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Chips als Znüni: Mehr als 10 Prozent der Thurgauer Kinder sind übergewichtig

Übergewichtige Eltern = dicke Kinder? Stimmt nicht immer, aber oft. Der Kreuzlinger Kinderarzt Sebastian Beck sagt «Bei übergewichtigen Kindern im Vorschulalter ist in der Regel mindestens ein Elternteil stark übergewichtig.»
Ida Sandl
Der Bauch wird irgendwann zum gesundheitlichen Problem. (Bild: Fotolia)

Der Bauch wird irgendwann zum gesundheitlichen Problem. (Bild: Fotolia)

Elternabend in einer Frauenfelder Primarschule. Die Lehrerin erklärt, was ihr bei den Kindern auffällt. Erschreckend dabei: Ein grosser Teil der Primarschüler bringt Chips als Znüni mit in die Schule. Mit anderen Worten, Kalorien, Fett, Salz, sogar Zucker in Fülle – Fehlanzeige dagegen bei Vitaminen und Nährstoffen. Der Kreuzlinger Kinderarzt Sebastian Beck sagt: «Wir stellen bereits im Kindesalter das Auftreten von Altersdiabetes oder ein metabolisches Syndrom fest.» Beides sind Folgen einer starken Fettleibigkeit, bekannt als Adipositas. «Vor 50 Jahren kamen diese Folgeerkrankungen in dieser Altersgruppe niemals vor.»

10,4 Prozent der Thurgauer Kinder sind übergewichtig, 2,4 Prozent so stark, dass man von Adipositas, also Fettleibigkeit, spricht. Die Schätzungen stammen aus einer Studie von 2018, befragt zu ihrem Gewicht wurden Kinder und Jugendliche von 11 bis 15 Jahren.

Wie die Eltern, so die Kinder?

Soweit die Fakten. Übergewicht sei schädlicher als Untergewicht, sagt der Hausarzt einer magersüchtigen Mutter, der die Obhut entzogen worden ist. Der Hausarzt hält das für übertrieben. Er meint, dann müsste man konsequenterweise auch einer stark übergewichtigen Mutter das Kind wegnehmen. Stimmt es aber wirklich, dass dicke Eltern auch dicke Kinder heranziehen?

Heinrich von Grünigen ist Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung, die schwer übergewichtige Menschen berät. Er sagt, Adipositas werde sowohl durch das Ernährungs- und Bewegungsmuster bedingt als auch durch die Umwelt und genetische Anlagen. Sein Fazit:

«Die Wahrscheinlichkeit ist gross und auch durch die Forschung nachgewiesen, dass die Kinder übergewichtiger Eltern und Grosseltern ebenfalls übergewichtig werden.»

Kinderarzt Sebastian Beck sagt, nicht alle stark übergewichtigen Mütter hätten auch dicke Kinder. «Aber bei übergewichtigen Kindern im Vorschulalter ist in der Regel mindestens ein Elternteil stark übergewichtig.» Das gemeinsame Essen ist ein zentraler Punkt im Leben einer Familie. Hier werden die Weichen gestellt. Die gesellschaftliche Situation ist paradox. Denn noch nie wurde so viel über gesunde Ernährung geschrieben und geredet wie heute.

Eigentlich müsste jeder und jede wissen, wie es geht. Das ist aber nicht zwingend der Fall. Judith Hübscher Stettler, die kantonale Beauftragte für Gesundheitsförderung, Prävention und Sucht, stellt fest:

«Die Fülle an Information führt manchmal eher zu mehr Verunsicherung.»

Zurück zu den Pausen-Chips. Die Mütter wissen vielleicht sogar, dass Chips keine gute Idee für das Znüni sind. Aber sie schaffen es nicht, dem Kind seinen Wunsch auszuschlagen. Der grösste Fehler, den Eltern bei der Ernährung ihrer Kinder machen, sei, ihnen zu viel Zucker zu geben, sagt Judith Hübscher Stettler. Das fange bei Frühstücksflöckli und Fruchtjoghurt an, ganz zu schweigen von süssen Limonaden, den Softdrinks.

Für die Kinder ist es vor allem ein soziales Problem

Starkes Übergewicht macht krank, auch wenn sich hartnäckig der Mythos vom gesunden Dicken hält. Hoher Blutdruck, Diabetes, Gelenkschäden. Es steigert das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen wie Schlaganfall. Schlimmer sind im Kindesalter jedoch die psychosozialen Folgen. Zum Beispiel, wenn dicke Kinder von ihren Klassen-Gespänli ausgegrenzt werden. Das Selbstwertgefühl sinkt. Die Kinder kapseln sich ab, meiden Sportvereine und bewegen sich noch weniger.

Abnehmen ist jedoch nicht so einfach. 90 Prozent aller Versuche, das Essverhalten dauerhaft zu verändern, scheitern nach gewisser Zeit. Diese Zahl stammt von Adipositas-Präsident Heinrich von Grünigen. «Es braucht viel Willenskraft und auch einen gesundheitlichen Leidensdruck, um durchzuhalten.»

Judith Hübscher Stettler ist überzeugt, dass man bis ins hohe Alter sein Ernährungs- und Bewegungsverhalten ändern kann. «Essen sollte etwas Unbeschwertes, Lustvolles bleiben», sagt sie.

«Wir müssen aufpassen, dass wir Kinder nicht schon Richtung Diät vorprogrammieren.»

Erst Babyspeck, irgendwann Adipositas

Zuerst ist es süsser Babyspeck, dann wird es zu Übergewicht und im schlimmsten Fall kommt irgendwann die Diagnose Adipositas. Das heisst Fettsucht oder Fettleibigkeit. Der Begriff leitet sich her vom lateinischen Wort für Fett, «adeps». Die Weltgesundheitsorganisation WHO zieht die Grenze beim Bodymass-Index (BMI). Der BMI wird berechnet nach der Formel Gewicht in Kilogramm geteilt durch Grösse in Metern, hoch 2. Auf der Website der Schweizerischen Adipositas Stiftung gibt es einen BMI-Test (https://www.adipositas-stiftung.ch/de/home/was-ist-adipositas).

Bei einem BMI von über 30 beginnt Adipositas mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung gibt Info-Blätter heraus, die Eltern eine fachlich fundierte und alltagstaugliche Orientierungshilfe bieten: http://www.sge-ssn.ch/ich-und-du/download/merkblaetter-und-unterlagen/ (red)

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