Reportage
Unti und Ufzgi über Umwege an den Frauenfelder Schulen

Die Coronakrise verändert den Schulalltag unweigerlich. Sie birgt aber auch Chancen, wie eine Reportage an mehreren Frauenfelder Schulen verschiedenster Altersstufen zeigt. Schulpräsident Andreas Wirth appelliert derweil an die Kantonsbehörde, für eine einheitliche Lösung ab der Öffnung im Mai.

Samuel Koch
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Bild mit Symbolcharakter: Die Stühle stehen ungenutzt auf den Tischen, Lehrer Erwin Koch nutzt die technischen Hilfsmittel.

Bild mit Symbolcharakter: Die Stühle stehen ungenutzt auf den Tischen, Lehrer Erwin Koch nutzt die technischen Hilfsmittel.

(Bild: Donato Caspari)

Plopp. Eine erste Bestätigung. Plopp. – Plopp, und noch einmal: Plopp. Immer rascher folgen akustische Signale auf dem Computer von Miriam Widmer. Dank Emojis deutet die Primarlehrerin im menschenleeren Klassenzimmer im Schulhaus Oberwiesen, ob ihre 19 Fünftklässler zu Hause auf den Bildschirm der Lehrerin sehen. «Jetzt müsst ihr fröhlich sein, wir haben heute Besuch», sagt sie zu ihren Schülern zum Start des frühmorgendlichen Skype-Treffs.

Heute steht Englisch auf dem Programm. «We are fame», töggelet ein Schüler von zu Hause aus in den Klassenchat. «Wir sind berühmt.» – «Jes», schreibt sein Kamerad. «Ja.» Widmer vermag zumindest den Schreibfehler zu korrigieren. «Yes schreibt man mit Y», sagt sie und lacht.

Oberwiesen-Klassenlehrerin Miriam Widmer leitet den Skype-Treff mit den Kindern im Fernunterricht.

Oberwiesen-Klassenlehrerin Miriam Widmer leitet den Skype-Treff mit den Kindern im Fernunterricht.

(Bild: Donato Caspari)

Verhaltensregeln sorgen für beinahe reibungslosen Unterricht

Analog versus digital heisst es in Zeiten von Corona. In Zeiten von landesweit geschlossenen Schulen bis 10.Mai. In Zeiten von verordnetem Fernunterricht, auch in den Schulen der Stadt Frauenfeld. Miriam Widmer sagt:

«Für die Kinder ist es cool, sie sind neugierig und technikaffin.»

Klare Verhaltensregeln sorgen für einen beinahe reibungslosen Unterricht. Ausserhalb von Sprechstunden arbeiten die Schüler für sich und dürfen den Chat wegen der Ablenkungsgefahr nicht nutzen. Für fast alle sind technische Geräte verfügbar, die Kommunikationskanäle funktionieren. Hie und da treten wegen vereinzelter Mikrofonprobleme Verzögerungen auf.

Ein Schüler muss kurz nach Unterrichtstart aufs WC, ein anderer isst währenddessen noch sein Müesli und grinst in die Kamera. Trotzdem ändere sich von der Konzentration her nicht viel, meint Widmer hinter zwei Bildschirmen, mit dem Handy und einem Visualizer auf dem Pult. Vom Lernstoff her bleibt vieles gleich. Hausaufgaben liefern die Schüler neuerdings per Handyfoto ab, im heutigen Fall ein selbst gebasteltes Naturbild. Widmer sagt:

«Einige Hausaufgaben kommen halt nicht zurück, das lässt sich schlecht kontrollieren.»

Am meisten stört sie an der gegenwärtigen Situation, dass ihr die Interaktion mit den Kindern fehlt. An dieser Gefühlslage ändern selbst die digital projizierten Gesichter der Schüler an der Leinwand nichts. «Jetzt habe ich einen Bürojob.»

Gähnende Leere auf sonst so lebhaftem Pausenplatz

Insgesamt gibt es seit Beginn der Krise wohl nicht nur in Frauenfeld einen regen Austausch zwischen den Schulen und Familien, zwischen Lehrpersonen und Eltern. «Wir informieren die Eltern, so gut es geht, und schaffen mit Wochenplänen eine Struktur», sagt Oberwiesen-Schulleiterin Wanda Hartung.

Die Schule muss aber gleichzeitig ihren Pflichten nachkommen, falls für ein Kind Homeschooling aus diversen Gründen nicht möglich ist. An diesem Morgen herrscht auf dem sonst so lebhaften Pausenplatz gähnende Leere. Alleine huscht ein Mädchen mit Schulthek vorbei. Durch die Einsamkeit und durch den fremden Beobachter ist es schüchtern und fast ein wenig peinlich berührt.

Drittklässler Deniz sitzt heute bei Frau Caicedo beim Einzelunterricht. Dank der Einwilligung seiner Eltern darf Deniz hie und da für einzelne Stunden in die Schule kommen. «Viele Schüler haben Geschwister, die ebenfalls Homeschooling machen, oder sie bekommen gar keine Hilfe», sagt Schulleiterin Hartung. Deniz zögert nicht lange auf die Frage, was ihm am meisten fehlt.

«Ich vermisse meine Schulkameraden.»

Hygienevorschriften und Abstandsregeln gelten strikt. Zumindest letztere aber sind leichter ausgesprochen als umgesetzt. Im Kindergarten Zielacker sitzen heute zwar mit genügend Abstand im Kreis nur vier Kinder beim Würfelspiel mit Anja Schmid. Die Kindergärtnerin sagt:

«Wenn ein Kind für eine Umarmung auf mich zukommt, fällt das sogar mir schwer.»

Trotzdem ist das freie Spielen im Kindergarten derzeit verboten. Schmid fokussiert auf Unterricht im Kreis. Carmens Lieblingsfarbe ist Blau. Vom eigenen Wohlbefinden über den Gesundheitszustand der Familie geht das Gespräch bis zu Hobbys. Gloria sagt leise: «Jetzt ist Coronavirus.» Carmen ergänzt schüchtern: «Deshalb ist Emma ja zu Hause.»

Zielacker-Kindergärtnerin Anja Schmid spricht beim Präsenzunterricht mit genügend Abstand zu den vier anwesenden Kindern.

Zielacker-Kindergärtnerin Anja Schmid spricht beim Präsenzunterricht mit genügend Abstand zu den vier anwesenden Kindern.

(Bild: Donato Caspari)

Struktur für alle daheimgebliebenen Kinder gibt es dank einem individuell gestalteten Wochenmäppli mit Pandemieplan und selbsterklärenden Aufgaben. Auf einem Blatt steht etwa eine Anleitung zum Lernen, mit einem Ball zu prellen. «Wir stehen in engem Kontakt mit den Eltern», sagt Schulleiterin Sandra Mosberger.

So würden sie informiert und sensibilisiert, wie Kindern zu Hause handelnd Fähigkeiten beigebracht werden können. «Es braucht gar nicht immer Material aus dem Kindergarten», sagt sie. Denn lernen zu zählen oder zu rechnen könnten Kinder ebenso gut mit Besteck am Esstisch.

Als Aufgabe Kügelibahn im Eigenheim bauen

Ebenso um Essen geht es im digitalen Fernunterricht von Erwin Koch, Oberstufenlehrer an der Sek im Auen. «Heute üben wir Term und Termumformungen», sagt er zu seinen über eine Videokonferenz zugeschalteten Schülern des Mathe-Niveaus E. Anhand von Pasta- und Fischgerichten an fünf Vierertischen üben die Erstsekschüler ihre Ausdrucksweise für mathematische Formeln. Kajsa und Sara diktieren ihrem Lehrer, ehe die Klasse darüber diskutiert.

Auen-Mathelehrer Erwin Koch erklärt seinen über eine Videokonferenz zugeschalteten Schülern Termumformungen.

Auen-Mathelehrer Erwin Koch erklärt seinen über eine Videokonferenz zugeschalteten Schülern Termumformungen.

(Bild: Donato Caspari)

An der Oberstufe zählt man auf Eigendisziplin. Schulleiter Claudio Bernold sagt: «Deshalb haben viele Schüler grosse Schritte gemacht.» Bezogen auf die Technik erlebe die Schule einen Quantensprung. Wenn Probleme auftauchen, stehen Lernbegleiter zur Hilfe. Schwächere Schüler hingegen können in Kleingruppen im Präsenzunterricht erscheinen.

«Unsere Lehrpersonen sind sehr kreativ», sagt Bernold. So hätten Werkenlehrer ihren Schülern für zu Hause Aufträge gegeben, mit vorhandenen Materialien eine Kügelibahn zu basteln. Selbst Prüfungen nehmen die Lehrer ab, mündlich oder schriftlich, zu Hause oder in Kleingruppen. «Für die Schüler ist es schwieriger, sich zu Hause zu konzentrieren», sagt Oberstufenlehrer Christoph Wyler.

Schulpräsident nimmt Kanton in die Pflicht

Ob und wie die Noten für die Schüler zählen, entscheidet der Kanton. Ebenso, was Organisation und Administration anbelangt. «Wir schauen an jeder Schule individuell Woche für Woche», sagt Andreas Wirth, Präsident der Schulen Frauenfeld. Er nimmt das Departement für Erziehung und Kultur (DEK) in die Pflicht. Er sagt:

Andreas Wirth, Präsident Schulen Frauenfeld.

Andreas Wirth, Präsident Schulen Frauenfeld.

(Bild: PD)
«Wir brauchen im Thurgau einheitliche Regeln.»

Für die Schulgemeinden sei es wichtig, wie sie sich nach der Öffnung am 11.Mai organisieren. Er meint:

«Alleingänge schüren nur Unsicherheit, was kontraproduktiv wäre.»

Denn bisher stellt er fest, dass an vielen Schulen hervorragende Arbeit geleistet werde. Das goutieren auch viele Eltern mit positiven Rückmeldungen. «Die Schulen sind Dienstleister und Unterstützer», sagt Wirth, während es im Klassenzimmer von Miriam Widmer wieder tönt. Plopp. – Plopp, plopp, plopp.