Zehn Tage im Koma: Beizentour endet für Sirnacher tragisch

Eine Auseinandersetzung in einer Sirnacher Bar landete vor dem Bezirksgericht Münchwilen.

Olaf Kühne
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Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen.

Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen.

(Bild: Nana Do Carmo)

Eine laue Sommernacht vor drei Jahren, zwei Uhr morgens, eine Sirnacher Bar, alle Beteiligten betrunken. So weit waren sich am Dienstag am Bezirksgericht Münchwilen alle einig. Auch darüber, dass sowohl der Angeklagte, ein 45-jähriger Schweizer, als auch der Privatkläger, ein 40-jähriger Schweizer, zu Boden gingen und sich Letzterer dabei schwere Kopfverletzungen zuzog, herrschte Einigkeit. Über alles Weitere hingegen nicht.

Schwere Körperverletzung, lautete die Anklage. Die Staatsanwaltschaft forderte eine bedingte Geldstrafe von 8800 Franken sowie eine Busse von 1600 Franken.

Ein «glatter Abend» mit seinem Bruder sei es gewesen, berichtete der beschuldigte Sirnacher von der verhängnisvollen Nacht. Ab acht Uhr abends habe er ein paar Bier und ein paar Shots getrunken. Um zwei Uhr morgens sei er «guet zwäg» gewesen, was er auf Nachfrage der Richterin mit «betrunken» erläuterte. Dann sei der Privatkläger aufgetaucht, laut dem Angeklagten «sturzbetrunken», und habe mehrere Gäste der Bar «angepöbelt», von der Wirtin noch etwas zu trinken verlangt. Doch diese wollte ihm nichts mehr ausschenken und wies ihn weg. Im Weglaufen habe er dann noch geschimpft. «Hier verkehren sowieso nur versiffte Arschlöcher», habe er gerufen – oder so ähnlich. Ganz sicher war der Beschuldigte nicht mehr.

«Es nahm mich einfach wunder, was das für einer ist, weshalb er sich so aufführt.»

Jedenfalls sei diese Beschimpfung der Auslöser gewesen, dem ihm bis dato unbekannten Mann nachzugehen. «Es nahm mich einfach wunder, was das für einer ist, weshalb er sich so aufführt», begründete er sein Handeln. Nach wenigen Metern habe sich der mutmassliche Pöbler abrupt umgedreht, er sei ihn in reingelaufen, beide stürzten. Mit verheerenden Folgen für den «Verfolgten». Mit einer Schädelfraktur musste er durch die Rega ins Kantonsspital St.Gallen geflogen werden, lag zehn Tage im Koma, blieb über zwei Monate in Spital und Rehaklinik. Das Schädelhirntrauma löste bei ihm gar eine Epilepsie aus. Noch heute ist er zu 50 Prozent arbeitsunfähig.

Sein Anwalt führte einen Zeugen ins Feld, der laut der ersten Befragung durch die Polizei noch in derselben Nacht einen Schlag des Beschuldigten auf den Hinterkopf des Opfers gesehen haben will. Der Verteidiger führte ins Feld, dass dieser Zeuge zwei Monate später, anlässlich einer Befragung durch die Staatsanwaltschaft, sich dann doch nicht mehr sicher war, was er genau gesehen hatte.

Auch der Beschuldigte konnte nicht mehr sagen, wie genau es zum Sturz der beiden gekommen war. Einzig zugeschlagen habe er ganz sicher nicht.

Weitere Zeugen hätten laut dem Anwalt des Privatklägers diesen mehr als «lustigen Betrunkenen» wahrgenommen, der aber nicht aggressiv gewesen sei. Mindestens ein Glas sei in der Bar zwar zu Bruch gegangen. Durch wen, konnte aber niemand sagen.

Der Privatkläger selbst gestand ebenfalls ein, betrunken gewesen zu sein. Nach einem Beizenbesuch in Münchwilen habe er in einer anderen Sirnacher Bar etwas getrunken. Und auf dem Nachhauseweg habe er dann in der besagten Bar einfach schauen wollen, ob er noch jemanden kenne. Gepöbelt habe er sicher nicht, höchstens die Wirtin darauf hingewiesen, dass sie um diese Zeit eigentlich schon «überwirte», wofür sie ja bekannt sei.

«Das reicht im Strafrecht nicht.»

Nach einstündiger Verhandlung sprach das Bezirksgericht den Beschuldigten frei. «Wir sind uns bewusst, dass das Ganze für den Privatkläger tragisch ist», sagte die Richterin. Letztlich habe aber die Anklage keinerlei Beweise liefern können, Gutachten seien nicht eindeutig, Zeugen hätten sich selber relativiert. «Wir wissen einfach nicht, was genau passiert ist. Das reicht im Strafrecht nicht.»