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US-Delegation zu Besuch in Weinfelden: «Hello, nice to meet you»

Eine vierzehnköpfige Delegation aus Michigan besucht das Bildungszentrum Weinfelden. Sie lernen dabei die Durchlässigkeit und Praxisnähe der Schweizer Berufsbildung kennen. Viele Eindrücke nehmen sie als Souvenir mit nach Hause.
Sebastian Keller
Mitglieder der US-Delegation lassen sich über die praktische Ausbildung von Mechanikern informieren. (Bilder: Reto Martin)

Mitglieder der US-Delegation lassen sich über die praktische Ausbildung von Mechanikern informieren. (Bilder: Reto Martin)

Nebel liegt über Weinfelden. Das ist keine Besonderheit für diese Jahreszeit. Besonders an diesem Freitagmorgen ist aber der Besuch, der sich angekündigt hat: Eine vierzehnköpfige Delegation aus den USA. Sie sind auf einer Bildungsreise zu Bildungsinstitutionen. Stuttgart haben sie Anfang Woche besucht, dann die älteste Universität Europas: Die Uni Heidelberg. Es folgten Besuche von Konstanz, Singen, Friedrichshafen. Auch Sightseeing durfte nicht fehlen. Ihre letzte Station führt sie in das Herzen des Kantons Thurgau – an das Berufsbildungszentrum Weinfelden, das direkt neben dem Bahnhof liegt.

«Nice to meet you», sagen sie zu den beiden Gastgeberinnen: Beatrice Gregus, Rektorin des Bildungszentrums für Gesundheit und Soziales, und Renate Stieger-Bircher, Rektorin des Bildungszentrums für Wirtschaft Weinfelden, heissen die Gäste willkommen. Auf Englisch. Mit Vornamen, wie es in den USA üblich ist. «How are you?» Die Mehrsprachigkeit, die schon bei vielen Schweizerinnen und Schweizern im Kinderwagen zu reifen beginnt, macht sich bei solchen Besuchen bezahlt.

Die Thurgauer Bildungskarte ist reich befrachtet

Die Delegation nimmt in den Sitzreihen der Aula Platz. Ausgerüstet mit einem Handout und Broschüren. Erste Fotos werden mit dem Smartphone geschossen; mehrere Delegationsteilnehmer klappen ihr Tablet auf. Der Journalist mit seinem Notizheft kommt sich reichlich Oldschool vor. Beatrice Gregus beginnt mit einer Aussage, die vielleicht in der Westschweiz für Stirnrunzeln sorgen würde: Der Thurgau sei das Herz der Schweiz. Auf einer Präsentation zeigt sie den Besuchern die Bildungslandschaft des Kantons Thurgau. Die Karte ist reich befrachtet. Dort der Arenenberg, wo die «Farmers» ausgebildet werden. Auch die Bildungsinstitutionen in Arbon, Kreuzlingen und Frauenfeld und alle weiteren sind aufgeführt. Und selbstverständlich jene in Weinfelden. Von einer der nächsten Folien lächelt Monika Knill, die oberste Bildungschefin des Kantons.

Renate Stieger-Birchers Job ist es nun, der Delegation die Bildungssystematik der Schweiz zu erklären. Die Schweiz ist auf ihr duales Bildungssystem ähnlich stolz wie auf ihre Neutralität. «Das Ziel ist die Nähe zur Praxis», betont die Rektorin. Um dies zu veranschaulichen, eignet sich die Berufsbildung hervorragend: Staat, Privatwirtschaft und Branchenverbände arbeiten Hand in Hand. «Es handelt sich um eine Public-private-Partnership», sagt Stieger-Bircher. Auch wenn das Wort aus dem Englischen kommt – im Zusammenhang mit der Berufsbildung ist es in den USA ein Fremdwort. Dies bestätigt Raphaela Schlicht-Schmälzle (siehe Interview) von der Michigan State University, welche die Delegation in die Schweiz geführt hat.

Viele Fragen im Gepäck

Hände schiessen in die Höhe wie in einem Schulzimmer voller wissbegieriger Schüler. Die Amerikaner haben viele Fragen im Gepäck. Vor allem auch zur Durchlässigkeit des Bildungssystems. Auch wer eine Lehre als Kaufmann macht, muss nicht zwangsläufig bis zur Pensionierung immer im Büro arbeiten. Sackgassen sind im dualen Bildungssystem fast gänzlich ausgemerzt. «Train to be Hairdresser, become a Biologist», ist auf einer Folie zu lesen. Ungläubig blicken die Gäste auf die Folie. «Gibt es das?», wird gefragt. «Natürlich», antwortet die Rektorin. Es sei aber nur ein Beispiel. Ein Poster von Diana Gutjahr erscheint auf der Leinwand. Die Amriswilerin absolvierte einst eine kaufmännische Lehre, besuchte in Weinfelden die Berufsschule. Heute ist sie Geschäftsführerin der Ernst Fischer AG und sitzt für die SVP Thurgau im Nationalrat.

Genug Theorie, nun geht es in die Praxis. Es riecht nach Holz, nach Motorenöl. Die US-Delegation steht in der Werkstätte des Gewerblichen Bildungszentrum Weinfelden, wo Mechaniker ihre überbetrieblichen Kurse absolvieren. Turbolader liegen auf einem Tisch, Zylinder. Die Amerikaner erfahren, wie praxisnah eine Berufslehre ist. Fachleute geben ihr Wissen dem Berufsnachwuchs weiter. Nächste Station ist das Sekretariat des Bildungszentrums für Wirtschaft Weinfelden. Lehrling Lars Zinnert erklärt – of course in English – den Gästen seine Arbeit. Aktuell führt er die Absenzen in einem Webtool nach. Zinnert arbeitet an der Schule, wo er die Schulbank drückt.

Ein Schulzimmer wie ein Krankenhaus

Bei der nächsten Station wähnt man sich in einem Krankenhaus. Im Untergeschoss des Bildungszentrums für Gesundheit und Soziales ist ein Skillsroom eingerichtet. Krankenhausbetten sind mit Vorhängen umschlossen, dazwischen medizinische Apparaturen. Angehende Pflegefachfrauen in weissen Berufskleidern stehen um ein Bett herum. Eine Schülerin entfernt einer anderen die Fäden einer simulierten Wunde. «Ein Rollenspiel», sagt Rektorin Beatrice Gregus. «Hier werden Praxissituationen nachgespielt.» Es gehe darum, die Theorie in die Praxis zu transferieren. Die Gäste stellen viele Fragen.

Praktische Übung: Angehende Pflegefachfrauen ziehen im sogenannten Skillsroom die Fäden nach einer Wundheilung.

Praktische Übung: Angehende Pflegefachfrauen ziehen im sogenannten Skillsroom die Fäden nach einer Wundheilung.

Das Interesse hält an und wird noch gesteigert, als die Delegationsteilnehmer die Möglichkeiten erhalten, in der Aula mit Berufsschülern zu diskutieren. So wollen sie von einer Schülerin und einem Schüler wissen, was die Herausforderung der Berufslehre sei. Diese antworten – selbstverständlich auf Englisch - es sei «der Stress». Alles unter einen Hut zu bringen: Arbeit, Schule, Freizeit. Auf Fragen zu ihrer beruflichen Zukunft bleiben sie wage, aber ohne einen Zweifel, dass es eine gibt. Vielleicht studieren. Vielleicht dies oder das. Das Vielleicht ist wohl der beste Beweis für die Durchlässigkeit. Dass sich der Nebel über Weinfelden aufgelöst hat, passt dazu.

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