Prozess
Die Tote von Zezikon: Auch nach dem Urteil gegen den Hauptbeschuldigten bleibt die Frage, ob Isabela hätte gerettet werden können

Das Bezirksgericht Frauenfeld verurteilt J.B. wegen Störung der Totenruhe und Vergewaltigung einer anderen jungen Frau. Das Verdikt: Eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten und ein Landesverweis für zehn Jahre.

Ida Sandl
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Bezirksgericht Frauenfeld: Verhandlung wegen der Toten von Zezikon.

Bezirksgericht Frauenfeld: Verhandlung wegen der Toten von Zezikon.

Bild: Kevin Roth

Was wäre gewesen, wenn J. B., sofort nachdem Isabela T. in seiner Wohnung kollabierte, die Ambulanz gerufen hätte? Hätte sie gerettet werden können? Die Frage bleibt, auch nachdem das Bezirksgericht Frauenfeld am Freitag sein Urteil gefällt hat. Eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten für J. B., den Hauptbeschuldigten. Dazu wird der Niederländer für zehn Jahre aus der Schweiz gewiesen.

Das Gericht spricht den Eltern sein Beileid aus

Es ist die Frage, die Isabelas Eltern ihr Leben lang begleiten wird. Sie sind aus dem Aargau zum Prozess gereist. Irene Herzog, die Vizepräsidentin des Bezirksgerichts, spricht ihnen das Beileid aus, bevor sie das Urteil begründet. Das habe ihr gutgetan, sagt Isabelas Mutter später.

An dieser Stelle in Zezikon hat Waldbesitzer Manfred Hunziker eine Frauenleiche gefunden, die in einen Teppich eingewickelt war. Dabei handelt es sich um Isabella T. aus Turgi, die seit November 2017 vermisst wurde.

An dieser Stelle in Zezikon hat Waldbesitzer Manfred Hunziker eine Frauenleiche gefunden, die in einen Teppich eingewickelt war. Dabei handelt es sich um Isabella T. aus Turgi, die seit November 2017 vermisst wurde.



Bild: /Mario Testa

Die Gerichtsmedizin habe keine Hinweise gefunden, «dass Handlungen oder Unterlassungen» zum Tod von Isabela geführt haben, erklärt Irene Herzog. Wahrscheinlich sei eine «substanzbedingte Todesursache», ausgelöst durch die Drogen, die Isabela genommen hatte. Ob sie hätte gerettet werden können, lasse sich nicht mit Sicherheit sagen. Drei Monate hatte die Leiche im Wald gelegen, eingerollt in einen Teppich. Das war zu lange für eindeutige Befunde. Die Staatsanwaltschaft musste die ursprünglichen Vorwürfe der vorsätzlichen Tötung und der Unterlassung der Nothilfe einstellen. Nach der Bekanntgabe des Urteils sagt Marco Breu, der Sprecher der Staatsanwaltschaft:

«Wir haben alles getan, was wir konnten. Letzten Endes gilt die Unschuldsvermutung.»

J.B. sitzt nach der Verurteilung auf einem Schuldenberg

In Bezug auf Isabela blieb damit noch die Störung des Totenfriedens übrig. Dies sieht das Gericht als erwiesen an. J. B. habe die Leiche verpacken und wegbringen lassen und er habe Isabelas Sachen entsorgt. Für die Familie brach damit nicht nur eine quälende Zeit der Unsicherheit an, sie sei auch mit dem schockierenden Fund konfrontiert worden. Das Gericht spricht den Eltern dafür je 2000 Franken Genugtuung und 540 Franken Schadenersatz zu. «Wir wissen, dass man ein Kind nicht mit Geld aufwiegen kann», sagt Irene Herzog. Sollte er je über die Mittel dazu verfügen, wird J. B. neben seinem eigenen Verteidiger auch einen grossen Teil des Verfahrens- und mehrere Anwaltskosten übernehmen müssen.

Die schwerste Tat ist die Vergewaltigung

Aber auch wenn das öffentliche Interesse dem tragischen Tod Isabelas gilt, die hohe Strafe kassiert J. B. vor allem wegen eines anderen Delikts. Das Gericht ist überzeugt, dass er im August 2019 in einem Hotel in Chur eine damals 19-Jährige vergewaltigt hat. Er selbst bestreitet dies. Doch für die Richter sind die Aussagen der Frau «glaubwürdig, detailreich und verknüpft mit objektiven Tatsachen».

J. B. dagegen habe sich in Widersprüche verwickelt. Er habe sein Opfer bestrafen wollen, weil ihre Freunde ihn mit ihrer Hilfe bestohlen hätten. Um sie einzuschüchtern, habe er ihr Berichte über sich in Zusammenhang mit Isabelas Tod gezeigt. Das ist mit ein Grund, warum das Gericht J. B.s Strafe trotz geballter Berichterstattung nur geringfügig mildert. Wer sich die Medienberichte als Druckmittel zunutze mache, könne nicht mit Strafmilderung rechnen, begründet Irene Herzog. Einzig, dass er als «Drogendealer» bezeichnet wurde, trotz fehlender Beweise, wird berücksichtigt.

Noch kein Urteil für die Mitangeklagten

Noch kein Urteil gibt es für die beiden Helfer und einstigen Freunde von J. B. Sie stehen wegen Störung des Totenfriedens vor Gericht. Ihre Verteidiger haben medizinische Abklärungen beantragt, in denen die Schuldfähigkeit zum Zeitpunkt der Tat abgeklärt werden soll. Im Falle des älteren Beschuldigten wird das Gericht ein solches Gutachten einholen lassen, da er schwer kokain- und alkoholabhängig war. Beim Jüngeren dagegen gebe es «keinen ernsthaften Grund, an seiner Schuldfähigkeit zu zweifeln». Das Verfahren gegen die Männer wurde abgetrennt. Über sie wird entschieden, sobald das Gutachten vorliegt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.