In der Schweiz lebender Portugiese wegen Vergewaltigung verurteilt

Das Amtsgericht Konstanz sieht es als erwiesen an, dass ein in der Schweiz lebender Portugiese eine Frau in einer Studenten-WG in der Altstadt von Konstanz vergewaltigt hat. Es verurteilt den Mann zu dreieinhalb Jahren Haft.

Andreas Schuler
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Das Gericht verurteilte den Portugiesen wegen Vergewaltigung. (Symbolbild: sasa)

Das Gericht verurteilte den Portugiesen wegen Vergewaltigung. (Symbolbild: sasa)

Eine Studenten-WG in der Konstanzer Altstadt. Junge Frauen und junge Männer wohnen Zimmer an Zimmer. Hier wird gelernt, gegessen, geschlafen und gerne gemeinsam gefeiert. Dutzende derartiger Wohngemeinschaften existieren in der Stadt. Das Leben in solchen Einrichtungen ist weitgehend gläsern. Wer hier wohnt, ist nicht gerne alleine, mag Gesellschaft, spart Kosten. Privatsphäre ist auf das eigene Zimmer beschränkt. Wenn überhaupt.

Am 24. November des vergangenen Jahres feiert der Bewohner einer WG in der Altstadt mit Freunden und Zimmernachbarn Geburtstag. Zunächst in der Bar im Erdgeschoss, später in der Wohngemeinschaft darüber. Es fliesst reichlich Bier, Schnaps und Wein. Eine WG-Bewohnerin und ein Mann, der in der Schweiz lebt und arbeitet sowie portugiesischer Staatsbürger ist, begeben sich gegen 5 Uhr an die frische Luft, um eine Zigarette zu rauchen – beide sind stark angetrunken.

Sie durchlebt zu dieser Zeit eine schwierige Lebensphase, wurde gerade erst von ihrer grossen Liebe verlassen und verarbeitet eine sexuelle Begegnung mit einem unbekannten Mann in Argentinien – sie macht sich schwere Vorwürfe, dass sie es so weit hatte kommen lassen. Beim Rauchen offenbart der Mann der Frau seine Zuneigung, was sie nicht erwidert. Sie geht ins Bett und legt sich schlafen. Ab hier, so sagt sie vor Gericht, habe sie einen Filmriss.

Sie spürte jemanden über sich

Eineinhalb Stunden später kommt sie wieder zu sich. «Ich habe einen Schatten über mir gesehen und gespürt, dass jemand in mich eingedrungen ist», sagt sie vor dem Konstanzer Amtsgericht. Sie habe den Mann von sich geschubst, laut geschrien und sei auf den Flur gerannt.

Freundinnen kümmern sich um sie. Sie fahren ins Krankenhaus, um Spuren zu sichern. Sie zeigt ihren Bekannten wegen Vergewaltigung an. Der Angeklagte bestreitet vehement, sie vergewaltigt zu haben. Nach seiner Version lagen beide zunächst nebeneinander, bevor sie sich gegenseitig sexuell stimuliert hätten und es zum Geschlechtsverkehr gekommen sei. Ein Gerichtsmediziner erklärt, dass die Aussagen plausibel seien. Eine Psychologin ebenfalls.

Möglich oder nicht?

Vor dem Amtsgericht kommt es zu Diskussionen zwischen Verteidiger und Mediziner, ob Menschen mit einem Alkoholgehalt von rund zwei Promille zu einer solchen Tat fähig seien oder ob gegenseitige Stimulation Voraussetzung sei. Wieso habe die Frau nichts gespürt und sei dann plötzlich aufgeschreckt, als alles schon vorbei gewesen sei, will der Verteidiger wissen.

Der Experte sieht dieses Verhalten als nachvollziehbar an: «Die Bemerkbarkeit des vaginalen Eindringens ist gegeben, wenn die Frau bei Bewusstsein ist und wenn keine störenden Einflüsse wie Alkohol vorherrschen. Ist sie stark betrunken, könne sie es nicht merken.»

«Wir haben heftig Diskutiert»

Richterin Heike Willenberg und die zwei Schöffinnen verurteilen den Angeklagten zu drei Jahren und sechs Monaten – sie folgen damit dem Antrag der Staatsanwältin. Der Verteidiger hatte Freispruch gefordert. «Wir haben heftig diskutiert», erklärt die Richterin. «Wir haben uns entschieden, Sie zu verurteilen, da wir keinen vernünftigen Zweifel an ihrer Schuld haben. Ausserdem haben wir keinen Zweifel, dass der Geschlechtsverkehr nicht einvernehmlich war.» Während seine Schilderungen widersprüchlich gewesen seien, sei die Geschädigte stets bei ihrer Aussage geblieben.

Darüber hinaus leide die 24-Jährige körperlich und seelisch erheblich – wobei weder eine Psychose noch eine Schizophrenie diagnostiziert wurde, sondern eine posttraumatische Belastungsstörung. Erschwerend sei der Samenerguss in der Frau hinzugekommen – damit habe er eine Erkrankung in Kauf genommen; und sie habe die Pille danach nehmen müssen. Heike Willenberg richtet sich an den Verurteilten: «Sie wollten Sex. Die Frau aber wollte nicht, dann haben sie es einfach gemacht, als sie schlief. Verminderte Schuldfähigkeit durch Alkohol ist nicht gegeben: Sie konnten alles detailliert erzählen, sie konnten noch alles steuern, sie hatten eine Erektion und einen Samenerguss, sie haben sich noch angezogen.»Schliesslich fragte die Richterin den Mann: «Als sie schrie, sagten sie lediglich: Keine Polizei rufen. Wieso haben sie nicht gesagt: Was soll das? Wir beide wollten den Sex doch.»

Nach der Urteilsverkündung bricht der Verurteilte in Tränen aus. Vor dem Gang in den Vollzug ruft er noch seine Eltern an und verabschiedet sich von seiner Lebensgefährtin. Sein Rechtsanwalt kündigte an, sich mit seinem Mandanten über eine allfällige Berufung Gedanken zu machen.