absicht: Weiter am Feinschliff und der vielversprechenden Form feilen. Mit der Verhängung des Notstands wurde das unmöglich. Wägeli brach seine Zelte im Tessin ab und reiste nach Hause. Dann kam das Einschneidende: «Mit der Absage der Rennen wurden meine Pläne komplett über den Haufen geworfen.» Sämtliche unmittelbaren und mittelfristigen Ziele sah er entschwinden.

Mehr Zeit, um Zeit wettzumachen

Mit dem Entscheid des Verschiebens der Olympischen Sommerspiele auf 2021 ist Wägeli aber plötzlich zu einer neuen Option gelangt. «Das erhöht meine Erfolgschance», sagt er. Die erforderliche Zeit von 2:11:30 Stunden für die 42,195 km – für 2016 reichten noch 2:14:00 – scheint mit dem neuen Zeitrahmen etwas wahrscheinlicher. Diese Perspektive tut gut. Der Thurgauer verfügt über mehr Zeit, um den verlangten Leistungssprung von seiner persönlichen Bestmarke von 2:15:22 um fast vier Minuten anzugehen. Die Motivation fürs tägliche harte Training lässt sich dadurch allein aber kaum gewinnen – zumal die EM als nun näheres Ziel ebenso unsicher ist wie die Marathons im Herbst.

Dieser Tatsache hat Wägeli Rechnung getragen. «Ich habe mein Laufen umdefiniert», sagt er. Sein neues Motto lautet für den nächsten Monat: «Der Genuss rückt ins Zentrum, das Laufen aus reiner Freude.» Die Frage, was das bedeutet, stellt sich zwangsläufig. In diesen Tagen fällt die gezielte Wettkampfvorbereitung mit der sogenannten Taperingphase weg. «Ich kann mich gut allein pushen bei den harten Trainings, und momentan läuft es ausgezeichnet», sagt er. Fast zu gut. Die harten Einheiten vermitteln ihm «Schub und ein geniales Gefühl». In diesen Augenblicken stellt sich ein Bedauern ein: «Diese Form nützt mir nun aber nichts.»

Wägeli hat eine neue Einstellung zum Training erkannt: «Ich mache mir vor den harten Trainings weniger Druck und weniger Gedanken.» Das wirkt befreiend: «Wenn’s läuft, schätze ich das enorm, wenn nicht, vertröste ich mich auf die nächsten Einheiten.» Anstelle der Intervall-Einheiten auf der Bahn sind derzeit schnelle Fahrtspiele in coupiertem Gelände getreten. Und in welchem Rhythmus er diese zurücklegt, zeigen seine Trainingszeiten: Halbmarathons in 68 bis 72 Minuten. «Mich intuitiv auspowern, das gelingt mir sehr gut», sagt er.

Zwischen den Trainings die Arbeit auf dem Hof

Beibehalten hat er einen strengen Trainingsrhythmus. Fix geblieben ist die Einheit am Vormittag, eine zweite am Abend kommt ebenfalls häufig vor. Dazwischen arbeitet er auf dem Hof seiner Eltern. Zwar hat Wägeli den seit längerem fixen Teilzeitmitarbeiter noch nicht gefunden, die Unterstützung seines Vaters und weiterer Freunde und Bekannter greift aber vorzüglich. «Ich arbeite zwar in dieser Situation etwas mehr als angedacht, aber für mich stimmt’s so sehr gut», sagt er.

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