Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Trotz schwieriger Vergangenheit: Drei Afghanen packen ihre Chance im Thurgau

Die Reise war beschwerlich, die erste Zeit in der Schweiz manchmal hart. Einer sprang sogar von einer Brücke. Asylbewerber müssen sich einiges anhören. Jetzt wollen drei Afghanen die Chance nutzen, die ihnen ihr Arbeitgeber bietet.
Thomas Wunderlin
Reza Malek, Hamid Abdulahi und Naqibullah Bek loben das schweizerische Berufsbildungssystem; alle drei möchten eine Berufslehre absolvieren oder haben schon damit begonnen. (Bild: Andrea Stalder)

Reza Malek, Hamid Abdulahi und Naqibullah Bek loben das schweizerische Berufsbildungssystem; alle drei möchten eine Berufslehre absolvieren oder haben schon damit begonnen. (Bild: Andrea Stalder)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Genau», sagt Reza Malek, wenn er zustimmt. Man merkt es dem 21-jährigen Afghanen an, dass er die Sprache vor allem mündlich gelernt hat. Bevor er in die Schweiz kam, hatte er kein Wort Deutsch gesprochen. Er habe immer mit den Leuten reden wollen, erklärt Malek.

Reza Malek lernt Metallbauer. (Bild: Andrea Stalder)

Reza Malek lernt Metallbauer. (Bild: Andrea Stalder)

Mit seinem gewinnenden Lächeln knüpft er leicht Kontakt. So schloss er auch nähere Bekanntschaft mit der Praktikantin, die als Deutschlehrerin ins Durchgangsheim Arbon kam. Leicht verlegen erzählt Malek, wie sie seine Freundin wurde. Deutsch zu lernen, fiel ihm von da an noch leichter. Inzwischen spricht er, wie wenn er sein halbes Leben im Oberthurgau verbracht hätte. «Genau.»

Barbara Imholz engagiert sich beim Solidaritätsnetz für Flüchtlinge in Romanshorn. Sie findet, Zeitungslesern sollten im Zusammenhang mit Flüchtlingen nicht nur Berichte über Probleme und Kosten vorgesetzt werden. Sie sollten auch positive Beispiele sehen, richtige Menschen mit Namen anstelle von Zahlen und Statistiken. So organisierte Imholz ein Interview mit drei Afghanen, die im Berufsleben Fuss gefasst haben.

Nach drei Wochen war klar, dass er eine Chance erhält

«Wir haben Reza Malek die Tür aufgemacht, weil er sich wirklich integrieren will», sagt Daniela Di Nicola, Mitinhaberin des Metallbaubetriebs Di Nicola in Hamisfeld und Amriswiler SVP-Stadträtin.

«Er ist neugierig, wissbegierig, ein intelligenter junger Bursche.»

Daniela Di Nicola, Arbeitgeberin von Reza Malek. (Bild: Donato Caspari)

Daniela Di Nicola, Arbeitgeberin von Reza Malek. (Bild: Donato Caspari)

2017 kam Reza Malek erstmals für eine Schnupperlehre in den Betrieb, dann wurde er Praktikant. Nach drei Wochen war der Firma klar, dass sie ihm eine Chance geben will. In diesen Tagen beginnt Malek eine sogenannte EBA-Ausbildung. Bewährt er sich, kann er innert des ersten halben Jahres umsatteln auf eine EFZ-Ausbildung, eine vierjährige Lehre als Metallbauer.

Sie hätte Malek schon letztes Jahr die EBA-Ausbildung beginnen lassen, wenn die Behörden kooperiert hätten, sagt Di Nicola. Wer den Status N habe, werde nicht unterstützt. N bedeutet, dass das Asylverfahren läuft. Di Nicola kritisiert dessen lange Dauer. Zwei Jahre und acht Monate nach der Einreise wisse Malek immer noch nicht, ob er in der Schweiz bleiben dürfe.

In der Schweiz kann jeder lernen, was er will

Er arbeite gern mit Metall, sagt Reza Malek. Sein Vater baue Kippbrücken für Lastwagen. Malek gehört zur Volksgruppe der Hazara und ist in Ghazni im Osten Afghanistans aufgewachsen. Weshalb ist er dort gegangen? «Das ist mir zu persönlich.» Über den Iran kam Reza Malek in die Türkei, dann mit einem Boot über die Ägäis. «Ab Griechenland ging es zackig, ich habe gar nicht gesehen, wo ich bin.» Die Polizei habe gesagt, er solle einfach in einen Zug steigen. Das war 2015, als Flüchtlinge in grosser Zahl durch den Balkan reisten.

In die Schweiz kam Malek, weil er gehört hatte, hier könne jeder lernen, was er wolle. Auch als Handwerker könne er später studieren: «Das finde ich mega gut.» Dass manche Schweizer keine Asylbewerber aufnehmen wollen, macht ihn traurig. Niemand verlasse sein Land freiwillig. Findet er, es gebe genug Platz für Flüchtlinge in der Schweiz? «Solche Fragen hasse ich», sagt Reza Malek unter Tränen:

«Sie geben mir das Gefühl, kein normaler Mensch zu sein.»

Dunkle, stinkende Unterkunft

Seine schwerste Zeit hatte der 22-jährige Hamid Abdulahi, als ihn die Gemeinde Rickenbach in einer Zivilschutzanlage einquartierte. «Es hatte keine Fenster, es hat gestunken.» Er sei nachts wach gelegen: «Ich war völlig durcheinander.»

Hamid Abdulahi lernt Zimmermann. (Bild: Andrea Stalder)

Hamid Abdulahi lernt Zimmermann. (Bild: Andrea Stalder)

Abdulahi stammt aus Kapisa im Nordosten Afghanistans. Der Angehörige der Volksgruppe der Tadschiken hat dieselbe Muttersprache wie Malek, Persisch, und spricht ebenso gut Schweizerdeutsch. In Afghanistan sah er keine Zukunft für sich. Der Krieg war eine ständige Bedrohung, auch wenn es in Kapisa ruhig war. In die Schweiz sei er gekommen, «weil ich ein paar Mal von Schweizer Uhren gehört hatte». Deutschland oder Schweden habe er vermeiden wollen, weil die meisten Afghanen dorthin gegangen seien.

2012 kam er via Basel ins Durchgangsheim Weinfelden. Er sei etwa 16 Jahre alt gewesen bei der Einreise, sei aber als 18-Jähriger registriert worden, sagt Abdulahi. «Sie hätten mich sonst speziell betreuen müssen.» In der Zivilschutzanlage wohnte er anfangs mit Asylbewerbern verschiedener Herkunft zusammen. Allmählich wurden alle andern ausgewiesen oder an andere Orte transferiert. Am Ende vegetierte Abdulahi allein im Untergrund. Die Gemeinde liess ihn eine Zeit lang in einem oberirdischen Zimmer wohnen. Dann musste sie ein knappes Dutzend Eritreer einquartieren; sie steckte sie in die Zivilschutzanlage. Nun musste auch Abdulahi wieder hinab. «Sie sagten, sie könnten nicht für mich ein Zimmer zahlen, aber für die andern nicht.»

Nach dem Suizidversuch wurde alles besser

Nach einigen Monaten sei ihm alles zu viel geworden. Er habe gedacht, man wolle ihn nicht hier haben. Es habe Leute gegeben, die gesagt hätten: «Für die Scheissflüchtlinge müssen wir zahlen.» «Sie sehen unsere Probleme nicht.» Am Ende habe er nicht mehr gewusst, was er eigentlich wolle.

«Ich hatte mir ein besseres Leben vorgestellt. Aber leider war es nicht so.»

So sprang Hamid Abdulahi von einer Brücke auf die Autobahn bei Wil. Von da an ging es bergauf. Zu seinem Glück wurde Abdulahi nicht überfahren. Nur der Rücken tat ein halbes Jahr lang weh. Noch in der Klinik Münsterlingen verschaffte ihm ein Jurist, der sich für Flüchtlinge engagiert, eine bessere Unterkunft; er bezahlte ihm auch einen Deutschkurs.

Abdulahi hat den Status F, was vorläufig aufgenommen bedeutet, und damit hat er gute Chancen, in der Schweiz zu bleiben. Und er fand Arbeit in der Zimmerei Egli in Oberhelfenschwil. Inzwischen ist er im zweiten Jahr der vierjährigen Zimmermannslehre. Abdulahi ist stolz auf seinen Beruf: «Ich arbeite gern mit Holz.» Ihm ist es wichtig, dass auf dem Foto seine Zimmermannshosen zu sehen sind.

Die Eltern schickten ihn nach Europa statt zu den Taliban

Naqibullah Bek beginnt jetzt eine EBA-Ausbildung im Lüftungsbau. (Bild: Andrea Stalder)

Naqibullah Bek beginnt jetzt eine EBA-Ausbildung im Lüftungsbau. (Bild: Andrea Stalder)

Auch der 22-jährige Naqibullah Bek kam 2015 mit dem grossen Flüchtlingsstrom nach Deutschland, wo er nicht bleiben wollte. Zusammen mit einigen anderen Flüchtlingen studierte er eine Europakarte, die in einem deutschen Bahnhof aushing. Dabei entschieden sie sich eher zufällig für die Schweiz. Bei der Otto Keller AG in Arbon beginnt Bek jetzt eine EBA-Ausbildung als Lüftungsbauer. Es gefällt ihm ausgezeichnet bei seinem Arbeitgeber: «Die Leute sind sehr freundlich.» Die Arbeit mache ihm Spass: «Wir montieren Kanäle und Rohre, Schalldämpfer, Geräte, Stromregler und Klimaanlagen.»

Beks Muttersprache ist Usbekisch. Er stammt aus Faryab im Norden Afghanistans. Sein Vater war Polizeikommandant, der im Dienst verwundet wurde. Auch als ehemaliger Staatsangestellter war er nicht sicher vor Anschlägen der Taliban. Diese verlangten von ihm, seinen Sohn zu ihnen zu schicken, um in ihren Reihen zu kämpfen. Stattdessen schickten seine Eltern Bek nach Europa. Mit seinen Angehörigen hält er mit Internetdiensten wie Whatsapp Kontakt. Manchmal telefoniert er auch, da Faryab nicht immer ein Netz hat. Von seinem Vater hat er seit zwei Monaten nichts mehr gehört. Seit einem Anschlag ist er verschwunden.

Weitere Artikel zum Thema:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.