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Psychiatrische Klinik Münsterlingen: Medikamentenversuche an bis zu 3000 Patienten +++ Kanton errichtet Zeichen der Erinnerung auf altem Spitalfriedhof

Roland Kuhn testete in Münsterlingen eine enorme Menge nicht zugelassener Medikamente direkt an seinen ahnungslosen Patienten. Ein nun erschienenes Buch zeigt die Dimension der Tests auf.
Silvan Meile, Larissa Flammer
Roland Kuhn mit Mitarbeiterinnen vor einem Medikamentenschrank. (Bild: Staatsarchiv Thurgau)

Roland Kuhn mit Mitarbeiterinnen vor einem Medikamentenschrank. (Bild: Staatsarchiv Thurgau)

Psychiater Roland Kuhn war für die Basler Pharmaindustrie von 1940 bis 1980 ein aussergewöhnlicher und besonders eifriger Tester von neuen Substanzen. In dieser Zeit gelangten mehrere Millionen Einzeldosen von Dutzenden nicht zugelassenen Medikamenten zur Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, wo Kuhn sie an seinen Patienten ausprobierte.

Die meisten der Tests fanden weder mit der Einwilligung noch mit dem Wissen der mindestens 3000 Betroffenen oder deren Angehörigen statt. Auch zu Todesfällen ist es in Zusammenhang mit Prüfmedikamenten gekommen. Marietta Meier sagt:

«Bei diesen wurde aber von niemandem genau hingeschaut, rückblickend sind sie schwer zu beurteilen.»

Die Titularprofessorin der Universität Zürich stellte am Montag ein Buch über die Medikamententests in der Klinik am Bodenseeufer vor. Im Auftrag des Kantons Thurgau arbeitete eine Forschergruppe auf 334 Seiten den «Testfall Münsterlingen» auf.

Der «Pilot-Tester» für die Basler Pharmaindustrie

Kuhn entdeckte 1957 das erste Antidepressivum, was zu einem Wandel in der Psychiatrie beitrug. Doch das Buch verdeutlicht: Kuhn selber hielt mit dem Umbruch der Branche nicht Schritt, wollte auch nicht.

Er hielt nichts von Reglementierungen und Prüfungsanordnungen, wie sie während seiner Zeit in den 60er Jahren für Medikamententest aufkamen. Zahlen und Statistiken interessierten ihn nicht. Kuhn habe in seinem Vorgehen eher willkürlich gehandelt als nach einem erkennbaren Muster, halten die Buchautoren fest. Methodische Vorgaben befolgte er nicht, sondern vertraute weiterhin auf seine eigenen Beobachtungen.

Die Test-Medikamente wurden in Boxen geliefert. Diese drei befanden sich noch im Nachlass von Roland Kuhn. (Bild: Staatsarchiv Thurgau)

Die Test-Medikamente wurden in Boxen geliefert. Diese drei befanden sich noch im Nachlass von Roland Kuhn. (Bild: Staatsarchiv Thurgau)

Spätestens da wurde Kuhn wohl auch unter ethischen Aspekten zunehmend zu einem schweizweiten Sonderling. «Gegenüber der Forschung in universitären Kliniken öffnete sich die Schere immer mehr», sagt Meier. Dennoch lieferte der Psychiater von Münsterlingen, der auch vermehrt an stationären Patienten testete, weiterhin Erkenntnisse nach Basel.

Für die Pharmaindustrie wurde Kuhn mit der Zeit zum «Schnellprüfer» oder «Pilot-Tester», «mit dessen Hilfe man zwar relativ rasch einen ersten Eindruck vom Wirkungsspektrum einer neuen Substanz gewinnen konnte, dessen Ergebnisse jedoch in den Zulassungsanträgen nicht einmal mehr erwähnt wurden», heisst es im Buch.

Doch auch Kuhns Eifer bei Langzeitversuchen liess man freien Lauf. Zwar war sein Vorgehen nicht mehr zeitgemäss, doch sowohl die Behörden als auch die Pharmaindustrie liessen ihn gewähren. Letztere deckte ihn mit Prüfsubstanzen regelrecht zu. So kamen Medikamente nach Münsterlingen, welche auch die für klinische Versuche vorgeschriebenen Prüfungsverfahren vorgängig nicht durchliefen. In Kuhns Klinik wurden letztlich viele Medikamente getestet, die nie auf den Markt gekommen sind, sagt Meier.

Kuhn verdiente viel Geld mit seinen Versuchen

Kuhn sei mit seiner klinischen Forschung in Münsterlingen auch wohlhabend geworden. Viel Geld floss von der Pharmaindustrie auf seine privaten Konten. Die Historiker schreiben:

«In Preisen von 2015 ausgedrückt, beliefen sich die ‹Forschungseinkünfte› auf rund acht Millionen Franken.»

Forschungsinteresse und finanzielle Motive liessen sich bei Kuhn kaum voneinander trennen. Mehrmals beklagte er sich in Briefen über das zu tiefe Gehalt vom Kanton Thurgau. «Nichts gilt der Prophet im eigenen Vaterlande.»

Medientermin im Thurgauer Staatsarchiv: Regierungsrat Walter Schönholzer, Staatsarchivar André Salathé, Regierungspräsident Jakob Stark, Marietta Meier (Leiterin Forschungsteam, Uni Zürich) und Magaly Tornay (Forschungsteam Uni Zürich). (Bild: Andrea Stalder)

Medientermin im Thurgauer Staatsarchiv: Regierungsrat Walter Schönholzer, Staatsarchivar André Salathé, Regierungspräsident Jakob Stark, Marietta Meier (Leiterin Forschungsteam, Uni Zürich) und Magaly Tornay (Forschungsteam Uni Zürich). (Bild: Andrea Stalder)

Dank Kuhns Medikamententests und dem direkten Draht zur Pharmaindustrie sparte auch der Kanton viel Geld bei den Medikamentenkosten. Davon hätten auch kantonale Stellen Bescheid gewusst, wie auch von den Tests generell. Eine Prüfung durch die Behörden habe aber nie stattgefunden, sagt Meier.

«Man ging davon aus, dass Forschung betrieben wurde, die erst noch das Medikamenten-Budget senkte, und gab sich zufrieden damit.»

Bei «Testfall Münsterlingen» fällt das enorme Ausmass der Medikamentenversuche auf. Auch Kinder waren in die Tests involviert. Es gebe aber keine Hinweise auf das medial oft gezeichnete Bild von Bussen voller Kinder, die vom Kinderheim in Fischingen nach Münsterlingen gebracht wurde, um an ihnen Medikamente zu testen, sagt Meier. «Es gibt auch keine Belege dafür, dass Pflege- und Heimkinder häufiger oder anders behandelt wurden als Kinder aus Familien.»

Von April 2016 bis Januar 2019 untersuchte ein Forscherteam die Archive von Roland Kuhn und seiner Ehefrau, jenes der Klinik Münsterlingen sowie Akten aus Archiven von Pharmafirmen. Mit 53 Zeitzeugen führten sie Gespräche. Das Projekt kostet rund eine Million Franken. Auslöser waren hauptsächlich Medienberichte über Opfer der Medikamententests.

Hinweis: «Testfall Münsterlingen» erscheint im Chronos Verlag Zürich.

Ein Zeichen der Erinnerung auf dem ehemaligen Spitalfriedhof

Der Thurgauer Regierungsrat entschuldigt sich bei allen Betroffenen von Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Das sagte Regierungspräsident Jakob Stark an der Pressekonferenz von Montag: «Sehr betroffen macht, dass auch besonders vulnerable Patientengruppen wie Kinder, Jugendliche und Schwerst- und Chronischkranke in die Tests miteinbezogen wurden.»

Der Regierungsrat ist sich sicher, dass Vorgänge, wie sie von der Studie beschrieben werden, heute in der Art nicht mehr möglich sind. Die Regierung will die Studie «Testfall Münsterlingen» aber trotzdem als Aufforderung verstehen, die geltenden Regelungen periodisch auf ihre Wirkung hin zu überprüfen.

Wettbewerb unter Künstlern

Ein Bundesgesetz von 2016 fordert die Kantone auf, kantonale Zeichen der Erinnerung an fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen zu errichten. Der Thurgauer Regierungsrat hat diese Aufgabe bis jetzt nicht in Angriff genommen, weil er sich nicht im Klaren darüber war, ob es zwischen diesen Massnahmen und den Medikamententests in Münsterlingen einen Zusammenhang geben könnte.

Die Mutmassung, dass Kinder und Jugendliche aus Heimen planmässig und in grosser Zahl in Münsterlingen für Medikamententests missbraucht worden sind, hat sich so nicht bestätigt. Gleichwohl gibt es Verbindungen zwischen dem einen und dem andern, sagte Regierungsrat Walter Schönholzer, Chef des Departements für Inneres und Volkswirtschaft, am Montag. Der Regierungsrat will deshalb das Zeichen der Erinnerung im Thurgau ausdrücklich auch den Betroffenen von Medikamententests widmen.

Das Zeichen – es scheint wohl eine Art Skulptur zu werden – wird auf dem ehemaligen Spitalfriedhof von Münsterlingen errichtet. Der Friedhof wird zudem partiell restauriert und unter Schutz gestellt. Gleichzeitig soll auf dem Gelände des Massnahmenzentrums Kalchrain ein Partnerzeichen errichtet werden. So werde wenigstens angedeutet, dass die Betroffenen seinerzeit oft von Institution zu Institution weitergereicht wurden, erklärte Schönholzer.

Der Kanton veranstaltet einen Wettbewerb im Einladungsverfahren unter Künstlerinnen und Künstlern. Mit der Durchführung ist eine Jury beauftragt, die von alt Regierungsrat Claudius Graf-Schelling präsidiert wird. Das Projekt wird sofort gestartet. Schönholzer sagte:

«Ziel ist es, die Zeichen spätestens in anderthalb Jahren enthüllen zu können.»

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