Ungenutztes Unikum: In Schlatt steht ein stillgelegter Liftturm

Er besteht lediglich aus Liftschacht und Treppenhaus: Der Liftturm in Neuparadies bei Schlatt. Bis 2001 testeten hier zwei Firmen ihre Aufzüge. Die Denkmalpflege will ihn unter Schutz stellen, die Gemeinde nicht.

Rahel Haag
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Seit 2001 ist der 45 Meter hohe Liftturm in Schlatt schon ausser Betrieb. (Bild: Andrea Stalder)

Seit 2001 ist der 45 Meter hohe Liftturm in Schlatt schon ausser Betrieb. (Bild: Andrea Stalder)

45 Meter ist er hoch. Der Liftturm in Neuparadies bei Schlatt hat eigentlich schon lange ausgedient. Vor 18 Jahren wurde hier der letzte Aufzug getestet. Verschwinden soll er trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil: Das Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau hat ihn als wertvoll eingestuft und eine Unterschutzstellung des schlanken Hünen beantragt.

Erbaut wurde der Liftturm um 1955. Vermutlich vom Architekten Hans Wanner aus Schaffhausen, wie es im Hinweisinventar des Amts für Denkmalpflege heisst. Seither testeten hier zuerst die Aufzüge AG Schaffhausen und später die Firma Schindler ihre im Haus entwickelten Lifte. Der unterdessen zum ungewöhnlichen Wahrzeichen des Gewerbezentrums Paradies avancierte Turm, besteht lediglich aus Liftschacht und Treppenhaus – die Gebäudehülle fehlt.

Mehrkosten für die Gemeinde

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Liftturm etwas Besonderes ist. Doch er hat ein Problem: Man findet keine Verwendung für ihn. Deshalb ist auch die Gemeinde Schlatt von der Idee, den Turm unter Schutz zu stellen, nicht sonderlich begeistert.

«Für uns würde das zusätzliche Kosten bedeuten»
Marianna Frei, Gemeindepräsidentin. (Bild: Rahel Haag)

Marianna Frei, Gemeindepräsidentin. (Bild: Rahel Haag)

sagt Gemeindepräsidentin Marianna Frei. Für Renovationen oder Sanierungen müsste die Gemeinde im Fall einer Unterschutzstellung künftig 10 Prozent der anrechenbaren Kosten übernehmen. Diese Verantwortung trage man bereits für das Kloster Paradies. Hierfür würden beinahe jährlich Kosten anfallen. «Industriegeschichtlich mag der Liftturm einzigartig sein», sagt Frei, «aber man muss auch die finanzielle Seite bedenken.»

Dennoch hält Frei fest, dass die Gemeinde nicht grundsätzlich dagegen sei, den Turm unter Schutz zu stellen:

«Sollte er sinnvoll genutzt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können, wären wir bereit, einer Unterschutzstellung zuzustimmen.»

2011 war die Idee aufgekommen, auf der Spitze des Liftturms ein Café einzurichten. Es hatte sich aber gezeigt, dass die Platzverhältnisse zu knapp sind. Oben im Turm befindet sich nur ein sehr enger Raum. Auch eine Nutzung als Aussichtsturm kommt nicht in Frage. Die Aussenplattform verfügt über kein Geländer und ist deshalb nicht begehbar.

Obwohl der Turm nutzlos zu sein scheint, hält Frei fest: «Aktuell besteht keine Gefahr, dass der Turm abgebrochen wird.» Das Unternehmerehepaar Jsabel und Stefan Ulrich, das 2002 einen Teil des Areals des ehemaligen Liftkonzerns Schindler gekauft hat, habe nicht vor, den Turm abbrechen zu lassen.

Die Gemeinde auf der anderen Seite will sich im kommenden Jahr im Rahmen der Ortsplanungsrevision nochmals mit dem Turm und der Frage nach dessen Unterschutzstellung beschäftigen. «Dann werden wir über den Schutzplan diskutieren», sagt Frei. Bis dahin bleibt der Schutzentscheid pendent.

Bauwerk von Originalität und Einmaligkeit

Ruedi Elser, kantonaler Denkmalpfleger, bedauert, dass die Gemeinde in dieser Sache noch keinen Entscheid gefällt hat. Denn das Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau kann zwar eine Unterschutzstellung beantragen, der Entscheid liegt anschliessend aber bei der Standortgemeinde.

Zu den Gründen für den Antrag sagte Elser gegenüber dem «Tages-Anzeiger», dass es sich beim Liftturm in Schlatt um eine landschaftlich prägende Landmark und ein industrie- sowie baugeschichtlich bedeutendes Bauwerk von grosser Originalität und Einmaligkeit handle.

Der Liftturm, der hier bereits seit 64 Jahren in der Landschaft steht, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. 1951, noch vor seiner Erbauung, hatten drei ehemalige Angestellte des Unternehmens Schindler ihre eigene Firma namens SPB gegründet. Die Abkürzung bestand aus den ersten Buchstaben der drei Familiennamen – Schär, Peter und Bühler.

Die Eigenständigkeit war aber nur von kurzer Dauer. Bereits 1955 ging die Firma an die Aufzüge AG Schaffhausen über, die in Schlatt den Liftturm errichten liess und dort ihre Aufzüge testete sowie zur Einsatzreife brachte. In den 1970er-Jahren wurde die Aufzüge AG Schaffhausen eine Tochtergesellschaft des Konzerns Schindler.

46 Angestellte verloren ihre Arbeit

In Schlatt wurden zwei Produktelinien gefertigt: Kleingüteraufzüge der AS Aufzüge AG und das Aufzugssystem Schindler Mobile. Im Januar 2001 teilte der Schindler-Konzern mit, dass das Werk in Schlatt per Ende September stillgelegt wird. Das Geschäft mit den Kleingüteraufzügen sei zu klein und verlustreich.

Zudem belaste die Nischenproduktion die Kernaktivitäten des Schindler-Konzerns, hiess es damals. Insgesamt verloren 46 Beschäftigte ihre Arbeit. Die Stilllegung wurde mit den weltweiten Überkapazitäten in der Aufzugsbranche, dem Preisdruck und der raschen Innovationsfolge begründet.

Im November 2002 kaufte das Ehepaar Ulrich 17'000 Quadratmeter der überbauten Parzelle und gründete das Gewerbezentrum Paradies. Das Ziel der Ulrichs war, die Räume und Mietflächen für verschiedenste Branchen und Unternehmensgrössen zur Verfügung zu stellen. «Der weithin sichtbare Turm soll als gemeinsamer Werbeträger dienen», sagte Stefan Ulrich nach dem Kauf gegenüber unserer Zeitung.