Hinterthurgauer Überflieger und Pechvögel in den Kantonsratswahlen

Analyse der kleineren und grösseren Überraschungen in den Kantonsratswahlen 2020 im Bezirk Münchwilen.

Olaf Kühne
Drucken
Teilen
Blick auf den Hinterthurgauer Bezirkshauptort Münchwilen.

Blick auf den Hinterthurgauer Bezirkshauptort Münchwilen.

(Bild: Olaf Kühne)

Am Corona-Virus lag es nicht. Zwar lag am Sonntag im Hinterthurgau die Stimmbeteiligung an den Kantonsratswahlen bei tiefen 29,7 Prozent. Nur fiel die Wahlbeteiligung vor vier Jahren mit nur gerade 27,9 Prozent nochmals merklich tiefer aus.

Andere Aspekte des vorgestrigen Wählerverhaltens sind denn auch interessanter. So mussten im Bezirk Münchwilen zwei Bisherige über die Klinge springen: Kilian Imhof (CVP) und Clemens Albrecht (SVP) schafften die Wiederwahl nicht. Allerdings mit unterschiedlichem Hintergrund.

Besonders bitter dürfte die Abwahl für Imhof sein. Wurden doch die Hinterthurgauer Christdemokraten von sechs auf fünf Sitze zusammengestutzt – obwohl sie ihren Wähleranteil gegenüber 2016 gar um 1,8 Prozentpunkte steigern konnten; von 22,2 auf 24 Prozent. Und da Kilian Imhof vom sechsten Listenplatz aus gestartet war, fiel er schlicht dem «Proporzpech» zu Opfer, wie es Bezirkspräsident Paul Rutishauser am Sonntagabend gegenüber unserer Zeitung formulierte.

Mit dem Ausgang der Wahl scheint auch der Fischinger CVP-Kantonsrat Josef Gemperle zu hadern. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er: «Die acht engagierten Jung CVP’ler erreichen mit ihrer Liste sensationelle 7744 Stimmen, verfehlen den Sitzgewinn um wenige Stimmen, denn die EVP holt mit 27 Stimmen mehr einen Sitz.» Noch bitterer sei, dass die EDU mit gar nur 6456 Stimmen dank der Listenverbindung mit der EVP ihren Sitz habe verteidigen können.

Als Neuer auf den dritten Platz gewählt

Priska Peter, neu gewählte SVP-Kantonsrätin und Ortsparteipräsidentin aus Münchwilen

Priska Peter, neu gewählte SVP-Kantonsrätin und Ortsparteipräsidentin aus Münchwilen

Wurde der CVPler Kilian Imhof also vom Proporzpech getroffen, liegt die Abwahl von Clemens Albrecht – notabene nach zwölf Jahren im Kantonsrat – anders begründet. Konnte doch die SVP Hinterthurgau ihre acht Mandate verteidigen. Zudem war der Oberwanger vom siebten Listenplatz aus gestartet. Nur wurde er gleich von zwei Neuen überholt: Die Münchwiler Ortsparteipräsidentin Priska Peter wurde von den Wählerinnen und Wählern vom zwölften auf den achten Listenplatz gehievt.

Stefan Mühlemann, neu gewählter SVP-Kantonsrat und Aadorfer Vizegemeindepräsident

Stefan Mühlemann, neu gewählter SVP-Kantonsrat und Aadorfer Vizegemeindepräsident

Noch grösser war der Sprung von Stefan Mühlemann. Auf Listenplatz neun durfte sich der Aadorfer Vizegemeindepräsident zwar reelle Wahlchancen ausrechnen. Dies, weil schon im Vorfeld feststand, dass der im Januar an Obergericht gewählte Münchwiler Cornel Inauen als baldiger Kantonsangestellter seine Wahl wird ablehnen müssen. Mit Rang drei – und somit vor diversen Langjährigen – erzielte Mühlemann aber geradezu ein Glanzresultat.

Rückkehr nach acht Jahren

Mathias Dietz, neu gewählter EVP-Kantonsrat und Bezirksparteipräsident aus Eschlikon

Mathias Dietz, neu gewählter EVP-Kantonsrat und Bezirksparteipräsident aus Eschlikon

Einen Sprint, um eine Sportmetapher zu bemühen, hat auch Mathias Dietz hingelegt – und mit ihm seine Partei, die Hinterthurgauer EVP. 2012 wurde ihr damaliger Kantonsrat Fritz Rupp abgewählt, seither war die Bezirkspartei nicht mehr im Kantonsrat vertreten. Nun schaffte just Bezirkspräsident Dietz den Wiedereinzug, obwohl der Eschliker Diakon vom dritten Listenplatz aus gestartet war.

Nur ein kleines Überholmanöver musste Isabelle Vonlanthen-Specker absolvieren für ihre Wahl. Erwartungsgemäss konnten die Grünen zulegen, im Hinterthurgau von zwei auf drei Sitze. Die Balterswiler Tierärztin zog, als Politneuling, von Listenplatz vier aus am Fischinger Ortsparteipräsidenten Matthias Kreier vorbei.

Isabelle Vonlanthen-Specker, neu gewählte Grünen-Kantonsrätin aus Balterswil

Isabelle Vonlanthen-Specker, neu gewählte Grünen-Kantonsrätin aus Balterswil

Konnten EVP und Grüne einen Sitz gewinnen, gaben CVP und FDP einen ab. Im Gegensatz zu den Christdemokraten traf es bei den Freisinnigen jedoch keinen Bisherigen: Guido Grütter hatte nach seinem Rücktritt als Münchwiler Gemeindepräsident auch auf eine Kandidatur für den Kantonsrat verzichtet. Kleinere Überflüge kann die Hinterthurgauer FDP dennoch verbuchen.

So findet sich der Wängemer Gemeindepräsident Thomas Goldinger, angetreten auf Platz fünf, nun auf dem ersten Ersatzplatz wieder. Und die Aadorfer Gemeindeschreiberin Manuela Fritschi vermochte immerhin, Bezirkspräsident Harry Stehrenberger und den Münchwiler Schulpräsidenten Lukas Weinhappl hinter sich zu lassen.

Der Überflieger des Wahlsonntags ist aber Gabriel Walzthöny: Das Sirnacher Schulkommissionsmitglied machte auf der CVP-Liste elf Ränge gut.