Unbekannte Geschichte
Ernst Stuber: Der Mann, der das Frauenfelder Kantonsspital auf den Berg brachte – und einen regierungsrätlichen Zusammenschiss dafür kassierte

Das Bettenhochhaus des Kantonsspitals in Huben verschwindet mit der Zeit. Dass das Spital überhaupt in Frauenfelder Hochlagen gebaut wurde, dafür ist ein ehemaliger, mittlerweile verstorbener Spitalverwalter verantwortlich. Mit Konrad Wohnlich erinnert sich ein beruflicher Wegbegleiter.

Mathias Frei
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Kantonsspital Frauenfeld: Abbruch des Bettenhochhauses in luftiger Höhe.

Kantonsspital Frauenfeld: Abbruch des Bettenhochhauses in luftiger Höhe.

Bild: Andrea Stalder

Das wäre heute wohl nicht mehr möglich. Was Ernst Stuber vor knapp 60 Jahren quasi im Alleingang durchgezogen hat, würde heute zur veritablen Politposse werden. Da würden Köpfe rollen. Stuber (1917 bis 1993) sei Dank, steht das Frauenfelder Kantonsspital heute in Huben. Der langjährige Frauenfelder Spitalverwalter riskierte zwar Kopf und Kragen – und kassierte einen förmlichen Zusammenschiss des Regierungsrats in Form eines Missivs.

Ernst Stuber (1917 bis 1993).

Ernst Stuber (1917 bis 1993).

Bild: PD

Im Brief, datiert auf den 25. Juni 1962 und unterzeichnet von Vizepräsident Regierungsrat Walter Ballmoos, aber ohne jedwelche Anrede, ist von «unqualifiziertem Vorgehen», einer «kaum heilbaren Störung des Vertrauensverhältnisses» und auch «Quertreiberei» die Rede. Bei Stubers Pensionierung 1982 waren die Wogen aber wieder geglättet. Der damals amtierende Gesundheitsvorsteher Dr. Arthur Haffter zitierte bei Stubers Abschiedsfest zum allgemeinen Gelächter aus dem Missiv.

Konrad Wohnlich, von 1976 bis 1991 Departementssekretär des damaligen Sanitäts- und Erziehungsdepartements des Kantons Thurgau, hatte beruflich ein gutes Einvernehmen mit Stuber.

«Ich habe gern mit ihm zusammengearbeitet. Er war ein vorsichtiger Mensch, konnte aber auch schon mal aufbrausend sein.»

Der Politikwissenschafter Wohnlich, der selber unweit des Spitals wohnt, hat sich aus aktuellem Anlass – dem Abbruch des Bettenhochhauses – eingehend mit der Causa Ernst Stuber befasst und dabei auch mittlerweile freigegebene Dokumente im Thurgauer Staatsarchiv begutachtet.

Spitalplanung litt lange unter Thurgauer Regionalpolitik

Konrad Wohnlich.

Konrad Wohnlich.

Bild: Mathias Frei

Die Geschichte des thurgauischen Spitalwesens im 20. Jahrhundert sei gepflästert gewesen von Planungen, die regelmässig durch die Regionalisierung des Kantons und den damit verbundenen Bedingtheiten gescheitert oder geglückt waren. Das erklärt Wohnlich, der 1976 eine weit fortgeschrittene Dissertation zur Spitalplanung im Thurgau und im Aargau zu Gunsten seines Stellenantritts beim Kanton aufgab.

1958 wurde Stuber Verwalter des seit 1951 als Kantonsspital geltenden Betriebs, der sich an der Zürcherstrasse befand, wo heute das Alterszentrum Park steht. Obwohl 1959 der dringendst notwendige Ausbau des Frauenfelder Spitals vom Thurgauer Stimmvolk bachab geschickt wurde, blieb zumindest im Grossen Rat und im Regierungsrat die Meinung mehrheitsfähig, die beiden Spitäler in Frauenfeld und Münsterlingen zu sanieren und eben kein Zentralspital in Weinfelden zu errichten.

Februar 2021: Das Bettenhochhaus befindet sich im Rückbau.

Februar 2021: Das Bettenhochhaus befindet sich im Rückbau.

Bild: Andrea Stalder

1962 unterbreitete der Regierungsrat dem Parlament eine neue Botschaft, die aber grosso modo der drei Jahre zuvor abgelehnten Vorlage entsprach. So liest man im Thurgauer Jahrbuch 1994 in Stubers Nachruf. Geplant war demnach ein «Umbau/Ausbau des völlig überalterten Gebäudes auf dem zu kleinen alten Areal». Nun kam Stubers Stunde. Wohnlich sagt:

«Er führte in Huben aus eigener Initiative und ohne Rücksprache Vorgespräche mit Grundeigentümern, die später in Kaufrechtsverträgen mündeten.»

Stubers Beweggründe seien ihm nicht durchsichtig gewesen, sagt Wohnlich. Es sei kolportiert worden, dass ein Teil des Landes entfernten Verwandten Stubers gehört habe. Persönliche Vorteilnahme schliesst Wohnlich aber aus.

Hausbesuche mit Spitalambulanzfahrer

Juni 2020: Im Rahmen der «Night Of Light» ist das Bettenhochhaus rot beleuchtet.

Juni 2020: Im Rahmen der «Night Of Light» ist das Bettenhochhaus rot beleuchtet.

Bild: Andrea Stalder

Stuber sah es als Mission an, das Spital auf den Berg zu bringen. So verfasste er im Mai 1962 eine Stellungnahme zuhanden der grossrätlichen Spitalbaukommission. Einzelnen Kantonsräten stattete er sogar einen Besuch daheim ab, «um diese zu bekehren», wie Wohnlich meint. Dazu gibt es eine Anekdote, die der alt Spitaldirektor und Chefarzt Dr. Roger Gonzenbach – und damit 1962 Stubers Vorgesetzter – in seiner «Spitalchronik Frauenfeld 1897 bis 1997» festhält. Weil Stuber kein Auto besass, musste ihn sein späterer Vize, Hans Kappeler, fahren. Dieser hatte aber erst den Lernfahrausweis. Deshalb musste bei den Hausbesuchen bei den Kantonsräten immer auch Spitalambulanzfahrer Walter Zimmermann als Aufpasser mit im Auto sitzen.

Das von Stuber sehr hartnäckig verfolgte private Vorhaben beunruhigte und verärgerte den Regierungsrat und den Frauenfelder Stadtrat. Man befürchtete durch die Verzögerung der Planungen sogar eine Gefährdung des Spitalstandorts Frauenfeld. Letztlich schwenkten die grossrätliche Kommission, der Grosse Rat und auch der Regierungsrat sowie der Stadtrat auf den neuen Standort Huben um. 1963 bewilligte das Thurgauer Stimmvolk den Planungskredit für das neue Kantonsspital in Huben, drei Jahre später kam auch der Baukredit durch. Im Oktober 1974 wurde der Neubau in Betrieb genommen.

Januar 2020: der Kantonsspital-Neubau (links) neben dem alten Bettenhochhaus.

Januar 2020: der Kantonsspital-Neubau (links) neben dem alten Bettenhochhaus.

Bild: Donato Caspari

«Ein noch nie dagewesenes illoyales Verhalten»

Stubers Mission war also geglückt. Wie Wohnlich treffend feststellt, hatte dieser aber als Chefbeamte «ein noch nie da gewesenes illoyales Verhalten» an den Tag gelegt.

«Das konnte durch den Regierungsrat nicht einfach so hingenommen werden.»

Daraus resultierte dann das besagte Missiv. Wohnlich zeigt rückblickend Verständnis für die darin zur Anwendung gekommene «ausserordentlich markante Sprache». Denn Stuber hatte zuhanden der grossrätlichen Spitalbaukommission die Äusserungen des Regierungsrats als «nicht objektiv», «dilettantisch» und als «ein Machwerk, das niemand ernst nehmen konnte», disqualifiziert. Starker Tobak also.

Walter Ballmoos, Thurgauer Regierungsrat von 1959 bis 1975.

Walter Ballmoos, Thurgauer Regierungsrat von 1959 bis 1975.

Bild: PD

«Die Kantonsregierung sieht sich genötigt, Ihnen ihre Enttäuschung über das von Ihnen gewählte Vorgehen mitzuteilen», heisst es im Missiv. Glücklicherweise könne man sich keines Falles erinnern, «in welchem sich ein Chefbeamter der Kantonsregierung gegenüber einem derart unqualifizierbaren Vorgehen bedient hätte». Beanstandet wird auch der «Ton von Stubers Bemerkungen». Und weiter: «Die Form, die Sie für eine Auseinandersetzung mit Ihrer vorgesetzten Wahlbehörde glaubten, wählen zu dürfen, wirkt als ein Rückenschuss.»

Ernst Stuber, Bauernsohn aus Hüttlingen, hat, wie schon bekannt, diese Schelte beruflich überlebt. In seinem Nachruf im Thurgauer Jahrbuch 1994 liest man: «Er zeigte, wie auch heute noch ein einzelner Mann, getragen von einer grossen klaren Idee, mit hohem persönlichen Mut scheinbar Endgültiges entscheidend zu ändern vermag, zum Wohl einer breiten Öffentlichkeit.»