Interview
«Über kurz oder lang wird das Corona-Virus für die Wirtschaft im Thurgau Folgen haben»

Daniel Wessner, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit, zu den Auswirkungen des Corona-Virus auf die Wirtschaft.

Interview: Sebastian Keller
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Daniel Wessner, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit.

Daniel Wessner, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit.

Bild: Andrea Stalder

Nun wurde im Thurgau der erste Corona-Virus-Fall bestätigt. Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Daniel Wessner: Der bestätigte Fall selber bedeutet für die Wirtschaft noch nicht viel. Aber der ganze Corona-Hype, das Verbot von Veranstaltungen und die gefährdeten Lieferketten aus dem Ausland: Das alles wird über kurz oder lang in unserem Kanton wirtschaftliche Folgen haben.

Ist die Corona-Situation ein Rezessionsbeschleuniger?

Aufgrund der Prognosen gehen wir nicht davon aus, dass wir in eine Rezession schlittern. Aber wir müssen zum heutigen Zeitpunkt mit einer Abschwächung der Konjunktur rechnen. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden wir wohl erst in einer späteren Phase spüren.

Erhalten Sie beim Amt für Wirtschaft und Arbeit bereits Gesuche für Kurzarbeit?

Es ist tatsächlich so, dass die Anträge diese Woche stark zugenommen haben. Eine Woche zuvor hatten wir ganz wenige Anträge – und schon gar nicht mit der Begründung Corona-Virus. Diese Woche behandeln wir eine steigende Zahl – zehn bis zwanzig Anträge erhalten wir pro Tag in der laufenden Woche. Ich gehe davon aus, dass im Verlauf der wirtschaftlichen Schwächung noch eine grosse Zahl weiterer Anträge eingehen werde. Und genau für vorübergehende Betriebsunterbrüche und -ausfälle kennt die Schweiz das Instrument der Kurzarbeit.

Haben Sie bereits Gesuche bewilligt?

Ja, wir haben diese Woche 14 Gesuche bewilligt. Wir versuchen, sie innerhalb eines Tages relativ unkompliziert zu behandeln. Vorausgesetzt, die Unternehmen können glaubhaft machen, dass es mit dem Corona-Virus zusammenhängt. Ein normales Betriebsrisiko lässt sich nicht mit Kurzarbeit versichern.

Aus welchen Branchen stammen die Gesuche?

Wir haben aus der Event-Branche viele Gesuche, das hängt direkt mit dem Veranstaltungsverbot zusammen. Wir haben Gesuche aus der Gastrobranche, insbesondere Seminarbetriebe aus dem Thurgau. Auch Reiseunternehmer haben Kurzarbeit beantragt, die wir bewilligt haben und prüfen.

Hat der Kanton Thurgau weitere Instrumente, um den Unternehmen unter die Arme zu greifen?

Im Moment agieren wir innerhalb des geltenden Gesetzes. Mit dem Bund wird allerdings diskutiert, ob die Voraussetzungen gelockert werden können. Das hatten wir auch schon in vergangenen Rezessionen, nach der Finanzkrise etwa. Ich rechne mit gewissen Erleichterungen. Das heisst, dass man mit der Kurzarbeit relativ grosszügig umgehen wird. Die Idee ist ja, Arbeitsplätze bei kurzfristigen Unterbrüchen zu erhalten. Das Corona-Virus ist genau so ein Fall, wo man schaut, dass die Leute ihre Stelle nicht verlieren.

Wenn es das Instrument Kurzarbeit nicht gäbe, müsste man es genau für solche Fälle erfinden.

Das Instrument bewährt sich also, braucht es noch andere?

Rein finanziell haben wir wenig Möglichkeiten. Standortattraktivität ist ein Thema. Grundsätzlich müssen wir uns an die Instrumente des Bundes halten. Wir versuchen aber, wie gesagt, die Kurzarbeitsgesuche innerhalb von 24 Stunden grosszügig zu bearbeiten.

Nun befinden wir uns in einer speziellen Situation. Nach der Abstimmung über die Gewinnsteuersenkung gaben Unternehmen bekannt, in den Thurgau zu kommen. Auf der anderen Seite häufen sich Konkursmeldungen im Thurgau. Und nun Corona. Wie schätzen Sie die momentane Situation volkswirtschaftlich ein.

Im Grundsatz war sie positiv. Das Wachstum hatte sich zwar im letzten Quartal verlangsamt. Für das laufende Jahr waren wir grundsätzlich positiv gestimmt, wie auch die meisten Konjunkturforschungsstellen. Aber wir müssen realistisch sein – das weltweite und unvorhergesehene Ereignis Corona – wird Bremsspuren hinterlassen.

Welcher Art?

Das sind Lieferengpässe, für unsere exportorientierten Unternehmen besteht die Gefahr, dass in den Absatzmärkten nicht mehr im gleichen Ausmass gekauft wird. Für Zwischen- und Weiterverarbeiter ist es ein Thema, dass sie im Ausland die Teile nicht mehr bekommen.

Glücklicherweise mussten wegen des Corona-Virus noch nicht ganze Unternehmen schliessen.

Dann ist es auch ein mentales Thema. Wenn die Leute verunsichert sind, konsumieren sie weniger. Sie gehen weniger in den Ausgang, sie reisen nicht mehr. Schon zu sagen, wir schlittern in eine Rezession, wäre aber verfrüht. Ich glaube aber auch, wenn ein Impfstoff auf dem Markt ist, wird das Thema wieder relativ rasch verschwinden.

Sehen Sie auch positive Effekte?

Wir haben einzelne Unternehmen, die profitieren, weil asiatische Firmen nicht mehr liefern können. Damit kaufen Besteller aus Europa wieder Schweizer Produkte, auch wenn sie teurer sind. Nicht mehr der Preis ist entscheidend, sondern die Erhältlichkeit. Gewisse Branchen sind plötzlich wieder konkurrenzfähig, die Frage ist, wie lange.