Interview

Steckborns Kandidaten fürs Stadtpräsidium sind auch uneins, zum Beispiel im Glauben

Die verleibenden Anwärter fürs Stadtpräsidium Markus Kuhn und Roman Pulfer gehen respektvoll miteinander um, haben aber auch klare Meinungsverschiedenheiten. Am 17. März entscheiden die Wähler.

Interview: Samuel Koch
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Wer punktet bei den Wählern mehr, Markus Kuhn (parteilos) oder Roman Pulfer (FDP)? (Bild: Andrea Stalder)

Wer punktet bei den Wählern mehr, Markus Kuhn (parteilos) oder Roman Pulfer (FDP)? (Bild: Andrea Stalder)

Was steht zum Legislaturstart am 3. Juni in Ihrer Agenda?

Markus Kuhn: Noch ist offen, was ich an diesem Tag genau mache. Reserviert ist er jedenfalls. Entweder unterrichte ich weiter meine Schüler oder ich amte als neuer Stadtpräsident.

Roman Pulfer: Der Platz in meiner Agenda ist frei. Die langfristige Ferienplanung habe ich aber bewusst offengelassen.

Wie lässt sich die berufliche Unsicherheit steuern?

Pulfer: Den Grossteil meiner Mandate kann ich entweder selbst abschliessen oder Kollegen übergeben. Ein paar wenige Mandate müsste ich aber nach Amtsantritt noch zu Ende bringen.

Kuhn: Niemand von uns weiss, wie es im Juni weitergeht. Bei der Schule ist jedenfalls eine Stellvertretung von Anfang Juni bis zu den Sommerferien aufgegleist.

Die Wähler wissen schon sehr viel über Sie. Haben Sie keine Geheimnisse?

Kuhn: Viele fragen uns, ob wir keine Kinder wollen.

Wir hätten sehr gerne Kinder, aber das ist vermutlich aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich.

Dafür haben wir Zeit für andere Mandate, um uns in der Gesellschaft einzusetzen.

Pulfer: Geheimnisse habe ich keine. Viele haben sich aber gefragt, ob ich nach Steckborn zöge.

Sind Sie auf Wohnungssuche?

Pulfer: Konkret nicht. Ich schaue mich eher aus generellem Interesse am Wohnungsmarkt um. Ich würde aber sehr gerne von Gesetzes wegen als Stadtpräsident an den Untersee ziehen müssen.

Giftpfeile blieben im Wahlkampf bisher aus. Warum?

Pulfer: Für uns war von Anfang an klar, dass wir einen fairen Wahlkampf wollen und nicht darauf abzielen, persönliche Angriffe zu starten.

Kuhn: Mir geht es genauso.

Herr Kuhn, wäre es für Sie ein Vorteil, wenn Ihre Schüler auch wählen gehen könnten?

Kuhn: Einige würden mich sicher nie wählen, weil sie mich viel lieber als Lehrer behalten. (lacht) Aber sicher gibt es hie und da Auseinandersetzungen. Das ist nichts als normal.

Gibt es Themen, bei welchen Sie beide völlig unterschiedlicher Meinung sind?

Pulfer: Obwohl wir uns gar nicht so gut kennen, verstehen wir uns gut. Beim Glauben sind wir aber sicherlich anderer Auffassung.

Kuhn: Wir sind menschlich auf ähnlicher Ebene und wollen beide Volksvertreter sein. Beim Bauwesen würde ich lieber etwas bremsen, gerade beim Thema Ortsplanungsrevision.

Das heisst, Sie wollen kein Wachstum für Steckborn, Herr Kuhn?

Kuhn: Doch. Aber das Raumplanungsgesetz des Bundes gibt uns vor, dass wir verdichtet bauen. Wir haben einige leerstehende Wohnungen, und es stehen mit Biax, Woba oder Scheitingerwiese zusätzliche Wohnbauten an.

Pulfer: Ich finde wichtig, dass das Ortsbild erhalten bleibt. Gleichzeitig haben wir ein Bevölkerungswachstum, und man sollte neuen Wohnraum nicht per se verhindern.

Bauherren haben zudem Anspruch darauf, auf ihrem Bauland tätig zu werden.

Ganz entscheidend ist deshalb, dass die Stadt mit allen Mitteln auf eine qualitativ hochwertige Bautätigkeit hinwirkt.

Zum Glauben: Sind Sie wegen Ihres Engagements in der Chrischona angefeindet worden, Herr Kuhn?

Kuhn: Ich wollte von Anfang an nicht verbergen, dass ich in einer Freikirche bin. Ich spüre deshalb in der Öffentlichkeit eine gewisse Unsicherheit. Ich habe aber auch eine Verantwortung und nutze meinen Beruf zum Beispiel nie im Leben zum Missionieren aus.

Mir ist es wichtig, dass ich die Religion als höhere Macht für meine persönliche Lebenshaltung habe.

Pulfer: Ich respektiere jede Glaubensrichtung. In einem öffentlichen Amt wie als Stadtpräsident haben religiöse Überzeugungen aber keinen Platz.

Glauben Sie, dass Religion Einfluss auf politische Entscheide haben kann?

Pulfer: Ich kann diese Befürchtungen der Stimmberechtigten nachvollziehen. Nur schon das Gefühl einer möglichen Ungleichbehandlung kann politische Entscheide schwächen. Das darf nicht passieren.

Kuhn: Glaube lebt, selbst als Atheist. Somit beeinflusst Religion jede und jeden von uns. Ich würde mich zum Beispiel nicht dafür einsetzen, dass gleichgeschlechtliche Partner heiraten und Kinder adoptieren dürfen.

Pulfer: Diese Frage wird ja ohnehin in Bern und nicht in Steckborn entschieden. Zum Beispiel bei familienergänzenden Tagesstrukturen kann aber ein religiös-konservatives Familienbild grossen Einfluss haben.

Herr Kuhn, Sie propagieren ein traditionelles Familienbild.

Kuhn: Ja, aber familienunterstützende Institutionen würde ich nie blockieren. Ich sehe einfach in meiner Arbeit als Lehrer, dass wir Schweizer durch unsere Offenheit unsere Kultur und unsere Werte nicht verlieren sollten.

Wie meinen Sie das?

Kuhn: Wir dürfen kein Vakuum schaffen, dass andere Kulturen ihre Werte bei uns einführen.

Da dürfen wir uns nicht überrennen lassen und müssen mit Integration dagegenhalten und eine klare Stellung beziehen.

Pulfer: Es braucht gesellschaftliche Normen und Werte als Leitplanken der Integration. Ein gewisses Mass an Offenheit gehört auch dazu. Gesellschaftlicher Wandel heisst nicht gleichzeitig Verlust der eigenen Kultur und Werte.

Wie buhlen Sie in den nächsten Tagen noch um zusätzliche Stimmen?

Pulfer: Ich setze weiterhin auf persönliche Gespräche, um die noch unschlüssigen Stimmberechtigten zu überzeugen.

Kuhn: Ich beurteile den Wahlkampf als sehr anständig. Vielleicht verhalten sich die Wähler auch deshalb zurückhaltend.

Pulfer: Es ist eine klassische Personenwahl. Der Kandidat muss als Mensch überzeugen.

Das heisst, die Parteizugehörigkeit ist nicht entscheidend?

Pulfer: In Steckborn wird sicher weniger nur nach Partei gewählt als etwa in Frauenfeld. Es geht primär darum, möglichst viele Leute kennen zu lernen.

Das heisst, Sie hätten es auch ohne FDP im Rücken in den zweiten Wahlgang geschafft?

Pulfer: Wahrscheinlich nicht. Als Auswärtiger war die Unterstützung der Partei entscheidend, um überhaupt ins Rennen zu kommen und erste Kontakte zu knüpfen. Finanziell hatte die Parteizugehörigkeit dagegen keinen Einfluss, weil ich meinen Wahlkampf selbst finanziere.

Kuhn: Meiner Meinung nach hat Roman Pulfer mit seiner Offenheit und seiner proaktiven Art zu Recht gepunktet.

Eine Parteizugehörigkeit hat sicher Vor- und Nachteile.

Einerseits kann ich ohne Partei im Rücken sofort und autonom anpacken, was für mich im Zentrum steht. Andererseits bin ich alleine. Ein grosser Nachteil kann die Parteilosigkeit aber nicht sein, sonst hätte ich ohne Wahlplakate nicht so viele Stimmen holen können.

Herr Pulfer, Sie haben die Unterstützung von CVP und SVP. Ist das Ihr Freifahrtsschein ins Stadtpräsidium?

Pulfer: Nein. Aber sie ist ein Vertrauensbeweis und zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

In der SP ist man sich uneins.

Kuhn: Dass eine Ortspartei dazu aufruft, leere Wahlzettel einzulegen, finde ich problematisch.

Pulfer: Die von der SP beschlossene Stimmfreigabe war keine Überraschung. Aber ich hätte mich natürlich gefreut, wenn wir uns den Parteimitgliedern hätten vorstellen dürfen, bevor der Entscheid gefällt wird.

Angenommen, Sie gewinnen die Wahl. Was nehmen Sie als erstes in Angriff?

Pulfer: Für mich stünden zuerst Gespräche mit allen Führungspersonen in der Stadtverwaltung im Zentrum, um mir ein Bild über alle laufenden Projekten zu machen. Schnellschüsse sind nicht mein Ding.

Kuhn: Das sehe ich ebenso. Das heisst, dass ich die aktuellen Aufgaben aller Mitarbeitenden kennen lernen würde.

Was war Ihr Berufswunsch, als Sie 10 Jahre alt waren?

Kuhn: Kapitän.

Pulfer: Mich interessierten viele Berufe, was auch heute noch so ist. Sicher ist, dass es damals noch nicht Rechtsanwalt war.

Mit wem würden Sie gerne für einen Tag tauschen?

Kuhn: Ein Tag als Bundesrat hätte sicher seinen Reiz.

Pulfer: Der Tausch mit einem Hüttenwart einer Berghütte wäre sicher weit oben auf meiner Liste.