Unfälle, Unglücke und Unauffindbare auf dem Rhein: Behörden reagieren, reissen mehrere Schifffahrtszeichen aus und setzen auf neue Versuchsboje sowie auf Prävention

Auf dem Hochrhein zwischen Eschenz und Schaffhausen haben die Behörden fünf Schifffahrtszeichen – sogenannte Wiffen – entfernt. Sie investieren in die Sicherheit aller Freizeitkapitäne, teils auch mit Provokationen. Gummiboots-Touren sind während der Coronakrise indes nicht verboten.

Samuel Koch
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Mit Sondervorrichtung geht es der Wiffe 79 beim Rheinhölzle unterhalb Diessenhofens an den Kragen.

Mit Sondervorrichtung geht es der Wiffe 79 beim Rheinhölzle unterhalb Diessenhofens an den Kragen.

(Bild: PD/Eclipse Studio)

Die Liste der Zwischenfälle ist lang. In den vergangenen Jahren mussten Beamte der Seepolizei Thurgau oder ihre Schaffhauser Kollegen auf dem Hochrhein zwischen Eschenz und Schaffhausen etliche Male ausrücken, gekenterte Boote in Sicherheit bringen, nach vermissten Freizeitkapitänen suchen oder gar tödlich verunglückte Personen aus dem Wasser bergen.

Jetzt reagieren die involvierten Behörden zusammen mit der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) und ergreifen umfassende Massnahmen zu Gunsten der Verkehrssicherheit aller im und auf dem Rhein.

 Marcel Kuhn, Dienstchef der Seepolizei Thurgau.

 Marcel Kuhn, Dienstchef der Seepolizei Thurgau.

(Bild: PD)

Denn in den vergangenen Jahren hat die Anzahl von Schwimmern und Freizeitbooten im tückischen Hochrhein mit Gefahren wie Untiefen, Hindernissen und Strömungen stark zugenommen. Marcel Kuhn sagt:

«Mit dem Anstieg der Nutzung ist auch die Wahrscheinlichkeit für Unfälle grösser geworden.»

Der Dienstchef der Thurgauer Seepolizei muss es wissen, war er doch schon vor 15 Jahren als Seepolizist in Diessenhofen stationiert. Klar habe es mehr Leute im und auf dem Rhein als früher. Den grössten Unterschied jedoch sieht Kuhn in den fehlenden Kenntnissen für Gefahren. Er sagt:

«Früher nutzten den Rhein nur Ansässige, die sich auskennen.»

Heute sei das anders, Leute strömten an heissen Sommertagen von überall in und auf den Hochrhein. Kuhn stellt einen Vergleich an: Es sei, wie wenn Touristen mit Turnschuhen aufs Matterhorn steigen würden.

Experten und Kapitäne der URh geben grünes Licht

Als erste Massnahmen haben Schiffsbauer 5 der insgesamt 50 Schifffahrtszeichen auf dem Hochrheinabschnitt entfernt. Die im Grund eingeschlagenen Eichenpfähle mit grünweissen Tafeln – sogenannte Wiffen – weisen Kapitänen der URh sowie Freizeitkapitänen seit jeher den Weg vorbei an Hindernissen wie grösseren Kiesbänken.

Die Schiffsbauer sind unterwegs zur Wiffe 79.

Die Schiffsbauer sind unterwegs zur Wiffe 79.

(Bild: PDEclipse Studio)

«Wir haben in Absprache mit allen Experten und Kapitänen der URh in einer Risikoabwägung beurteilt, auf welche Wiffen wir verzichten können», sagt Dino Giuliani, Kantonsingenieur des Schaffhauser Tiefbauamtes, das gemäss internationalem Staatsvertrag aus den 1970er-Jahren auf der Hochrheinstrecke für die Signalisation verantwortlich zeichnet. URh-Geschäftsführer Remo Rey sagt:

Remo Rey, Geschäftsführer Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) .

Remo Rey, Geschäftsführer Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) .

(Bild: Donato Caspari)
«Wir haben intern diskutiert und geschaut, welche Wiffen die Kapitäne nicht zwingend benötigen.»

Diese Empfehlungen an die Behörden hätten schliesslich alle Kapitäne der URh gemeinsam getragen, wie Rey ergänzt. Seit dieser Woche gehören also fünf Wiffen mit folgenden Nummern und Kennzeichnungen der Vergangenheit an:

  • Nummer 41: Unterhalb z’Hose, Stein am Rhein,
  • Nummer 47: unterhalb Brücke Hemishofen,
  • Nummer 71: Kapelle Obergailingen,
  • Nummer 73: Rheinsäge Diessenhofen,
  • Nummer 79: Rheinhölzle Büsingen.

Die Reduktion um eine weitere Wiffe (53, oberhalb Rheinklingen) steht derzeit noch zur Diskussion, weil wegen Hindernissen am Grund weitere Abklärungen notwendig sind. «Dort müssen wir Findlinge beziehungsweise Felsbrocken zuerst ins tiefe Wasser versetzen, bevor die Wiffe entfernt werden kann», sagt Giuliani. Deshalb lassen die Behörden diese Wiffe voraussichtlich erst im nächsten Winter ausreissen.

Boje vom Niederrhein und neue Präventionskampagne

Auf die Saison 2021 hin kehrt für mindestens zwei Jahre eine Versuchsboje zurück auf den Rhein. Dabei handelt es sich um ein schwimmendes und mit einer Kette am Grund befestigtes Zeichen mit weissgrünem und reflektierenden Signal, wie es auch auf dem deutschen Oberrhein bei Mannheim und Mainz vorkommt.

Versuchsboje, wie sich auch am Standort der Wiffe 66 beim Schupfen Diessenhofen getestet werden soll.

Versuchsboje, wie sich auch am Standort der Wiffe 66 beim Schupfen Diessenhofen getestet werden soll.

(Bild. PD)

«Für die Prüfung der Praxistauglichkeit bei den unterschiedlichen Wasserständen und Abflussmengen braucht es Zeit», sagt Giuliani. Eine Versuchsphase mit einer drehbaren Wiffe in Diessenhofen endete erfolglos. Giuliani sagt:

«Die Frage ist, ob Bojen überhaupt praxistauglich sind und zu welchen neuen Gefahren sie führen können.»
Die Versuchsphase mit der drehbaren Wiffe ist erfolgloser Phase wieder abgebrochen worden.

Die Versuchsphase mit der drehbaren Wiffe ist erfolgloser Phase wieder abgebrochen worden.

(Bild: PD)

Eine gespannte Kette kann für Schwimmer eine erhebliche Gefahr darstellen. Die Versuchsboje wird erneut beim Restaurant Schupfen (Wiffe 66) aufgestellt. Die Behörden werfen für die ganzen Arbeiten einen tiefen fünfstelligen Betrag auf, den die Kantone Thurgau, Schaffhausen sowie der Landkreis Konstanz brüderlich teilen.

Die Polizeikorps im Thurgau und in Schaffhausen teilen sich die Kosten für eine neue Präventionskampagne. «Wir haben viele Massnahmen im Köcher, wollen für genügende Wirkung aber noch nicht zu viel verraten», sagt Marcel Kuhn und erwähnt als Beispiel die Aktion «Keine Haie im Rhein» von vor sechs Jahren. Kuhn meint, dass die Behörden mit einzelnen Aktionen auch für Kopfschütteln sorgen werden.

«Wiffen küsst man nicht»: Mögliches Plakat mit provokanter Aufschrift.

«Wiffen küsst man nicht»: Mögliches Plakat mit provokanter Aufschrift.

(Bild: PD)

Es sei aber einzig und allein das Ziel, Aufmerksamkeit zu erzeugen, um vor den Gefahren des Rheins zu warnen. Denn eines ist für Kuhn trotz allen jetzt getroffenen Massnahmen und dem Aufruf für Selbstverantwortung sicher:

«Unfälle wird es immer geben. Aber wir wollen versuchen, die Anzahl auf ein Minimum zu reduzieren.»
Kommentar

Eigenverantwortung als oberstes Gebot

Auf dem Hochrhein kommt es immer wieder zu Unfällen, wie zuletzt mit tödlichem Ausgang. Ob motorisiert oder nicht: Freizeitkapitäne müssen sich vor einem Gang aufs Fliessgewässer mit den zahlreichen Gefahrenstellen richtig informieren und entsprechend vorbereiten.
Samuel Koch

An den Schifffahrtszeichen auf dem Hochrhein scheiden sich nach einem tödlichen Unfall die Geister

In diesem Jahr haben sich auf der Hochrheinstrecke zwischen Öhningen und Büsingen zahlreiche Unfälle ereignet. Häufiger Grund für die Zwischenfälle waren die 50 grün-weissen Schifffahrtszeichen, welche motorisierten Gefährten den Weg vorbei an Untiefen und Steinen weisen. Als Folge einer Kollision mit einer sogenannten Wiffe verlor zuletzt ein 25-Jähriger sein Leben.
Samuel Koch