Unternehmertum
Asoziale Tretminen, Fuck-up-Nights und Kurt Aeschbacher: Das war der Tag der Frauenfelder Wirtschaft

Professor für Betriebswirtschaftslehre Wolfgang Jenewein am Morgen, Kampfjetpilot Maurice Mattle, Anwältin und Unternehmerin Franziska Tschudi Sauber sowie TV-Mann Kurt Aeschbacher am Abend: Nach einer Einmannshow erlebten die Besucher am diesjährigen Tag der Frauenfelder Wirtschaft eine Podiumsdiskussion mit einem Trio mit unterschiedlichen Zeitempfinden.

Mathias Frei, Samuel Koch
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Spricht auch über die deutsche Fussballnationalmannschaft: HSG-Dozent Wolfgang Jenewein im Frauenfelder Rathaus.

Spricht auch über die deutsche Fussballnationalmannschaft: HSG-Dozent Wolfgang Jenewein im Frauenfelder Rathaus.

Bild: Mathias Frei

Über den Sinn des Lebens sprechen? – Ja, gerne. Aber um 7 Uhr morgens erst nach zwei doppelten Espressi. Die koffeinhaltigen Heissgetränke hätte es aber am morgendlichen Unternehmertalk des Frauenfelder Tag der Wirtschaft gar nicht unbedingt gebraucht. Denn der Betriebswirtschafter Wolfgang Jenewein mit seinem sympathischen bayrischen Dialekt ist schon Erquickung genug für die 200 Wirtschafts-, Politik- und Verwaltungsvertreter im Rathaus.

Während am Mittwochmorgen eine Einmannshow auf dem Programm steht, bestreitet am gleichen Abend ein Trio zum Thema «Zeit – und was sie mit uns macht» ein Podium in den Hallen der Müller Gleisbau AG.

Ein gar nicht zweidimensionaler HSG-Professor

Stadtpräsident Anders Stokholm am Unternehmertalk im Rathaus.

Stadtpräsident Anders Stokholm am Unternehmertalk im Rathaus.

Bild: Mathias Frei

Obwohl es passen würde: Das Amen lässt Stadtpräsident Anders Stokholm zur morgendlichen Begrüssung weg. Er sagt namens der Veranstalter des Tags der Wirtschaft – Stadt, Gewerbeverein sowie Industrie- und Handelsverein:

«In den vergangenen 18 Monaten waren Begegnung und Austausch nur noch zweidimensional.»

Das ändert sich mit Jenewein schnell. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre leitet an der HSG das Institut für Customer Insight (Trendforschung von menschlichem Verhalten). Seine Studierenden fragten, ob sie überhaupt etwas Sinnstiftendes machten. Die Frage nach dem «Purpose» übersetzt Jenewein, dessen Schlucklachen entfernt an Stand-up-Comedian Michael Mittermeier erinnert, mit «wofür» und nicht mit «warum».

Wolfgang Jenewein an der Flipchart.

Wolfgang Jenewein an der Flipchart.

Bild: Mathias Frei

Der HSG-Professor hat schon den DFB beraten betreffend Sinnstiftung der deutschen Fussballnationalmannschaft.

«Wenn Sie Dinge machen, nur um damit Geld zu verdienen, haben Sie gute Chancen, depressiv zu werden.»

Das sagt er und spricht von asozialen Tretminen, vom Flow-Moment und davon, dass der durchschnittliche Schweizer Chef ein Kümmerer sei.

Antworten auf wichtigste Frage des Lebens

Am Abend kümmert sich Barbara Josef vor rund 200 Gästen um ihre Gesprächspartner Maurice Mattle, Kampfjetpilot, Franziska Tschudi Sauber, Anwältin und Unternehmerin, sowie Kurt Aeschbacher, langjähriger SRF-Mann. Die Moderatorin will nichts weniger als Antworten auf die wichtigste Frage des Lebens finden. «Wem schenken wir unsere Zeit?», fragt Josef ins Rund und ergänzt gefolgt von ein paar Lachern: «Ohne jetzt hier eine Selbsthilfegruppe zu veranstalten.»

Illustre Gesprächsrunde in den Hallen der Müller Gleisbau AG: Moderatorin Barbara Josef, Kampfjetpilot Maurice Mattle, Anwältin und Unternehmerin Franziska Tschudi Sauber und der langjährige TV-Mann Kurt Aeschbacher.

Illustre Gesprächsrunde in den Hallen der Müller Gleisbau AG: Moderatorin Barbara Josef, Kampfjetpilot Maurice Mattle, Anwältin und Unternehmerin Franziska Tschudi Sauber und der langjährige TV-Mann Kurt Aeschbacher.

Bild: Samuel Koch

F/A-18-Pilot Mattle beabsichtigt, trotz fortlaufender Digitalisierung mehr bewusst und aktiv zu erleben, statt Erlebtes mit seinem Smartphone festzuhalten. Die wichtigste Frage des Abends beantwortet Aeschbacher so:

«Richtige Freundschaften brauchen Zeit, das ist mir während der Coronapandemie so richtig bewusst geworden.»

Und Tschudi Sauber will sich so richtig Zeit nehmen, um raus zu gehen und Sport zu treiben. «Das fehlt mir», sagt sie.

Der rund anderthalbstündige Anlass, der mit Begrüssungsworten von IHF-Präsident Pablo Moirón beginnt, auf eine Zeitreise mit Stefan Müller übers 50-jährige Bestehen der Müller Gleisbau AG geht und mit Ghackets, Hörnli und Apfelmus endet, dreht sich auch um Zeitsprünge, Chancen und Eigenschaften, die es für den Erfolg braucht. Für Aeschbacher gehören nebst einem Plan zwei weitere Dinge dazu: «Es braucht Neugier und Leidenschaft, das ist Unternehmertum für mich.» Mühe mit dem Wort Intuition hat Tschudi Sauber ebenso wie mit dem Schweizer Umgang mit Fehlern. «Man darf Fehler machen und darüber reden», sagt sie. Sogenannte Fuck-up-Nights kennt Mattle zwar nicht. Trotzdem sagt er: «Wir müssen Fehlermachen trainieren und sie den Leuten mitteilen.»

Co-Gastgeber Stefan Müller erzählt über die 50-jährige Geschichte seiner Müller Gleisbau AG.

Co-Gastgeber Stefan Müller erzählt über die 50-jährige Geschichte seiner Müller Gleisbau AG.

Bild: Samuel Koch

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