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Traumatisiert im Thurgau:
120 Flüchtlingsbetreuer wollen helfen

Traumatisierte Flüchtlinge stehen das Programm nicht immer durch, mit dem sie der Kanton Thurgau in die Gesellschaft integriert werden sollen. Ein Fachmann erklärt, woran sie erkennbar sind: Traumatisierte sind nervös und schreckhaft, auch aggressiv oder verschlossen.
Thomas Wunderlin
Manche Asylbewerber leiden unter einem Trauma: Durchgangsheim Frauenfeld. (Bild: Susann Basler)

Manche Asylbewerber leiden unter einem Trauma: Durchgangsheim Frauenfeld. (Bild: Susann Basler)

Die 24-jährige Kamerunerin lebte allein in einer Asylunterkunft. Ausser mit ihrem Therapeuten, Thomas Maier, sprach sie mit niemandem über Dinge, die sie bewegten. Und auch ihm gegenüber verhielt sie sich verschlossen. «Sie sprach wenig, kam aber zuverlässig in die Stunde», sagte Maier an einer Weiterbildung für Asylbetreuer am Montag in Weinfelden.

Sie suchte den Weg zurück ins Leben

«Sie war komplett verloren in der Schweiz. Ich dachte, sie braucht Zeit, um sich zu ordnen.» Die Frau sei schreckhaft, nervös, introvertiert und ängstlich gewesen. Maier unterhielt sich mit seiner Patientin auf Französisch, was nicht ihre Muttersprache gewesen sei. Der maskuline Eindruck, den sie mit ihrer Kurzhaarfrisur auf ihn machte, verstärkte sich, als er erfuhr, dass sie dank einem Geschenkabo Krafttraining in einem Fitnessstudio betrieb und auch joggte. «Sport war für sie elementar, um sich wieder aufzurichten.»

Thomas Maier, Chefarzt Psychiatrie St. Gallen Nord. (Bild: Michel Canonica)

Thomas Maier, Chefarzt Psychiatrie St. Gallen Nord. (Bild: Michel Canonica)

Das Tagungsthema «Psychotrauma und Migration» ist für ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer und Sozialarbeiter offensichtlich aktuell. Über 120 Teilnehmer fanden sich gemäss Gästeliste in der Aula des Berufsbildungszentrums Weinfelden (BBZ) ein. Eine Teilnehmerin, die neben dem Berichterstatter sass, verfolgte Maiers Vortrag besonders engagiert. Fast nach jedem Satz des Referenten gab sie ein zustimmendes Gemurmel von sich.

Psychische Probleme verhindern Berufsausbildung

Laut BBZ-Rektor Willi Spring ist das Thema auch an seiner Schule aktuell. Denn seit vier Schuljahren werden am BBZ Integrationsklassen geführt. Die Absolventen bereiten sich auf eine Berufsausbildung vor. Traumata sind laut Spring eine Hemmschwelle auf diesem Weg.
Wie viele Flüchtlinge traumatisiert sind, lässt sich nur schätzen. Die Veranstalter – die Hilfsorganisation Agathu und die Thurgauer Sektion des Roten Kreuzes – deuteten in der Einladung eine fünf- bis sechsstellige Zahl an.

Willi Spring, Rektor des gewerblichen Bildungszentrums Weinfelden. (Bild: Mario Testa)

Willi Spring, Rektor des gewerblichen Bildungszentrums Weinfelden. (Bild: Mario Testa)

Der Bund schätzt, dass 30 Prozent der Asylbewerber, die ein Bleiberecht erhalten haben, aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten können, sagte Bettina Vincenz vom kantonalen Sozialamt. Sie ist Leiterin der Koordinationsstelle des Erstintegrationsprogramms, das der Kanton Thurgau seit 2017 durchführt. In diesem Programm mussten gemäss Vincenz’ Angaben lediglich drei der 180 Teilnehmer das Programm abbrechen, drei weitere besuchen eine Therapie.

Der Aufenthaltsstatus ist das wichtigste Problem

Oft sehen Traumatisierte ihr Problem nicht. Für Maier ist das nicht erstaunlich. Das wichtigste Problem eines Asylbewerbers ist ein anderes:

«Der Aufenthaltsstatus ist für die Leute viel wichtiger, als was vor zwei Jahren in Syrien geschehen ist.»

Eine Lehrerin, die Asylbewerber unterrichtet, berichtete von einem Afghanen, der nicht gewusst habe, was eine Psychotherapie ist: «Er konnte nicht wissen, dass er krank ist.»

Thomas Maier, ein einfühlsamer 52-jähriger mit buschigen schwarzen Augenbrauen, ist Chefarzt der Psychiatrie St. Gallen Nord. Zwischen 2003 und 2010 baute er das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich auf. Maier sei «einsame Spitze» auf seinem Gebiet gewesen, sagte Karl Studer, ehemaliger Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, der für die Veranstalter sprach.

Karl Studer, Sprecher der Veranstalter, ehemaliger Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. (Bild: Archiv)

Karl Studer, Sprecher der Veranstalter, ehemaliger Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. (Bild: Archiv)

Gemäss ihren Fragen interessierten sich die Zuhörer vor allem dafür, wie sie Traumatisierte erkennen können. Maier empfahl eine amerikanische Checkliste. Sie umfasst 15 Kriterien wie beispielsweise Nummer 9: «Crying easily». Anzukreuzen ist eines von fünf Antwortfeldern, die von «not at all» bis «extremly» reichen.

Vom Trauma nie geheilt

Mit einer Checkliste ist eine schnelle Abklärung möglich, was laut Maier besonders im beschleunigten Asylverfahren sinnvoll ist. Ein Trauma kann laut Maier eigentlich nicht geheilt werden. Denn das Trauma gehöre zur Lebensgeschichte eines Patienten.

Der Therapeut erweise den Patienten Respekt, er achte ihre Würde. Wichtig sei die Zeugenschaft; die Patienten hätten schwerste Menschenrechtsverletzungen erlebt. Die gerichtliche Aufarbeitung bedeute ihnen viel. Maier betonte, dass man sich die Verarbeitung eines Traumas «nicht zu hoch» vorstellen solle. «Nicht jeder braucht zehn Jahre lang einen spezialisierten Traumatherapeuten.» Das Ziel einer Therapie sei es, aufsteigende Ängste bewältigen zu können und «die Kontrolle über das eigene Leben wieder zu erlangen».

Die Leiterin der Koordinationsstelle, Bettina Vincenz, stimmte zu: «Eine Traumatherapie ist nicht immer die beste Lösung.» Die Job-Trainer des Erstintegrationsprogramms seien darin geschult, Symptome zu erkennen, und würden die Betroffenen an einen Hausarzt verweisen.
Die soziale Distanz zwischen Therapeut und einem Asylbewerber ist laut Maier riesig. «Da liegen Welten dazwischen, auch wenn ich es nicht will.» Es brauche Zeit, bis man sich auf Augenhöhe begegnen könne.

Schlafzimmer im Asylzentrum Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Schlafzimmer im Asylzentrum Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Behörden lehnen Asylantrag der Kamerunerin ab

Bei der 24-jährigen Kamerunerin kam er offenbar nicht so weit. Er kann nur vermuten, dass sie traumatisiert gewesen sei. «Sie sprach nie über Abschied, Trauer oder Identität.» Irgendwann gestand sie ihm, dass sie unter einem falschen Namen eingereist war. Ihren Namen im Asylverfahren zu ändern, sei nicht möglich gewesen.

Doch in der Therapie habe er sie fortan unter ihrem richtigen Namen angesprochen. Die Kamerunerin hatte Asyl aus ethnischen und politischen Gründen beantragt. Ob zu Recht oder nicht, damit befasste sich Maier nicht. Die Asylbehörden sagten, sie sei aus wirtschaftlichen Gründen geflüchtet. Als sie ihr die Ausschaffung androhten, sei sie wegen Selbstmordgefahr hospitalisiert worden. Sie habe darauf den Vorläufig-Aufgenommen-Status erhalten, sagte Maier, «weil wir sie krank geschrieben haben».

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