Üble Nachrede
«Jetzt muss ich Schweizer dir Jugo zeigen, wie man eine Türe aufmacht»: Wieso das Bezirksgericht Frauenfeld einen Beschuldigten trotz dieser Worte gegenüber einem Mitarbeiter freispricht

Das Bezirksgericht Frauenfeld spricht einen 51-jährigen Schweizer der üblen Nachrede frei, der seinen nordmazedonischen Mitarbeiter in der Ehre verletzt hat.

Samuel Koch
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Der Eingang zum Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse 237a.

Der Eingang zum Bezirksgericht Frauenfeld an der Zürcherstrasse 237a.

Bild: Reto Martin

«Jetzt muss ich Schweizer dir Jugo zeigen, wie man eine Tür aufmacht.» Wegen dieser Aussage hat sich Anfang dieser Woche ein 51-Jähriger aus dem Hinterthurgau vor den Richtern des Bezirksgerichts Frauenfeld wiedergefunden. Zur Verhandlung wegen übler Nachrede ist es überhaupt erst gekommen, nachdem der Beschuldigte gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Einsprache erhob.

Als «saloppen Spruch, der aus einem Witz heraus entstanden ist». So bezeichnet der Mann vor Gericht seine Aussage von Dezember 2018. Kurz vor Feierabend lässt er sich beim Tor zum Lager eines landwirtschaftlichen Verkaufsbetriebes in der Region zu diesem Satz hinreissen, «obwohl er wusste, dass er mit dieser Aussage den nordmazedonischen Staatsangehörigen in seiner Ehre verletzen wird».

So steht es im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft. «Das hätte ich nicht von dir erwartet», erwiderte der ausländische Mitarbeitende im Beisein eines Zeugen. Erst dann habe es beim Beschuldigten «Klick gemacht, und ich habe gemerkt, dass ich die ‹political correctness› nicht eingehalten habe». Danach habe er sich umgehend für seine verbale Entgleisung entschuldigt, die er als Witz versteht.

«Achtung, wir Ausländer kommen»

Zu seiner Verteidigung sagt der Beschuldigte mit Brille und markantem Bart gegenüber dem Vorsitzenden Richter Christian Koch, dass er erstaunt gewesen sei, dass sein Kollege mit dem Schlüssel die Türe nicht habe aufschliessen können. Immer wieder flotte Sprüche sind am Arbeitsort gefallen. «Achtung, wir Ausländer kommen.» Diesen Satz habe der Beschuldigte vom Geschädigten öfters gehört. Der Beschuldigte sagt:

«Das Hochhalten des Ausländerstatus war immer wieder latent vorhanden.»

Auf Nachfrage von Richter Christian Koch, wieso der Beschuldigte kurz vor Ladenschluss von auf- statt zumachen sprach, antwortet er: «Ich habe zumachen gesagt.» Die Verteidigerin spricht vor Gericht zwar von Ehrverletzung, plädiert aber auf Freispruch. Der Ausdruck «Jugo» sei nicht relevant ehrverletzend, weil er mit einem scherzhaften Sinn behaftet sei. Gänzlich fehlt für die Verteidigerin das Motiv, zumal die beiden Mitarbeitenden ein gutes Verhältnis zueinander pflegten. Zudem erwähnt sie die «teils abweichenden Aussagen» sowie die beruflichen und privaten Probleme des Geschädigten und seines Zeugen.

Schutzbehauptung des Beschuldigten

Nach einer rund halbstündigen Verhandlung spricht das Bezirksgericht den Beschuldigten des Vorwurfs der üblen Nachrede frei. «Der Vorsatz ist nicht genügend gegeben», begründet Richter Koch das Urteil. Der Ausdruck «Jugo» sei eine Anspielung auf Diebstahlbanden gewesen, weshalb er die Aussage des Beschuldigten, er habe davon gesprochen, die Tür zuzumachen, als Schutzbehauptung taxiert. Trotzdem habe er das Ausmass seiner Aussage erst nach der Reaktion des Geschädigten realisiert. Koch sagt: «Fahrlässigkeit ist nicht strafbar.»

Die Untersuchungs- und Verfahrenskosten gehen zulasten der Thurgauer Staatskasse. Der entlastete Schweizer erhält eine Entschädigung von rund 4000 Franken. Ausserdem werden die Forderungen des Geschädigten auf den Zivilweg verwiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.